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  • 09.11.2017
  • von Christiane Peitz

Krieg und Kunst: Aleppo in Berlin

von Christiane Peitz

Die Bus-Skulptur von Manaf Halbouni ist inspiriert von einer Bus-Barrikade, die in Aleppo zum Schutz gegen Sniper diente. In Dresden sorgte die Installation für Proteste von Pegida-Anhängern. Foto: picture alliance / Sebastian Kahnert

Die Kunst der Zweckentfremdung: Manaf Halbounis Bus-Installation holte Aleppo nach Dresden. Nun kommt die Bus-Installation nach Berlin ans Brandenburger Tor.

In Venedig ist es ein Spaß. Der auf die Nase gekippte Lkw vor dem österreichischen Pavillon zieht das Publikum an. Viele stehen Schlange, um den 8,70 Meter hohen „Aussichtsturm“ im Inneren erklimmen zu können und der Anweisung des Künstlers Erwin Wurm zu folgen: „Stillstehen und über das Mittelmeer schauen“. Dabei kann man das Mittelmeer gar nicht sehen von hier oben, nur die Biennale-Giardini und ein paar Kanäle. Aber die Gedanken sind frei: Sattelschlepper, Schlepperfahrzeug, Terrorwaffe, Mittelmeerflüchtlinge – das geht einem schnell durch den Kopf. Zumal der Lkw etwas schief dasteht, ein wenig unsicher fühlt man sich schon, trotz solider Verankerung.

In Dresden war es ein Politikum. Als der syrisch-deutsche Künstler Manaf Halbouni am 7. Februar drei ausrangierte Busse hochkant auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche errichten ließ, protestierten die Pegida-Anhänger. Mit Trillerpfeifen, Handgreiflichkeiten und „Volksverräter“Beschimpfungen auch gegen den Frauenkirchen-Pfarrer und den Oberbürgermeister, die bei der Einweihung zugegen waren. Die Installation musste von der Polizei geschützt werden. Weil die Busse vor den Randalierern nicht sicher waren – dabei erzählte die Skulptur selber etwas über Sicherheit. Halbouni ließ sich für die Arbeit von jenen drei zerschossenen Bussen inspirieren, die in Aleppo als Barrikade gegen Scharfschützen dienten. Zur Sicherheit für die Anwohner – oder wenigstens einer Anmutung davon.

„Monument“ heißt das temporäre Kunstwerk, mit dem Aleppo nach Dresden kam, bis Anfang April. An diesem Wochenende kommt Aleppo nach Berlin. Ab Freitag werden die Dresdner Busse am Brandenburger Tor mit Kränen in dem bereits ausgegossenen Fundament installiert, am Samstagnachmittag wird die Skulptur eingeweiht, im Rahmen des Herbstsalons des Maxim-Gorki-Theaters. Als Mahnmal gegen den Krieg, als Memorial der Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten – ähnlich wie die Liste der Mittelmeertoten, „The List“, von der Künstlerin Banu Cennetoglu, die Unter den Linden auf Litfaßsäulen nachzulesen ist und am Donnerstag dem Tagesspiegel beilag.

Das Foto der Busse in der zerbombten syrischen Stadt ist um die Welt gegangen, ein Inbild der syrischen Katastrophe. Linienbusse, die die Anwohner nicht mehr zur Arbeit, zur Schule oder in die City transportieren, Busse, die selbst Angriffsziel werden, um derart demoliert dann wenigstens noch als provisorisches Schutzschild herzuhalten – solche Pervertierung des zivilen Lebens macht das Ende jeglichen friedlichen Alltags offenkundig. In Aleppo wurden die Busse mit Seilen und Winden hochgekippt – und mit verzweifeltem Überlebenswillen. Der Krieg hebt die Welt aus den Angeln.

Aleppo, Dresden, Berlin: Halbouni versteht sich als Brückenbauer

Der Streit in Dresden drehte sich nicht zuletzt um diese Originalbusse von Aleppo. Zeitweilig soll die Flagge der Rebellengruppe Ahrar al-Sham an der Barrikade zwischen den Häuserruinen gehängt haben. Weshalb seitens der Dresdner AfD von „Lügen-Bussen“ die Rede war; der Künstler habe Islamisten ein Denkmal gesetzt. Aber erstens ist die Rolle von Ahrar al-Sham im verworrenen Bürgerkrieg umstritten, und zweitens bezeugen Kriegskorrespondenten, dass die Barrikade von der Zivilbevölkerung und der Provinzverwaltung errichtet wurde. Die Ahrar-alSham-Flagge sei später angebracht worden und schnell wieder verschwunden.

Die Busse, das zerstörte Aleppo, das zerstörte Dresden, das zerstörte Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs. Der heute 33-jährige Manaf Halbouni, der 2009 als Kunststudent nach Dresden kam, versteht sich als Brückenbauer. Als einer, der Perspektiven verschiebt, Gemeinsamkeiten zutage fördert und mit seiner Kunst in die Realität hinein interveniert, in den öffentlichen Raum.

Bereits 2015, als es losging mit Pegida und sich Halbouni auch in Deutschland nicht mehr sicher fühlte, hatte er auf dem Dresdner Theaterplatz einen Pkw aufgestellt. Sein „Fluchtauto“ füllte er mit allem, was ihm in Deutschland lieb ist, Gartenzwerg, Christstollen und Bier inklusive. Sogar einen Kühlschrank brachte er unter – ungekühltes Bier geht schließlich gar nicht. Wer wollte, konnte sich vor dem Wagen mit einem „Sachse auf der Flucht“-Schild fotografieren lassen. Die Aktion wurde ein Facebook-Erfolg. Kunst – und Humor – gegen die Angst.

In Zeiten des Terrors dienen Fahrzeuge nicht nur dem Schutz oder der Flucht, sondern sind auch selber zur Waffe geworden. Terroristen rasten mit Sattelzügen in Menschenmengen, der Anschlag im Juli 2016 in Nizza forderte 86 Menschenleben, auf dem Berliner Weihnachtsmarkt gab es elf Tote. In Barcelona im August war es ein Kleintransporter – 14 Tote. Auch das kommt einem in den Sinn, wenn man die bedrohlich in den Himmel ragenden Busse von Manaf Halbouni sieht: die Zweckentfremdung von Transportmitteln zum Mordinstrument.

Halbounis „Monument“ ist eine doppelte Zweckentfremdung. Der zum Zivilschutz umfunktionierte Bus wird nochmals zur Kunst umfunktioniert. Ein Stück Krieg ragt mitten in den Frieden hinein. Demnächst am Brandenburger Tor, wo die Touristen sich tummeln.

Überhaupt haben sie Konjunktur in der Kunst, die realen Readymades und symbolischen Requisiten der Katastrophen dieser Tage. Da sind Ai Weiweis Schulranzen- und Stahlstreben-Skulpturen zur Erinnerung an die toten, unter Billigschulbauten begrabenen Kinder nach dem Erdbeben von Sichuan. Seine Installationen mit Schwimmweste als Memorials für die Mittelmeertoten. Die in Kunsthallen ausgelegte prekäre Trittware des Künstlers Kader Attia: Wellblechdächer von Slumbehausungen. Oder „Double Shooting“, die Schuss-Gegenschuss-Installation von Sniper-Zielfernrohr und Handy-Amateurfilm des Libanesen Rabih Mroué. Oder die entwendeten Kreuze der Mauertoten, eine umstrittene Aktion des Zentrums für Politische Schönheit.

Die Grenze zum Katastrophen-Voyeurismus ist schmal

Ob Original oder Ersatzbus: Die Zweckentfremdung wird zum Mittel gegen die Entfremdung. Sie holt nahe heran, was man lieber von sich fernhalten möchte, die Naturkatastrophe, die menschengemachte Tragödie, die Armut, das Elend, den Krieg. Die Grenze zum Voyeurismus ist schmal. Sie wird überschritten, wenn etwa der preisgekrönte Filmemacher Alejandro González Inárritu den Zuschauer in seinem Virtual-Reality-Film „Carne y Arena“ vermeintlich in die Lage mexikanischer Migranten versetzt: die Todesangst beim illegalen Grenzübertritt, plötzlich ein harmloser Games-Kick.

Es geht auch ohne Katastrophen-Thrill. Arbeiten wie die von Ai Weiwei, Attia oder Halbouni offerieren Versinnlichung statt Versinnbildlichung. Sie setzen das Publikum einem Realitätsschock aus, der dem Krieg und dem Terror das Unbegreifliche lässt. Die Busse am Pariser Platz bleiben ein Fremdkörper im Stadtraum, ein Re-Enactment ohne Darsteller, Vergegenwärtigung einer Kriegskulisse. Re-Enactments häufen sich derzeit auch im Theater und im Film, bei Milo Raus inszenierten Interventionen oder Joshua Oppenheimers Dokumentarfilm „The Act of Killing“, in dem indonesische Massenmörder ihre eigenen Taten nachspielen.

Kunst mit zweckentfremdeten Fahrzeugen hat es schon öfter gegeben. 1974 rammte die Artistengruppe Art Farm zehn Cadillacs kopfüber in ein Maisfeld in Texas, an der legendären Route 66. Faszination Highway, Faszination Heckflosse – die heitere Variante der Autokunst. „Cadillac Ranch“ ist ein hippieskes, Graffiti-übersätes Monument für die Freizügigkeit der automobilen Gesellschaft. Im Pixar-Film „Cars“ wurde der Installation übrigens ein filmisches Denkmal gesetzt.

Wolf Vostells einbetonierte Cadillacs sorgten 1976 für Empörung

Als Wolf Vostell zur 750-Jahrfeier Berlins 1987 am unteren Ende des Kurfürstendamms zwei Cadillacs einbetonierte, waren die Berliner entsetzt. Skulpturenboulevard gerne, aber ein derart harscher Kommentar zur Autoliebe der Deutschen? Heute gehört Vostells Skulptur auf dem Rathenauplatz fest zum Stadtbild dazu, vor einigen Jahren wurde sie für eine sechsstellige Summe saniert.

Autos dem Verkehr entziehen, das empört, das stört den Betrieb. Wer sie auf den Kopf stellt, signalisiert, hier stimmt etwas nicht. Bei den Bussen von Manaf Halbouni ist es auch der bedrohlich düstere Unterboden, das scharfe, hässlich abweisende Blech, das vom heillosen Krieg kündet. Man schneidet sich an ihm.

Eröffnung der Skulptur „Monument“: Sonnabend, 11.11., 16.30 Uhr, Platz des 18. März. Künstlergespräch mit Manaf Halbouni: 17.11., 18 Uhr. Bürgerforum zu „Monument“: 20.11. 18 Uhr. Jeweils im Palais am Festungsgraben. Infos: www.gorki.de

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