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  • 07.10.2017
  • von Caroline Fetscher

Las-Vegas-Attentäter: Woher Stephen Paddock kam

von Caroline Fetscher

Arbeiter an einem der zerbrochenen Fenster des Mandalay-Bay-Hotels, aus denen Stephen Paddock schoss. Foto: Chris Wattie/Reuters

"Wir haben keine Ahnung", sagt der Bruder des Las-Vegas-Attentäters, sagen Medien, sagen Ermittler. Jede Tat hat einen Hintergrund. Auch diese.

Im Mai 1960 gewinnt der siebenjährige Stephen Paddock einen regionalen Klavierwettbewerb für Kinder in Tucson, Arizona. Wahrscheinlich ist er stolz gewesen: Sein Name stand im „Arizona Daily Star“, samt dem Geburtsjahr. Aus eben diesem musikalischen Jungen, der 1960 sein kleines Konzert gab, wurde 2017 ein Massenmörder, der auf die Besucher eines großen Konzerts Gewehrsalven feuerte. Er beging eine maßlose, unsühnbare Straftat. Ein Massaker. Der Täter von Las Vegas handelte wie in einem privaten Krieg gegen die Gesellschaft, gegen ihre Gesetze und ihre Lebendigkeit.

Warum?

Jetzt umschwirren Medien mit dem „Warum?“ die Geschwister, die Freundin, die früheren Nachbarn des Täters. Normal sei er gewesen, unauffällig, eher scheu. Ermittler des FBI erklären, sie stünden vor einem Rätsel, einem dunklen Geheimnis, Präsident Trump beraunte das „Böse“ der Tat. Ein Bruder hofft, Forensiker würden Pathologisches im Gehirn finden, denn wenn nicht, „wären wir alle in Schwierigkeiten“. Er hat Angst. Familien und Gesellschaften wollen nicht wissen, weshalb so ein Täter ihnen entstammt. Dabei lassen sich nur so Tat und Täter entmystifizieren und aufklären – nicht nur in der Diskussion über den Wahn der amerikanischen Waffenlobby.

Big Daddy war meist fort

Nein, eine ultimative Antwort wird es kaum geben. Aber man kann Kontexte finden – und die Katastrophe einer Sozialisation. Was über den Menschen bekannt ist, der am 1. Oktober von einem Hotelzimmer aus 59 Konzertbesucher in Las Vegas erschossen und über 500 verletzt hat, sind Bruchstücke. Das meiste Material liefern Archive von Lokalblättern in Illinois, Arizona, Nevada, Texas. Und das allermeiste betrifft, bis zum 1. Oktober 2017, den Vater, Benjamin Hoskins Paddock, einen Schwerkriminellen.

Als Stephen 1960 den Klavierwettbewerb gewann, lebte Familie Paddock seit vier Jahren auf dem North Camino Miraflores in Tucson, Arizona, in einem der flachen Einfamilienhäuser hinter Kakteen und Wüstenbüschen. Im August 1956 waren sie aus Chicago, Illinois, hergezogen, nach der Haftentlassung des Vaters. Der war 1953, in Stevens Geburtsjahr, wegen Scheckbetrugs verurteilt worden. Schon 1946, mit Mitte 20, war er einmal wegen Autodiebstahls, Urkundenfälschung und Hochstapelei in Haft.

Festgenommen in Las Vegas

Benjamin Hoskins Paddock ist Automechaniker und Hobbyfunker, hat als Tankwart gearbeitet und verdient in Tucson den Lebensunterhalt der Familie mit dem Verkauf von Abfallcontainern. Dolores Paddock ist Hausfrau und versorgt neben dem Ältesten, genannt Steve, noch Patrick, der drei ist, den anderthalbjährigen Bruce, und Eric, das sechs Monate alte Baby. Der Vater scheint den Pfad in den Mittelstand einschlagen zu wollen.

Womöglich erinnert er sich an die bürgerliche Herkunft seiner Mutter, Olga Gunderson aus Sheboygan, Wisconsin, Tochter eines Kapitäns auf den Großen Seen im Nordosten der USA. Die Gundersons sind eine alte, angesehene Familie. 1959 verpflichtet er sich als ehrenamtlicher Helfer für straffällige Jugendliche in Pima County, Arizona, woher sein Spitzname „Big Daddy“ stammen soll.

Aber Benjamin Hoskins Paddock führte ein Doppelleben. Von Februar 1959 bis Juli 1960 begeht er, bewaffnet und strategisch geplant, Überfälle auf Filialen der Valley National Bank in Phoenix und erbeutet rund 30.000 Dollar. In Las Vegas, am 26. Juli 1960, endet das Spiel, er wird an einer Tankstelle festgenommen, auf dem Weg zu seinem Hotel. Zwei Tage später kommt die Polizei zur Familie, Haus und Garage werden durchsucht. Im „Tucson Daily Citizen“ berichtete eine Nachbarin, sie sei mit dem siebenjährigen Stephen Schwimmen gegangen, damit er nicht erfährt, was los ist.

Scham und Schande

Trotzdem merken die Kinder, dass „Big Daddy“ fortbleibt. Im Dezember 1960 kommt der Vater ins Gefängnis in La Tuna, Texas, 20 Jahre, lautet das Urteil. Als könnte sie Scham und Schande löschen, erklärt die Mutter den Kindern, der Vater sei tot. Ob der Siebenjährige sich gefragt hat, warum es kein Grab gibt, keine Beerdigung? Fragen werden tabu gewesen sein – und kaum etwas wird mehr idealisiert als ein abwesender Vater.

Die vaterlose Familie zieht häufig um, von Tucson nach Iowa, nach Kalifornien. Dann ist der tote Vater plötzlich wieder lebendig. Am 31. Dezember 1968 bricht Benjamin Hoskins Paddock aus dem Gefängnis aus, er braucht Geld und raubt als Erstes in San Francisco eine Bank aus. Acht Wochen danach steht sein Name auf dem Plakat der zehn Meistgesuchten des FBI. Stephen ist 15, mit seinen Brüdern wird er begriffen haben: Die Mutter hat uns belogen, der Vater hat uns verlassen. Er ist kein Held, er ist ein Verbrecher, und auch faszinierender Ganove wie aus dem Kino. Ein solcher Vater löst Wut, Angst, Rachegefühle, Sehnsucht und Hass aus.

Der Steckbrief beschreibt ihn als Psychopathen, Glücksspieler, bewaffnet und suizidal – Merkmale, die der Sohn Stephen Jahrzehnte später inszeniert, als er genau an dem Ort, an dem seine Kindheit endete, dem Ort der Verhaftung seines Vaters, Las Vegas, seine Tat begeht, die den Vater überbietet. Ein Akt der Rache? Selbst wenn sich „am Gehirn“ des Täters etwas findet – weder Tat noch Schauplatz erklären sich durch Synapsen-Entladungen, sondern weisen auf eine grausame, unverarbeitete Geschichte.

1971, als Stephen die High School in Kalifornien besucht, beginnt der Vater unter dem Namen Bruce Werner Ericksen ein neues Leben. 1977 eröffnet er einen Bingo-Salon, wird erfolgreicher Glücksspiel-Unternehmer in Springfield, Oregon. Unter Zockern kennt man ihn als „Bingo Bruce“, zeitweise auch als Patrick Ericksen – der Vater verwendet die Namen zweier seiner Söhne. Von diesen beiden Brüdern hatte sich Stephen Paddock 2017 seit Jahrzehnten entfremdet. Dem jüngsten Bruder, Eric, hat er, der selber kinderlos blieb, fast wie ein Ersatzvater finanziell geholfen, als er selber mit Immobilien und Glücksspiel reich wurde.

Sesshaftigkeit als Gegenmodell

1977 macht Stephen Paddock ein Examen in Betriebswirtschaft an der California State University, er wird Buchhalter und heiratet 1978 Sharon Brunoehler, die Ehe hielt zwei Jahre. Im September 1978 fliegt die Tarnung des Vaters auf. Er zahlt eine enorme Kautionssumme und überredet das Gericht, wortgewandt, ihn auf Bewährung zu entlassen. 1600 Anwohner von Springfield unterschreiben außerdem eine Petition für „Bingo Bruce“ – das Glücksspiel geht weiter.

„Ich heiße jetzt Ericksen“, sagt er zu einem Lokalreporter, „Paddock ist tot.“ Abspaltung lässt sich kaum kürzer fassen. Der Vater zieht mehrmals um, findet eine neue Lebensgefährtin und lebt die letzten Jahre als Autohändler. Als er 1989 stirbt, kommt der erfundene Name auf sein Grab. Eine Todesanzeige nennt nur einen Sohn, Patrick, der sie vermutlich bezahlt hat.

Stephen Paddocks Beruf, die Buchhaltung, scheint auf das Gegenteil zu deuten: Verlässlichkeit, Sesshaftigkeit. Und doch wiederholt er im Lauf seines Lebens fast alles, was das Vatermodell bietet. Die Partnerschaften halten nicht, er zieht etwa 25 Mal um. Während seine Geschwister und die Mutter fast alle in Florida leben, zieht es ihn an die Orte der Kindheit und des Vaters, Arizona, Nevada, Texas. Eine seiner Immobilien kauft er in Reno, Nevada, dem Ort, an dem seine Eltern geheiratet hatten. Alle Orte, an denen er Häuser erwirbt, liegen in der Region, in der sein Vater Ben Paddock wohnte, seine Straftaten beging und wo er starb.

Glücksspiel wird zum Lebensmodell

Stephen Paddock erwirbt 2003 einen Pilotenschein, trainiert seine Glücksspielfähigkeiten, verdient viel Geld und spielt nicht mit oder gegen Menschen, sondern Poker gegen Automaten, mit der emotionsfreien Maschine als Gegenüber, die man ungestraft überlisten, besiegen kann. Er besucht Country-Konzerte und leistet sich Kreuzfahrten, kauft sich Waffen – und bindet sich an nichts als an Spiel, Risiko und Zufall, an keinen Menschen, keinen Arbeitsplatz, keinen festen Ort. Im Sammeln von Waffen, so wird oft angenommen, materialisiert sich aufgestauter Zorn, die Fantasie von Macht gegen die frühe Ohnmacht, und die Verheißung von Abfuhr.

Er habe selten von sich persönlich gesprochen, heißt es.

Es ist bald 50 Jahre her, dass der Vater aus dem Gefängnis ausbrach und Stephen Paddock klar wurde, dass er als Kind von Betrug und Leugnen umgeben war. Diesem Jahrestag ist er mit seiner Tat zuvor gekommen. 2016 soll er mit dem Kauf der über 40 Gewehre begonnen haben, die jetzt bei ihm gefunden wurden. Seit dem Jahr auch wurden ihm, wie eine Zeitung in Las Vegas schreibt, hochdosierte Beruhigungsmittel verschrieben.

Vielleicht hat Paddock damit beides betäubt, den Schmerz des Kindes und das Gewissen des Erwachsenen. Adam Lankford, ein kanadischer Kriminologe, sieht auch in der räumlichen Konstellation der Tat ein symbolisches Setting: Von ganz oben schießen, als sei man turmhoch, riesig groß und nicht winzig klein und ohnmächtig, wie ein Kind, das zersplittert wurde. Jetzt würde er die anderen zersplittern, die Kleinen, da unten am Boden.

Stephen Paddock - eine Familienchronik: Lesen Sie hier, welche Daten aus dem Leben des Attentäters und seiner Vorfahren wir kennen.

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