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  • 09.07.2017
  • von Eberhard Spreng

Die Volksbühne in Avignon: Das Räuberrad ist im Exil angekommen

von Eberhard Spreng

Fest verankert: das Räuberrad beim Festival in Avignon. Foto: Sabine Glaubitz/dpa

Das stählerne Siegel der Volksbühne steht nun gastweise in Avignon. Es gibt Gründe, warum es dort hervorragend hinpasst.

Da steht es nun wieder, gastweise, vor einer Messehalle in Avignon: Das Räuberrad der Volksbühne, vergangene Woche unter riesiger öffentlicher Anteilnahme am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin abgebaut und per Lkw verfrachtet. Arbeiter errichteten das Wahrzeichen am Samstag neu unter südfranzösischem Himmel.

Jean Vilar, Gründer des Festivals d’Avignon, hätte vermutlich seinen Spaß an der Ankunft des Rads und dem letzten Exil der Volksbühne in Avignon gehabt. 1947 wollte er für sein Theater eine Sommerspielmöglichkeit schaffen, die nach Jahren des Faschismus und der moralischen Zerrüttung auch einfachen Leuten Zutritt zur demokratisch geläuterten Kultur verschaffen sollte. Denn genau das war die Aufgabe seines „Théâtre National Populaire“, seines Nationalen Volkstheaters.

Dessen Anfänge gehen auf das Jahr 1920 zurück, als das französische Volkstheater im Palais du Trocadéro gegründet wurde. 1937 wurde das Palais abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, der 3000 Zuschauern Platz bot. 1972 zog das im Volksmund einfach TNP genannte Theater nach Villeurbanne bei Lyon um. Avignon war seinem Selbstverständnis nach immer die Festivalversion, der sommerliche Sonderfall eines Kulturverständnisses, das für sich den Slogan: „Elitär und für alle“ reklamierte. Das meint eine Hochleistungskunst, die jedem zugänglich ist.

Auf allen Publikationen des Theaters ist bis heute ein Stempelabdruck zu sehen: Die Buchstaben TNP. Sie sollen das Gütesiegel sein für eine unverwechselbare Bühnenarbeit, eine, die als politisches Theater Signale aussenden will. Was ist das Théâtre National Populaire also anderes als eine Schwesterinstitution der Volksbühne?

Deren Räuberrad und damit ihr stählernes Siegel, steht jetzt gastweise vor einer Halle, die mit ihrem ausladenden Dach Zirkusarchitekturen zitiert. Hier bringt man zu Festivalzeiten gerne Produktionen unter, deren Format in kein anderes Theater der Festivalstadt passt und die nicht gut unter freiem Himmel aufgeführt werden können. Ariane Mnouchkine gastierte hier zum Beispiel mit ihrem Théâtre du Soleil. Übrigens auch mit Molières „Tartuffe“, der Geschichte vom scheinheiligen Frömmler.

An den heißesten Tagen des Jahres und im Mekka der Theaterberauschten, beim Festival d’Avignon, kommt die Geschichte der Castorf-Volksbühne an ihr Ende. Einen besseren Ort kann es für die letzten Aufführungen der „Kabale der Scheinheiligen“ überhaupt nicht geben.

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