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  • 19.05.2017
  • von Andreas Busche

CANNES Journal 2017 (2): 1:0 für Amazon gegen Netflix

von Andreas Busche

Szene aus Todd Haynes' "Wonderstruck" Foto: Festival

Die Produktionsbedingungen des Kinos wandeln sich. Das zeigen Streamingdienste in Cannes. Eine Sichtung beim Festival in Cannes.

Die endlose Aneinanderreihung von Produktionslogos, die mittlerweile in zunehmender Zahl vor Kinofilmen auftauchen und ganz nebenbei einen aufschlussreichen Einblick in die heutigen Kapitalverhältnisse in der Filmindustrie geben, sind nur selten Anlass für leidenschaftliche Publikumsreaktionen. In Cannes ist das in diesem Jahr anders, denn der kleine Netflix-Streit hat Traditionalisten schmerzlich vor Augen geführt, wie stark die Produktionsbedingungen des Kinos einem Wandel unterliegen.

Das Netflix-Logo vor Bong Joon Hos „Okja“, einem der zwei Streitfälle im diesjährigen Cannes-Wettbewerb, sorgte schon zur ersten Pressevorführung für einen spontanen Ausbruch sehr gemischter Gefühle. Aufbrausender Applaus mischte sich unter die anfänglichen Buhrufe. Jury-Präsident Pedro Almodóvar hatte mit seiner Presseerklärung vom Mittwoch, in der er sich für den Ausschluss von Netflix-Produktionen vom Cannes-Wettbewerb aussprach, weiter Öl ins Feuer gegossen.

Man muss Almodóvars Leidenschaft für das Kino als reine Kinoerfahrung, das heißt: auf der großen Leinwand, unbedingt unterstützen, darf dabei aber die zukünftigen Herausforderungen für das Kino und für Filmfestivals nicht ignorieren. Die Kinoauswertung ist für Streaminganbieter wie Netflix und – mit Abstrichen – Amazon kein primäres Geschäftsmodell mehr. Gleichzeitig bieten sie mit ihren Risikofinanzierungen zunehmend jenen Filmemachern Unterschlupf, die von Hollywood langsam aufgegeben werden.

Amazon macht es besser

Der Kinderfilm „Okja“ des koreanischen Shootingstars Bong ist allerdings nicht der Film, an dem man Netflix’ künstlerische Bedeutung messen sollte. Die Geschichte um ein kleines Bauernmädchen, das sich – um seinen besten Freund, ein genmanipuliertes Riesenschwein, zu retten – einem skrupellosen Biotechkonzern (personifiziert von Tilda Swinton) entgegenstellt, ist über weite Strecken geradezu infantil. Ihm fehlt die bizarre visuelle Imaginationskraft von Bongs letztem Film, der Endzeit-Dystopie „Snowpiercer“, und erinnert dadurch eher an sentimentales Effektkino à la „E.T.“.

Es war eine vertane Chance, Werbung für Netflix zu machen. Filme wie „Okja“ hat man aus Hollywood seit Jahren über. Viel besser macht es da Amazon, das in der Wahl seiner Produktionen insgesamt geschmackssicherer ist und ausgewählte Filme sogar in die Kinos bringt. Man könnte „Wonderstruck“ von Todd Haynes, der vor zwei Jahren mit „Carol“ in Cannes dabei war, ebenfalls einen Kinderfilm nennen, allerdings einen, der sein Publikum – Kinder wie Erwachsene – nie zu unterfordern versucht. Haynes besitzt die einmalige Gabe, imaginäre Welten entstehen zu lassen, die sich trotz seines geschmackvollen Manierismus immer lebensnah anfühlen.

„Wonderstruck“, der auf einem erfolgreichen Kinderbuch von Brian Selznick basiert, erzählt auf zwei Zeitebenen die Geschichten zweier taubstummer Kinder auf der Suche nach ihren Eltern. Haynes verbindet dabei zwei sehr unterschiedliche Ästhetiken, die des Stummfilms und einen leicht artifiziellen 70er-Jahre-Naturalismus, bevor er im letzten Drittel, das beide Handlungsstränge verbindet, in magische Register wechselt, die die hinreißende Plot-Konstruktion in gehobenes Gefühlskino überführen. Vor allem überzeugt an „Wonderstruck“ die Motivwahl, bei der es immer um das Zeigen und Schauen geht.

Seine schönsten Requisiten sind die liebevoll hergerichteten Schaukästen im American Museum of Natural History und ein zur Weltausstellung 1964 erbautes Modell von New York, mit deren Hilfe Haynes zwei Familiengeschichten rekonstruiert. Das ist immer klug erzählt und besitzt eine haptische, materielle Poesie, die den edlen Kitsch nicht scheut. Einige Kritiker in Cannes haben „Wonderstruck“ Haynes bislang mainstreamigsten Film genannt. Das mag stimmen, nur besteht der Unterschied zum in jeder Hinsicht konventionellen „Okja“ darin, dass Haynes sich beim Erzählen und Imaginieren nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner begnügt. Im direkten Cannes-Vergleich liegt Amazon damit 1:0 in Führung.

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