27.04.2017, 11°C
  • 21.04.2017
  • von Christiane Meixner

Eröffnungsreigen in den Kunst-Werken: Hauch des Lebens

von Christiane Meixner

Parolen der Gegenwart. Die Installation „Shot him in the face“ von Adam Pendleton. Foto: Frank Sperling

Sprachspiele und Wortcollagen: Der neue Kurator Krist Gruijthuijsen bespielt die Kunst-Werke zur Eröffnung mit einem Premieren-Trio - und lädt dazu ein, über das Sprechen und Sehen nachzudenken.

Alte Bräuche sind nicht unbedingt das, was man von einem jungen Kurator wie Krist Gruijthuijsen erwartet. Doch der Niederländer, der jüngst vom Grazer Kunstverein nach Berlin wechselte, um hier mit den Kunst-Werken eine zentrale Institution für Gegenwartskunst zu leiten, eröffnet seine Ära mit Projekten, die an Zeremonielles erinnern. Seine Ausstellungen zur Eröffnung sind so pur, dass einem historische Riten zur Hauseinweihung einfallen: reinigen, ausräuchern, die alten Geister vertreiben.

Das Wesentliche ist für Gruijhtuisen das Wort. Es steht am Beginn der Konzeptkunst und formt den Gedanken, aus dem heraus ein Werk wie von Hanne Lippard entstehen kann. Sie war die Erste in seinem Premieren-Trio und hat im Hauptraum eine Wendeltreppe samt akustischer Installation aufgebaut, die den Besucher mit Fragen konfrontiert: Was willst du, wer bist du, was ist der Sinn deines Daseins? Paul Elliman, der den Eröffnungsreigen im ersten Stockwerk fortsetzt, gibt vorsichtige Antworten. In seiner Ausstellung „As you said“ formen sie in monumentalen Buchstaben auf Displays oder Plakaten vor allem Parolen der Gegenwart: Ich, Du, Politics, Language.

Der Brite, Jahrgang 1961, verlangt damit weniger und zugleich mehr vom Betrachter als Lippard. Er will nicht wissen, was man denkt. Sondern, dass man sich den Sinn dieser strapazierten Begriffe vergegenwärtigt. Kunst, so sein Credo, habe manchmal keinen anderen Nutzen, als „den Hauch des Lebens in sich zu tragen“. Elliman agiert in der Rolle des Beschwörers. Ein Schamane, wie man ihn auch mit jener Figur unter Filz verbinden könnte, die der Künstler ebenfalls im Raum aufgebaut hat. Wahrscheinlich steckt unter der Wolldecke nur Luft, doch die Gestalt lässt Raum für Assoziationen. Genau wie die mit Fundstücken gefüllten Vitrinen, um die herum Elliman seine Arbeiten ordnet. Für manche mag Müll sein, was da unter Glas liegt. Für andere konstruieren die Gegenstände eine kulturelle Evolution vom Stein bis zum technischen Hilfsding. Eine Geschichte, die statt auf wissenschaftlichen Erkenntnissen auf individueller Einsicht fußt.

Ian Wilson als starker Einfluss

Die gläsernen Setzkästen stammen von Ian Wilson. Der Künstler, Jahrgang 1940, mäandert mit seinen Arbeiten durch sämtliche Etagen des Hauses. Wilson zählt zu den Außenseitern, die eher anderen Künstlern ein Vorbild als dem breiten Publikum bekannt sind. Auf ihn beziehen sich alle Protagonisten der Eröffnung – Lippard und Elliman ebenso wie Gruijthuijsen, der ihn zu seinen wichtigsten Impulsgebern zählt. Wilsons Umgang mit einfachsten Materialien, ihre sprachliche Erschließung und jener Raum zwischen dem Objekt und seinem Namen, der bis zum Rand mit Interpretationen wie konstruktiven Missverständnissen gefüllt ist, ist beeindruckend. Davon zehrt auch Adam Pendleton, der im obersten Raum den Reigen zur Eröffnung abschließt. „Shot him in the Face“ heißt es provokant im Titel seiner Schau, die sich ebenfalls auf Grundlegendes beschränkt: eine Mauer, die quer durch die Halle reicht. Ein paar Sätze auf spiegelnder Fläche, die den Betrachter mit ins Bild nimmt und ihm signalisiert, dass die Kunst letztlich von seinem Willen zur Einlassung abhängt. Der Bezug auf den amerikanischen Poeten Ron Silliman, der sein Gedicht „Albany“ mit den Worten „If the function of writing is to ,express the world’“ beginnt – was hat einem die Welt dann zu sagen?

Der Afroamerikaner Pendleton fügt dieser Frage weitere literarische oder beschreibende Texte, Poster, Collagen und Skulpturen aus dem eigenen Fundus hinzu. Immer geht es um Black Power, Riots. Hinzu gesellt sich wiederum ein Werk von Ian Wilson, der seit den späten 60ern an der Entmaterialisierung seiner Kunst arbeitet. Hier nun ist ein frühes, monochromes Gemälde von ihm zu sehen, das nur Objekt sein will ohne Referenzen und Inhalt. Schwarze Oberfläche, matter Glanz und ein Entstehungsdatum, das vor der Geburt Pendletons liegt, der 1984 in Virginia auf die Welt kam.

Gruijthuijsen will ein verbindendes Vokabular liefern

Sprache konstruiert den Rahmen sozialer Handlungen, das wissen alle Teilnehmer des ersten Ausstellungsreigens der Kunst-Werke. Wer über das Sprechen nachdenkt, macht sich klar, wie er Bilder anschaut und interpretiert. Gruijthuijsen hat Künstler eingeladen, die unterschiedlich mit dem Gerüst Sprache verfahren. Mal wird es komplex montiert, mal in Einzelteilen präsentiert. Was er damit verfolgt, liegt auf der Hand: Gruijthuijsen will ein verbindendes Vokabular liefern, auf dessen Basis über die kommenden Ausstellungen gesprochen werden kann. Das Haus ist besenrein.

Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 14. 5.; Mi bis Mo 11 – 19 Uhr, Do 11 – 21 Uhr.

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