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  • 07.04.2017
  • von Christiane Peitz

Gespräch mit Hortensia Völckers: Jeder Bürger ein Auftraggeber

von Christiane Peitz

Wie macht man das Bode-Museum für Kids attraktiv? Eine der Aufgaben der Kulturstiftung des Bundes, die bis 2020 5,6 Millionen ausgibt, um im "lab bode" Ideen für die Vermittlungsarbeit von Museen zu entwickeln. Foto: SMB/Valerie Schmidt

Die Kulturstiftung des Bundes ist 15 Jahre alt. Direktorin Hortensia Völckers spricht über Leuchttürme, Deutschland als Einwanderungsland – und Theaterleute, die den Nachbarn die Haare schneiden.

Frau Völckers, die Bundeskulturstiftung wurde 2002 gegründet, um vor allem internationale Projekte und zeitgenössische Kunst zu fördern. Ist das noch heute der rote Faden?

Bis es dazu kam, hatte es lange Streit darum gegeben, ob der Bund direkt Kultur fördern darf. Der erste Versuch unter Willy Brandt in den 70er Jahren war am Widerstand der Länder gescheitert. Unter Kanzler Schröder und Kulturstaatsminister Nida-Rümelin wurde ein neuer Anlauf unternommen. Diesmal hieß es, die Stiftung solle Internationales und Projekte mit bundesweitem Modellcharakter fördern und so Bundeskompetenz erhalten. So ist es geblieben.

Sie fahren zweigleisig, unterstützen Leuchttürme und die Vielfalt in der Fläche?

Wir hatten von Anfang an diese beiden Säulen. Mit einem guten Drittel unseres Geldes, etwa 15 Millionen Euro pro Jahr, fördern wir Exzellenzprojekte wie die jetzt startende Documenta, das Berliner Theatertreffen oder die Ruhr-Triennale, auch große Jubiläen, wie sie bei Beethoven und Fontane anstehen. Zehn Millionen Euro davon gehen in Projekte, für die Anträge aus dem ganzen Land gestellt werden, aus Regensburg, Siegen oder Jena. Dafür gibt es eine spartenübergreifende Jury, die alle drei Jahre wechselt. Zum anderen kümmern wir uns um Themen, die von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung sind.

Und die wären?

Der demografische Wandel, die schrumpfenden Städte. Die heikle Zukunft der Arbeit. Die Digitalisierung. Oder die Migration, Deutschland als Einwanderungsland. Das geplante Migrationsmuseum in Köln geht auf eine Ausstellung zu Migration in Köln 2005 zurück, an der der Verein DomiD, in dem Migranten aus der Türkei seit den 50er Jahren sehr viel gesammelt haben und der jetzt Träger des Museums wird, schon beteiligt war. Anfangs mussten auch wir lernen, wie man solche in der Kulturlandschaft ungewöhnlichen Großprojekte plant und organisiert. Inzwischen haben wir Übung mit aufwendigen, längerfristigen Projekten. Wir bewilligen nicht nur Geld, sondern kalkulieren auch großzügig Zeit, damit in Ruhe etwas entwickelt werden kann.

Sie sagen gleichzeitig, Kunst kann nicht ersetzen, was die Politik regeln muss. Hilft der Bund den klammen Kommunen über die Stiftung jetzt bei der Kultur aus?

Wir können nur Impulse geben. Zum Beispiel haben wir in den 15 Jahren rund 30 Millionen Euro für kulturelle Bildung ausgegeben, für „Jedem Kind ein Instrument“ oder die „Kulturagenten“, die tausende Kinder erreicht haben. Die eigentliche Idee ist, dass es dann aus eigener Kraft und mit anderen Partnern weitergeht. Da muss noch viel passieren. Alle reden über kulturelle Bildung, aber immer noch werden bei den Verantwortlichen andere Prioritäten gesetzt.

Warum soll man nicht nur Kultur fördern, sondern auch das Interesse an Kultur?

Deutschland hat eine fantastische kulturelle Ausstattung. Ich bin ja in Argentinien geboren und nicht wegen des Wetters hierhergekommen, sondern wegen der vielfältigen Kultur, die sich in einem unvergleichlichen Reichtum an Kultureinrichtungen spiegelt. Es lohnt sich, sie zukunftsfähig zu machen. Kultur ist allerdings keine Wunderwaffe, Frieden schaffen, Identität garantieren, das ist dann vielleicht doch eine Überforderung. Ich sehe das bescheidener. Meine Mutter wurde 99 Jahre alt, bis zum Schluss erlebte sie das Glück, in Musik zu versinken. Oder einen Roman lesen, das kann bedeuten, dass man sich selbst besser versteht. Dazu sollte jeder hier in Deutschland zumindest die Chance haben.

Eins der längerfristigen Programme für die Förderung von Diversität in der Kultur heißt „360°“. Im Herbst 2015 äußerten Sie die Hoffnung, dass Deutschland im Zuge der Flüchtlingskrise seine Rolle in der Welt neu finden kann. War das naiv?

Ich bin immer noch der Meinung, dass wir das schaffen. Aber es dauert. In Frankfurt am Main zum Beispiel haben jetzt 60 bis 70 Prozent der Sechsjährigen Migrationshintergrund. In der Kultur ist das noch nicht angekommen. Suchen Sie mal eine Museumsdirektorin oder einen Stadtbibliotheksleiter mit migrantischem Background: Fehlanzeige. Wir haben gerade mal Shermin Langhoff als Intendantin des Maxim Gorki Theaters. Das ist doch nicht normal, die Künstler selbst sind längst international! Wir wollen einen strukturellen Missstand angehen. Für „360°“ können sich Institutionen bewerben, die sich diversifizieren wollen bei Personal, Publikum und Programm. Wir bezahlen dann über mehrere Jahre einen Agenten, eine Art Manager, der bei der Umsetzung hilft.


"Das Engagement in der Provinz ist wichtig."

Warum dauert es mit der Mischung in der Kultur länger als etwa beim Fußball?

Es sind vielleicht zwei Gründe. Zum einen haben es Museen und andere große Häuser aufgrund ihrer Struktur oft schwer, flexibel auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren. Das dauert in der Regel Jahre. Zum anderen wollen Einwanderer selbst in der zweiten, dritten Generation womöglich lieber anerkannte Berufe ergreifen, Ärzte, Juristen, Anwälte oder Sportler werden. Kulturwissenschaft oder Dramaturgie ist da eher keine Option.

Ein anderes jüngeres Programm heißt „Trafo“, es geht um die Folgen des demografischen Wandels in der Provinz. Engagiert sich die Stiftung dort, damit es nicht zu viel Berlin-Förderung wird?

Etwa ein Drittel unserer Gelder fließen in die Hauptstadt. Was nicht zuletzt daran liegt, dass viele herausragende freie Träger wie das HAU oder die Kunst-Werke hier ihren Sitz haben, aber auch überregionale Initiativen, etwa das RomArchive, das europaweit ein digitales Archiv für die Kunst der Sinti und Roma aufbaut. Das Engagement in der Provinz ist wichtig, weil viele Häuser dort mit dem Überleben kämpfen. Wir probieren in vier Modellregionen raus, wie die Kultur sich verjüngen und öffnen kann, auch um die Region wieder attraktiver zu machen.

Wie sieht das konkret aus?

In Altranft im Oderbruch sollte das kleine Stadtmuseum schließen. Jetzt gibt es dort einen engagierten Landschaftssoziologen und einen regen Landrat, die mit neuer Museumsleitung, Künstlern, Aktivisten und Handwerkern eine Art Kulturzentrum daraus machen, unter Einbeziehung der kleinen Heimatstuben in der Umgebung. Oder in der Schwäbischen Alb: Dort beziehen das Theater Lindenhof und das Theater in Tübingen die Bürger bei ihrer Arbeit ein. Plötzlich steht die Kultur beim bundesweiten Landratstreffen auf der Agenda und der Landwirtschaftsminister bekundet Interesse an Kulturförderung.

Wenn die Menschen nicht zur Kultur kommen, kommt die Kultur zu den Menschen?

Nehmen Sie das Bode-Museum hier in Berlin: ein tolles Skulpturen-Museum, mit Potenzial zu mehr Publikum. Der Museumsdirektor hätte gern auch die Kids aus Marzahn als Besucher. Über vier Jahre wird jetzt in Workshops entwickelt, wie man das Haus für jüngere Leute attraktiv machen kann; Volontäre aus 21 Museen in ganz Deutschland tragen das in ihre Häuser weiter. Ich liebe auch das Beispiel Stadtbibliothek. Was muss man tun, damit sie ein echter Treffpunkt wird und nicht nur Bücher-Ausleihe? Beispielsweise die E-Books-Ausleihe organisieren und dafür sorgen, dass die älteren Leute sich die Zeitung auf Tablets herunterladen können und die Flüchtlinge Internet-Plätze vorfinden. Eine andere Idee hatte das Theater Lindenhof. Weil der Friseur im Ort zugemacht hat, lässt sich die Nachbarschaft jetzt die Haare in der Theatermaske schneiden. Und an der Kasse kann man den gelben Müllsack erwerben.

Aus Frankreich und Belgien haben Sie außerdem die Idee übernommen, Bürger zu Auftraggebern für Kunst zu machen.

Dahinter steckt die Überzeugung, dass die Bevölkerung sich ihre Kunst selbst aussucht, und zwar mit Kompetenz. In der Prignitz halfen die Fotokünstler Clegg und Guttman dabei, eine ausgestorbene Innenstadt wiederzubeleben. Sie ermunterten die Bewohner von Pritzwalk, ihre Stadt zu fotografieren, also ein Bild von sich zu schaffen. Dann wurden für das Projekt „Die 7 Künste von Pritzwalk“ fast 70 Vorschläge eingereicht und sieben leer stehende Läden bespielt. Jetzt gibt es dort einen großen Kunstverein, als Ergebnis einer Selbstverständigung der Bürger.

Und was hat es mit „Museum global“ auf sich, einem Programm, das den Kunst-Kanon in den Häusern hinterfragt?

Das liegt mir besonders am Herzen. Wie kann man Kunst vor allem aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in ihren Kontext stellen? Beteiligt sind K 21 in Düsseldorf, das Frankfurter Museum für Moderne Kunst und die Neue Nationalgalerie in Berlin. Auch das Lenbachhaus in München hat Interesse bekundet. Wie kann man anhand der eigenen, rein westlichen Sammlung erzählen, was damals im Rest der Welt los war? 2018 wird die Neue Nationalgalerie im ausgeräumten Hamburger Bahnhof ihre Sammlung auf diese Weise neu präsentieren. Der Kanon wird nicht über den Haufen geworfen, sondern reflektiert. Ob Nationalgalerie oder das kleine Stadtmuseum in Altranft, sie können magnetische Orte sein, das ist mein Credo. Manchmal ist es eine Rosskur. Aber eine selbst verordnete.

Und haben Sie andere Lieblingsprojekte aus den ersten 15 Jahren?

Ach, wissen Sie, immer dann, wenn sich in den Köpfen tatsächlich etwas bewegt, macht das Anstiften und Moderieren besonderen Spaß. Kürzlich war das in Berlin so bei der Homosexualitäten-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, als die Leute vom Schwulen Museum und der prominente Museums-Beirat zusammenkamen. Die Ausstellung fand eben nicht im Schwulen Museum statt, sondern im DHM, als große Schau in Mitte für die Mitte der Gesellschaft. 1500 LGBT-Leute bei der Eröffnung im Deutschen Historischen Museum, wunderbar. Da weiß ich, dass sich die Arbeit lohnt.

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