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  • 20.03.2017
  • von Udo Badelt

Deutsche Oper "Tod in Venedig": Leises Leiden in der Lagune

von Udo Badelt

Schönheitssucher. Paul Nilon als Gustav von Aschenbach. Foto: Marcus Lieberenz/Promo

Regisseur Graham Vick deutet Benjamin Brittens „Tod in Venedig“ an der Deutschen Oper ganz klassizistisch.

Es dürfte außer Zweifel stehen, dass Benjamin Britten mit der Figur des Gustav von Aschenbach in seiner Oper „Tod in Venedig“ auch ein Stück seiner selbst komponiert hat. Der schon gealterte Künstler, der sein Leben dem „reinen Stil“, der apollinischen Klarheit weiht und dafür schon früh seine triebhafte Seite, das Dionysische in sich, ausgetrieben hat – das muss Britten sehr nahegegangen sein.

Auch wenn er nur Halb-Apolliniker war, seine schwule Identität nicht verleugnet hat. Sein Lebensmann stand ihm zur Seite, der Tenor Peter Pears, mit dem er fast 40 Jahre, von 1937 bis zu seinem Tod 1976, zusammen war und dem er auch die Mammutrolle des Aschenbach in seiner letzten Oper in die Stimmbänder schrieb.

Aber da waren die Sehnsüchte, und da war die englische Gesetzgebung, die Homosexualität noch in den sechziger Jahren als Verbrechen behandelte (wie übrigens auch in der Bundesrepublik). Britten versagte sich viel, goss es in Musik, so wie Thomas Mann in Literatur. Und ist in Aschenbach nicht viel mehr verkörpert als nur das Drama eines Mannes – nämlich das eines Menschen? Die Figur ist Aufforderung und Herausforderung, über Existenzielles nachzudenken: über Rausch, Obsession, Verdrängung, über das nicht gelebte Leben und die Frage, was ein geglücktes Leben überhaupt wäre.

Viel zu schultern also für Paul Nilon. Der Tenor aus Großbritannien gibt sein Debüt an der Deutschen Oper Berlin, jenem Haus, an dem 1974 die deutsche Erstaufführung von Brittens „Tod in Venedig“ stattfand und das nach „Edward II.“ nun erneut eine Oper mit schwuler Thematik präsentiert.

Überdimensionierte welke Blumen

Ein Schimmer von Krankheit, choleragrün, liegt über der Bühne. Man sieht eine Beerdigungsgesellschaft, in einem riesigen Bilderrahmen steckt das Foto des Verstorbenen. Ist es Aschenbach? Schwer zu sagen, es hat offenbar geregnet, Wasserflecken entstellen das Bild zur Hälfte. Gut zu erkennen dagegen: ein Stapel überdimensionierter Blumen, wohl Tulpen, sie sind schon schwarz. Später, wenn Aschenbach dem polnischen Knaben Tadzio am Strand zusieht, wird dieser mit seinen Freunden auf diesen Blumen turnen.

Rein äußerlich entspricht Nilon durchaus dem Aschenbach’schen Klischeebild: eine fragile Gestalt im Anzug, mit streng rückwärts gekämmten grauen Haaren. Seine Stimme besitzt dagegen Farbigkeit, vor allem in der Höhe. Aber sie ist klein, zu klein für dieses große Haus. Immer wieder versandet der Gesang regelrecht auf dem Weg von der Bühne zum Ohr, was schade ist, denn Nilons lyrische Modulationsfähigkeit bekommt so selten eine Chance, zu glänzen. Und dabei ist das, was aus dem Graben dringt, nicht mal besonders laut. Kann es auch nicht, bei der kammermusikalischen Besetzung, die Britten vorgesehen hat. Generalmusikdirektor Donald Runnicles fordert ein poetisch-verwischtes Klangbild, was dem Werk aber gut bekommt. Die heftigen musikalischen Attacken an den entscheidenden Umschlagstellen unterschlägt Runnicles trotzdem nicht.

Es gibt nur zarte Andeutungen von Entgrenzung

Ist Nilon ein Aschenbach, wie ihn Britten sich vorgestellt hat? Für Regisseur Graham Vick – Brite auch er – ist der Tod, gut shakespearisch, nichts als ein Schlaf und unser Leben der dazugehörige Traum. Und so zeigt er Aschenbach als Träumenden, was allerdings eher undramatisch wirkt. Die Wettkämpfe der Jugendlichen, der Choleraausbruch, die Panik in Venedig: Nilon beobachtet alles mehr oder weniger als Unbeteiligter, entwickelt sich nicht, verweigert die Fallhöhe. Sich mal die Schuhe auszuziehen und das Hemd aufzuknöpfen, das sind die einzigen zarten Andeutungen von Entgrenzung und Kontrollverlust, die Vick der Hauptfigur gestattet. Von der Charakterstudie eines alternden Künstlers, der seine Welt auseinanderfallen sieht, unter dem sich das ungelebte Leben mit seinen verpassten Chancen öffnet wie eine Falltür, kann man hier nicht wirklich sprechen.

Stimmlich wie physisch findet Nilon seinen Widerpart in Seth Carico. Der amerikanische Bassbariton verkörpert sieben Nebenrollen, etwa den Fremden auf dem Münchner Friedhof, den eitlen Geck auf der Überfahrt nach Venedig, den Gondoliere, den Barbier. Es ist, schon in Thomas Manns Novelle, jedes Mal die gleiche Figur, Verkörperung des Dionysischen und Todesbote zugleich. So will Carico die Figuren aber nicht spielen, hat er dem queeren Stadtmagazin „Siegessäule“ gesagt, sondern, viel positiver, als Einladung an Aschenbach, Verpasstes nachzuholen. Nachvollziehbar wird das in der Lust, mit der Carico ständig in andere Rollen schlüpft, mal gravitätisch-ernst, mal tänzelnd und quick, um schließlich als Gott des Rausches selbst (mit Countertenor Tai Oney als Gegenspieler Apollo) den Brustkorb zu entblößen. Seine Stimme, viril und kernig, dringt in die hintersten Ecken des Saals, lässt keinen Zweifel daran, was sie verkörpert: das Lebensprinzip.

Vick findet keine mutigen, provokanten Bilder

Von Venedig hat jeder seine eigenen Bilder im Kopf. Nach dieser Premiere wird das auch so bleiben. Denn Vick und Bühnenbildner Stuart Nunn zeigen die Serenissima nicht. „Ambigous Venice“, wo sich Stein und Wasser vermählen, bleibt der Fantasie überlassen. Das große Foto des Verstorbenen ist nach der Pause aus dem Rahmen gefallen, Aschenbach hat alle Fassung verloren, soll das wohl heißen. Stattdessen prangt, volksbühnig, der Schriftzug „Achtung“ über allem und heischt viel Aufmerksamkeit. Er soll aber wohl nur vor der Cholera warnen. Man hat sich schnell sattgesehen an diesen Kulissen, Vick findet keine mutigen, spannenden, provokanten Bilder für den „Tod in Venedig“. Dafür dürfte seine klassizistische Inszenierung – anders als „Edward II.“ mit seinen teils drastischen Gewaltszenen – völlig konsensfähig sein. Auch ein Vorteil.

Nur einmal wagt er dann doch etwas. Rauand Taleb, sein Tadzio, ist anders: ein Schauspieler, kein Tänzer. Schwarzhaarig, sehnig, von eher herber Schönheit. Wenn Pausengespräche ein Indikator sind, greift Vick aber auch damit daneben. So mancher Besucher vermisst die blondgelockte Ephebe, die als Idealbild Tadzios wohl für alle Zeiten feststeht, seit Björn Andrésen in Viscontis Film der Figur diese Gestalt verliehen hat. Am Ende wird suggeriert, dass es Tadzio ist, der stirbt, und nicht Aschenbach. Das, immerhin, wäre mal eine interessante Neudeutung des Stücktitels.

Wieder 22. und 25. März sowie am 23. und 28. April.

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