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  • 07.01.2017
  • von Gerrit Bartels

Briefe von Marcel Proust: Vor dem Leben kommt das Schreiben

von Gerrit Bartels

Erinnerungskünstler. Der französische Schriftsteller Marcel Proust (1871 – 1922), hier auf einem Foto von 1896. Foto: Ullstein-Bild

Gegen die Macht des Vergessens: Erstmals erscheinen viele hundert Briefe von Marcel Proust auf Deutsch.

In den ersten Novembertagen des Jahres 1913, die Veröffentlichung des ersten Bandes seiner „Recherche“, der „Suche nach der verlorenen Zeit“, steht unmittelbar bevor, bittet Marcel Proust seinen Freund René Blum um eine kleine „literarische Indiskretion“, wie er es nennt: ein paar Worte über ihn als Autor in Blums Zeitschrift „Gil Blas“. René Blum hatte für Proust schon den Kontakt zu seinem ersten Verleger Bernard Grasset hergestellt, und Proust erklärt ihm nun brieflich seine Titelvorstellungen und den großen, bis dato auf drei Teile angelegten Entwurf mit „Die wiedergefundene Zeit“ als Schlussband.

Das „Beste meines Denkens“ und „sogar mein Leben“ habe er in das Buch gesteckt, so Proust in dem Brief an Blum, ein „äußerst wirklichkeitsnahes Buch“ sei es geworden, „ein Blütenstängel von Erinnerungen“, unter anderem bestehend „aus den Empfindungen beim Aufwachen, wenn man nicht weiß, wo man ist, und sich fühlt wie vor zwei Jahren in einem anderen Land“. Auch die Madeleine erwähnt er, und warum Swann seine Odette so arglos Monsieur Charlus anvertraut, oder die Unterscheidung von willkürlicher und unwillkürlicher Erinnerung, Letztere ist für ihn die einzig wahre. Bei der Lektüre dieses Briefs ist es fast so, als entfalte sich die gesamte „Recherche“ vor dem geistigen Auge. Als seien die über 300 Briefe davor nur der Aufgalopp, um zum Wesentlichen zu gelangen: dem wirklichen Leben, das aus nichts anderem als Schreiben besteht, aus Literatur.

Das stimmt freilich nur in sehr groben Zügen, weil man viele Schriften Prousts aus der Zeit vor der „Recherche“ als Vorstudien zu dieser bezeichnen kann: sein erstes, 1896 veröffentlichtes Buch „Tage und Freuden“, den Roman „Jean Santeuil“, den er 1899 liegen ließ, oder den 1908 begonnenen, wie „Jean Santeuil“ erst nach seinem Tod erschienenen Romanessay „Gegen Saint-Beuve“. Zudem stellt die nun vorliegende, vorbildlich editierte und kommentierte, bislang mit zwei Bänden und 572 Exemplaren größte in deutscher Übersetzung veröffentlichte Ausgabe mit Proust-Briefen nur einen sehr kleinen Teil der Korrespondenz des 1922 verstorbenen französischen Schriftstellers dar. Marcel Proust war ein manischer Briefschreiber. 1920 klagte er, kurz nach der Auszeichnung mit dem Prix Goncourt, dass er „mit 800 Briefen im Rückstand“ sei. Sein amerikanischer Briefherausgeber Philip Kolb meinte einmal, überhaupt nur ein Zwanzigstel von Prousts Briefen studiert zu haben; Kolb konnte rund 4500 versammeln, arbeitete über zwanzig Jahre an einer 21-bändigen Edition und starb 1992, ein Jahr vor deren Veröffentlichung in Frankreich.

Weiterhin tauchen neue Briefe auf. Das zwingt zu Auswahl und Verdichtung.

Kolbs Einschätzung mag übertrieben sein. Doch tauchen weiterhin neue Briefe bei Auktionen, Autographenhändlern, Erben oder Nachlassverwaltern auf. Was zumal in einer deutschen Ausgabe naturgemäß zur Verdichtung zwingt, zu einer repräsentativen Auswahl, die der Literaturwissenschaftler und Übersetzer Jürgen Ritte jetzt für den Suhrkamp Verlag vorgenommen hat. Sie beginnt mit ein paar Zeilen, die der kleine, 1871 geborene Marcel im Alter von sieben Jahren an seinen Großvater schreibt. Darin entschuldigt er sich dafür, zu wenig gegessen und deshalb danach viel geweint zu haben. Und sie endet 1922, knapp drei Wochen vor seinem Tod am 18. November, mit einem Brief an Jacques Rivière, der die Bedeutung von Prousts Büchern früh erkannte und als Redaktionsleiter der Literaturzeitschrift „Nouvelle Revue Française“ regelmäßig Auszüge veröffentlichen ließ. Allerdings erst nachdem sein Kollege André Gide 1912 das Manuskript von „Unterwegs zu Swann“ abgelehnt hatte. In diesem allerletzten Brief klagt Proust über seine schwindenden Kräfte, seinen „leicht delirierendem Zustand“ und die „finsteren Tage“, die er durchlebe.

Sätze und Einschübe über körperliche Befindlichkeiten finden sich in den meisten Briefen insbesondere der letzten Jahre, in denen Proust oft das Bett hütet, von Asthmaanfällen geplagt. „Seit fünfzehn Jahren lebe ich liegend. Will heißen ganz und gar liegend“, berichtet er 1919 einmal. Dafür schreibt er stetig. Ein Vorhang schützt sein Schlafzimmer vor Zugluft, aus Lärmschutzgründen ist es mit Korktapete ausstaffiert, und häufig wird es durchweht von dichtem Rauch, der ihm das Atmen erleichtern soll.


Stilistisch fein umwölkte Boshaftigkeiten

Proust ist ein höflicher, überaus formvollendeter Briefschreiber. Bei aller Höflichkeit weist er jedoch Kritik oft vehement zurück und streut stilistisch fein umwölkte Boshaftigkeiten in seine Episteln. Er versteht es zu schmeicheln, geht stets gezielt auf die jeweiligen Adressaten ein. Detailliert erklärt er André Gide die Vorzüge von dessen Roman „Die Verliese des Vatikans“. Mit seinem Verleger Gaston Gallimard liegt er unablässig im Clinch, weil dieser in Verlags- und Drucksachen nicht so handelt, wie Proust will – nicht ohne jedoch diesem stets die Freundschaft zu versichern. Und mit dem Bankier Lionel Hauser bespricht er bevorzugt finanzielle Angelegenheiten, was insofern nicht ganz unwichtig ist, da Proust viel Geld an der Börse verloren hat.

Es ist nicht unbedingt ein einziges Vergnügen, diese Briefe zu lesen. Die Korrespondenz ist oft ausufernd-mäandernd, manchmal schlichtweg langweilig, auch ist sie dort lückenhaft, wo es interessant hätte werden können. Während seiner Venedig-Reisen im Jahr 1900 zum Beispiel scheint Proust keine Briefe geschrieben zu haben. Wie ein Roman jedenfalls lesen sich die Bände nicht, dafür fehlen die Briefe der anderen. Wenngleich die Fußnoten und das ausführliche Personenglossar vieles erhellen.

Auffallend ist, dass Proust sich in seiner Korrespondenz anders als in der „Recherche“ syntaktisch am Riemen gerissen hat und die Sätze maßvoll lang sind. Als sogenannter Dreyfusard begleitet er bange die Dreyfus-Affäre. Der Beginn des Ersten Weltkriegs entsetzt ihn, „wenn ich daran denke, dass bald Millionen Menschen in einem ,Krieg der Welten’ wie dem von Wells beschriebenen hingeschlachtet werden, weil es für den Kaiser von Österreich von Vorteil ist, einen Zugang zum Schwarzen Meer zu haben“. Oder, in einem Brief an seinen Freund Reynaldo Hahn: „Mein lieber Reynaldo, wie glücklich werden wir sein, wenn wir uns nach diesen grässlichen Tagen wiedersehen und wenn wir nicht zu viele Freunde zu beweinen haben. Übrigens beweine ich auch die Unbekannten. Ich lebe nicht mehr“.

Vorschläge zum gemeinsamen Masturbieren

Die Entdeckung seiner Homosexualität ist natürlich Thema in den frühen Briefen. Er macht Vorschläge zum gemeinsamen Masturbieren und fragt einen Freund, warum die homosexuelle Liebe „unschicklicher ist als die gewöhnliche Liebe?“ Oder er äußert gegenüber Gide, Frauen „nie anders als im Geist geliebt“ zu haben. Doch bleibt Marcel Proust bezüglich der eigenen geschlechtlichen Veranlagung dezent. Nach dem Tod seines Sekretärs und mutmaßlichen Geliebten Alfred Agostinelli schreibt er an Hahn, dass das Ich von früher sich Agostinelli nun im Tod zugesellt habe. Das Ich von heute liebe diesen weiterhin, habe ihn aber nur durch Erzählungen kennengelernt. Man kennt Passagen über die vielen Ichs einer Person aus der „Recherche“. Hier ergänzt Proust diesen Ich-Diskurs mit den Worten, dass er all das ja nicht mehr zu formulieren brauche: „Seit langem bietet mir das Leben nur noch Ereignisse, die ich schon beschrieben habe“.

Die Gewichte zwischen Leben, Gesellschaftsleben und Schreiben, sie haben sich 1914 seit Längerem schon zum Werk hin verschoben. Obwohl Proust auch Phasen hat, in denen er vermehrt ausgeht. Durchgängig betont er, dass die „Recherche“ vom ersten Band an „ein wohldurchdachtes und ein strengkonstruiertes Werk“ ist. Er hält es gegenüber einem Kritiker, der behauptet hatte, „Unterwegs zu Swann“ sei ein „Werk der Muße“, es zu lesen sei „verlorene Zeit“, auch „künstlerisch“ für angebracht, „Dinge gewissenhaft zu machen, die nicht gesehen werden“. Er gesteht, „der Macht des Vergessens“ erlegen zu sein, „dieses gewaltigen Instruments der Anpassung an die Wirklichkeit, das in uns die überlebende Vergangenheit zerstört, die zu jener in beständigem Widerspruch steht“. Umso aufopferungsvoller wolle er seine Erinnerungsarbeit leisten. Und er wappnet sich gegen den „Hass“ wegen der Darstellungen des homosexuellen Verhaltens, insbesondere von Charlus, wegen seiner „Objektivität, die ich hier wie überall anstrebe“.

Am Ende verhält es sich mit dieser Briefedition wie mit den Proust-Biografien, wie mit dem Nachgelassenen und Wiedergefundenen seines Werks: An der „Recherche“ führt nichts vorbei. Proust sagt in den Briefen oft „Ich“, wenn er Szenen daraus erwähnt: „Als ich Gilberte traf“ etc. Einzigartig ist, wie anders sich das Ich der „Recherche“ dann jedoch darstellt – und dass dieser Großroman sich nie als bloße Fiktionalisierung eines Lebens liest, sondern als Kunstwerk eigenen Ranges. „Ewige Dauer ist den Werken so wenig verheißen wie den Menschen“, heißt es am Ende der „Wiedergefundenen Zeit“. Marcel Proust hat sich da in eigener Sache wohl getäuscht.

Marcel Proust: Briefe 1879 – 1922. Übersetzt von Jürgen Ritte, Achim Russer und Bernd Schwibs. Hrsg., ausgewählt und kommentiert von J. Ritte. Suhrkamp, Berlin 2016. 1480 S., 78 €.

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