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  • 26.03.2016
  • von Von Werner Bloch

Die eleganteste Kunstmesse der Welt: Generation Golf

von Von Werner Bloch

„Equality, Dignity, Freedom“ - ein Bild von Jaber Al Azmeh aus der Sammlung der Galerie Atassi. Foto: Atassi Foundation

Zehn Jahre Art Dubai: Nach mühsamen Anfängen ist die Messe nun Motor für das arabische Kunstwunder. Die Stadt wird zum Hotspot für Galerien.

Bomben für Deutschland? Ja, sie stehen schon bereit, auf Podesten oder in dekorativen Boxen. Jeder, der will und über eine ausreichend abgefederte Kreditkarte verfügt, kann einen Original-Sprengkörper mitnehmen, zum Preis von 15 000 Dollar. Es sind schlanke, phallusartige, leicht obszöne und künstlerisch bearbeitete Varianten des im Orient meistgebrauchten Bombentyps, ausgerichtet auf deutsches Territorium – zum Glück nur theoretisch. Auf der Außenhaut der Bombe ist feines, glänzendes Meissner Porzellan aufgebracht.

„Ich sehe die Bombe als Skulptur“, sagt die Künstlerin Katya Traboulsi am Stand der Agial-Galerie aus Beirut. „Kunst ist stärker als alle Versuche, die Kultur eines Landes zu zerstören.“ Man könne einen ganzen Staat in Schutt und Asche legen, nicht aber seine kulturelle DNA. Insofern stehen die Bomben aus Nahost für eine positive, rustikale Message.

Eine Kunstmesse als Gedankenlabor der arabischen Welt

Willkommen auf der Art Dubai, der immer noch schönsten und elegantesten Kunstmesse der Welt! In einem Luxushotel am Meer, dem Jumeirah Madinat, eröffnet sie dem Betrachter ein Spektakel unter Palmen, das im internationalen Kunstzirkus einzigartig ist, mit Blick auf künstliche Inseln und venezianische Kanäle. Ein nobles Ambiente, das brutal mit den aktuellen Kriegen in der arabischen Welt kontrastiert. Doch die Realität bleibt in Dubai immer im Fokus. Die zehnte Ausgabe der Art Dubai wurde mit Jubiläumspathos eröffnet. Niemand hätte vorausgesagt, dass sich die einst mühsam etablierte Kunstmesse am Golf so fulminant entwickeln würde.

Die Anfänge waren bescheiden: 2007, bei der Gründung durch einen Kunstmakler und einen britischen Banker, wurde noch Kraut- und Rübenkunst unterschiedlichster Provenienz dargeboten – viel Kitsch. Im Visier hatte man damals wohl eher kunstaffine Scheichs aus den Nachbarländern oder den am oberflächlichen Bling-Bling orientierten Expat, der mit seinem Maserati zum Kunstshoppen vorbeirauscht. Inzwischen ist die Art Dubai zur überzeugenden Antwort des Orients auf den globalen Kunstbetrieb geworden. Mehr als eine Verkaufsausstellung, nämlich politische Plattform und Gedankenlabor der arabischen Welt. Wenn die Welt eine Kunstmesse braucht, dann diese.

Künstler aus Damaskus und Aleppo leben jetzt in Dubai

Wer zum Beispiel etwas über Syrien erfahren will, ist hier genau richtig. Viele Künstler aus Aleppo oder Damaskus haben sich hier niedergelassen. Sogar ganze Galerien sind ins boomende Emirat umgezogen, das einen Mehrwert an neuen Perspektiven bietet. Vor vier Jahren blühte bei der Art Dubai zum ersten Mal die syrische Revolutionskunst auf, damals noch eine wilde, optimistische, expressionistische Kunst in grellen Farben, die das Assad-Regime herausforderte und sich viel vom arabischen Frühling erhoffte. Inzwischen ist die Stimmung gekippt, es herrschen Nüchternheit und Depression. Doch die Kunst in Dubai ist eher stärker geworden.

Zum Beispiel die vielschichtige Arbeit des 51-jährigen Syrers Issam Kourbaj „Another Day Lost“. Zur Eröffnung der Art Week an mehreren Kulturhotspots in Dubai betrachtet er sein Werk: die Nachbildung eines Flüchtlingsdorfs aus zerrissenen Büchern, die etwas über die Region erzählen – politisch, geografisch, ja sogar Kochrezepte – und die eigentlich auf dem Müll landen sollten. Eine leise, präzise Installation, fast als ginge es um abstrakte Schönheit: „Zerrissene Bücher für zerrissene Leben“, murmelt Kourbaj. Er ist selbst aus Syrien geflohen, lebt jetzt in London. „Jeden Tag brenne ich mittags ein Streichholz ab und lege es zum großen Kreis von Streichhölzern um das Flüchtlingsdorf. Für jeden Tag eines. Gerade hatten wir den fünften Jahrestag des syrischen Aufstands, da liegen also jetzt 1826 Zündholzer für 1826 verschwendete Tage, in denen wir auf Frieden warten.“

Es gibt in den Golfstaaten praktisch keine Flüchtlinge. Die Regierungen haben sich zur Totalabschottung entschlossen. In ganz Dubai leben vielleicht 50 Refugees, hört man. Und doch schlägt sich die arabische Welt schon viel länger mit Flucht und Vertreibung herum, als es Europa bewusst ist.

Vor zehn Jahren gab es hier eine Galerie

In Dubai werden andere Impulse gesetzt, neue Perspektiven ausprobiert. Am Stand der Gallery One aus Ramallah hängt ein Plakat von 1932 mit der Inschrift „Visit Palestine“. Es zeigt die Silhouette Jerusalems vor einer ockerfarbenen, leeren Fläche. Ein scheinbar leeres Jerusalem, das auf Zuwanderer wartet: Dieses Plakat wurde benutzt, um zur jüdischen Einwanderung nach Palästina aufrufen. Jetzt hat es der Künstler Khaled Jarrar bearbeitet und die historische Stadtmauer von Jerusalem durch den brutalen. meterhohen Trennwall ersetzt, mit dem sich Israel von Palästina abschottet. Menetekel und Metapher des gescheiterten Friedensprozesses.

Das Wunder von Dubai: Vor zehn Jahren gab es hier nur eine einzige Galerie; heute sind es mehrere Dutzend. Bis vor Kurzem standen im Viertel um die Alserkal Avenue rostige Container, wurden Autos repariert und Waschmaschinen verkauft. Vor zehn Jahren wechselte der clevere Besitzer des Standorts in Familienbesitz, Abdelmonem Bin Eisa Alserkal, in die Kunst. Ein Geniestreich, denn dass hier einmal Galerien aus dem Wüstensand sprießen würden, war damals wirklich nicht zu erraten. Inzwischen sind hier Stars des internationalen Kunstkosmos eingezogen wie eL Seed aus Tunesien, der berühmteste Street Artist der arabischen Welt. Er ist gelegentlich auch in Europa unterwegs, bemalt bayerische Kirchtürme mit arabischen Kaligrafien – mit Erlaubnis der Kirche natürlich. In Kairo hat er gerade ein ganzes Viertel von Sozialwohnungen mit seiner wilden Kunst überschrieben, eL Seed glaubt noch an die tunesische Revolution: Sie brauche Zeit. Bis dahin setzt er hemmungslos auf Dubai.

„Warum diese Stadt? Dubai ist mein Markt. Ich habe hier ein Atelier, male Kalligrafien auf Leinwand, die ich verkaufe und dann später an Hauswänden realisiere. Ich möchte helfen, das falsche Image Dubais aufzubrechen, die Pseudo-Identität, dass sich hier alles nur ums Geld dreht.“

Die arabische Moderne ist hier preiswert zu erwerben

Dubai ist die große Lounge des Nahen Ostens geworden, Talkshow und intellektuelles Drehkreuz am mittlerweile größten Flughafen der Welt. Früher als Finanzblase belächelt, ist die Stadt gereift. Jetzt kommen alle hierher: Saudis und Iraner, Schiiten und Sunniten, Ägypter und Iraker. Es wird erstaunlich offen diskutiert, und dabei deutlich, dass der Hass, der zwischen Saudis und Iranern rumort, nur auf der verklemmten Ebene zweier extremistischer, fundamentalistischer Regierungen besteht, keinesfalls aber unter Intellektuellen und Künstlern.

„Die Sonne geht im Westen auf“, so nennt sich die Skulptur des iranischen Künstlers Mohamad Golandazeh. Sie zeigt einen Mann auf einem Schiffsbug mit orangem Rettungsring um den Hals. Doch wenn er ins Wasser fiele, würde ihn der Ring erwürgen. „Ich will eine Welt aus den Fugen zeigen“, sagt der Künstler – und einen Iran, von dem keiner weiß, wie es nach der Aufhebung der Sanktionen weitergeht.

Stark ist die Art Dubai in einem neuen Bereich: der arabischen Moderne, die größtenteils zwischen 1920 und 1960 entstanden ist. Hier kann man hochwertige Kunst vergleichsweise billig erwerben. Die im Januar verstorbene Maliheh Afnan etwa, geboren 1935 als Tochter persischer Eltern in Bagdad, hat lange in Paris gelebt, bevor sie am Ende wieder in den Orient zurückkehrte. Gekritzelte Zeichen, schwer zu interpretierende Landkarten und und nicht dechiffrierbare Buchstaben überlagern sich in ihrer Malerei zu komplexen Schichten, die auch das Material ihres Lebens sind.

Das Emirat unterstützt die Messe finanziell

„45 Prozent der auf der Art Dubai ausgestellten Künstler, Galeristen und Kulturschaffenden sind Frauen“, sagt Messedirektorin Antonia Carver, die der Art Dubai erst den rechten Schliff verpasst hat. Die Regierung der Emirate unterstützt die Messe und ist zu 50 Prozent deren Miteigentümerin. Und das Emirat drückt weiter auf die Tube: Gerade wächst ein neues Viertel, der Design District, aus dem Boden. Die Wände sind noch nicht trocken, doch hier sollen Kreative aus der ganzen Welt einziehen. Und Dubais nächste Schritte stehen schon fest: 2020 ist die Expo zu Gast, Fluchtpunkt für immer neue Innovationsanstrengungen. Ab 2021 will man sogar zum Mars fliegen, an einem Terminal im Emirat Ra's al-Chaima wird bereits gebaut. Kein Wunder, dass die Kunst diese Entwicklung so rasant mitvollzieht.

Der Überflieger Dubai ist aber auch ein Ort der Bewahrung. Atassi aus Damaskus, lange die wichtigste Galerie Syriens, schloss 2012 wegen des Krieges. Inzwischen ist die Familie umgezogen, hat die eigene Sammlung nach Dubai verbracht und eine Stiftung gegründet, die Atassi Foundation. „Für uns ist das ein Weg, Widerstand zu leisten“, sagt die Gründerin Mona Atassi. Sie will jungen syrischen Künstlern deren Erbe zeigen und sie animieren, daran festzuhalten.

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