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  • 07.12.2010
  • von Von Jens Twiehaus

Von Jens Twiehaus: Die Retter der Engel

von Von Jens Twiehaus

Engel in Not. Dieser Taufengel ist etwa 200 Jahre alt. Foto: ZB

Werner Ziems und sein Team restaurieren Taufengel / Spendenaktion geht in die zweite Runde

Wünsdorf-Waldstadt - Das zweite Leben eines Taufengels beginnt manchmal mit dem Besuch eines neugierigen Restaurators. Wie vor ein paar Jahren in Niebendorf zwischen Jüterbog und Dahme: Werner Ziems vom Landesamt für Denkmalpflege streckte seinen Kopf durch die enge Luke zum Dachboden der alten Dorfkirche, erblickte einen Haufen Bauschutt und plötzlich auch einige zerbrochene hölzerne Flügel und Füße sowie einen Engelskopf.

Sie gehörten zu zwei Taufengeln, also Figuren, die ab dem 18. Jahrhundert in vielen evangelisch-lutherischen Kirchen die Taufbecken hielten. Heute stehen sie bei Ziems in der Werkstatt in Wünsdorf-Waldstadt.

Schon seit gut 13 Jahren „heilen“ der Restaurator und seine Mitarbeiterin Sabine Stachat die Schäden an den vernachlässigten Engeln. Ende November begann die zweite Runde einer Spendenaktion, damit die „Retter der Engel“ weitermachen können.

Ziems Arbeitgeber, das Denkmalpflegeamt, sowie die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und der Förderkreis Alte Kirchen rufen zu der Aktion „Menschen helfen Engeln“ auf. n der ersten Runde konnten Einzelspenden von Liebhabern und Stiftungen den Erhalt mehrerer Engel finanzieren. Etwa 20 Exemplare waren schon „zu Gast“ in Ziems Werkstatt, doch neben dem Landesamt helfen auch private Werkstätten mit beim Erhalt der Figuren.

Traditionell hingen die Engel an einem Seil von der Decke der Kirchen, etwa über oder knapp vor dem Altar. Für eine Taufe wurden sie dann heruntergelassen und spendeten dem Täufling das Taufwasser.

Der „Engel-Trend“ war vor rund 300 Jahren aufgekommen, entsprach dann aber im 19. Jahrhundert nicht mehr dem Zeitgeist. Die meist um die 1,30 Meter hohen Figuren wurden von Holzwürmern zerfressen oder wie in Niebendorf auf den Dachboden geworfen.

Im 19. Jahrhundert sei die Auslegung der Religion vielerorts strenger geworden, versucht Restaurator Ziems die Vernachlässigung der Engel zu erklären. Das „Barocke und Schwülstige“ sei in diesen Jahren aus Kirchen entfernt worden oder wurde zumindest nicht mehr gepflegt. Die Arbeiten an den Engeln seien bitter nötig, denn das Holz ließe sich bei vielen „zerbröseln wie ein Pfefferkuchen“, sagt Ziems über die Figuren in seiner Werkstatt. Ein nahezu ganz gebliebener Engel aus Niebendorf liegt dort in einer Kiste, Flügel und Rumpf eines zweiten Exemplars gleich daneben.

Das Material festigen die Experten mit einem Kunstharz, den fehlenden Kopf modelliert Holzbildhauer Martin Pleß aus Ton nach. Modell dafür steht ein anderer Engelskopf desselben Künstlers.

Mithilfe der Vorlage aus Ton kann später ein Exemplar aus Holz angefertigt werden. „Wir versuchen, solche Nachbildungen eigentlich zu vermeiden“, erklärt Ziems. „Aber zu einem Engel gehört nun mal ein Kopf.“

Einst leuchteten die Taufengel in Weiß, Rot und Blau. Neue Farbe hingegen sparen sich die Restauratoren: „Ein altes Stück darf ruhig Alterungsspuren haben“, sagt der 54-Jährige und fügt an: „Angestrichen wirken die Engel oft wie Karussellfiguren.“ Ziel seiner Arbeit sei der Erhalt der Engel, nicht eine künstliche Wiederherstellung.

Rund 150 Taufengel haben die Experten vom Landesamt für Denkmalpflege in den vergangenen Jahren in Brandenburg erfasst, „aber es ist gut möglich, dass auf irgendwelchen Dachböden noch immer einige unentdeckt liegen“, sagt Werner Ziems.

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