• 09.03.2010
  • von Von Michael Klug

Von Michael Klug: Freyenstein das deutsche Pompeji? Prignitz will mit archäologischen Funden Touristen locken / Seltener Kellerfund aus dem 13. Jahrhundert

von Von Michael Klug

Archäologisch bedeutend. Eine Besucherin betrachtet in einem Pavillon bei Freyenstein (Prignitz) die Überreste eines Kellers aus dem 13. Jahrhundert. Die Altstadt von Freyenstein ist eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtwüstungen in Deutschland. Fotos (2): Michael Urban/ddp

Wittstock/Dosse - Die archäologischen Fundstücke, die Thomas Hauptmann jüngst aus der Erde der Prignitz holte, kommen einer kleinen Sensation gleich: Über 200 metallene Gegenstände umfasst die Ausbeute, die der Archäologe nach langjährigen Untersuchungen den Sandböden nahe der Stadt Wittstock/Dosse im Nordwesten Brandenburgs entlockte. „Neben militärischen Utensilien wie Reitersporen und Armbrustbolzen haben wir Haushaltsgegenstände wie Hammer und Sicheln, Schlossreste und sogar Schlüssel gefunden“, sagt Hauptmann. Diese Stücke stammten wohl aus der Zeit zwischen 1200 und 1300 n. Chr., vermutet der Archäologe.

Hinzu kommt als kleines Wunder der Fundort selbst. „Die Stücke gehören zum Hausstand eines begüterten Stadtbürgers, der in einer burgähnlichen Behausung lebte. Bislang wussten wir gar nicht genau, ob in der Gegend Burgen gebaut wurden“, erläutert Hauptmann.

Mit der Präsentation der Stücke am Montag im Wittstocker Rathaus setzt der Archäologe Hauptmann den vorläufigen Höhepunkt seiner bisherigen Arbeit. Seit mehreren Jahren sucht er im Dorf Freyenstein nach den Resten jener gleichnamigen Stadt, die im 13. Jahrhundert im Zuge von Kriegen zwischen der Mark Brandenburg und Mecklenburg zerstört worden sein soll.

Seine jetzigen Entdeckungen wurden durch neuartige Methoden der geophysikalischen Bodenuntersuchung möglich. „Durch ein spezielles Gerät bekamen wir ein stadtplanähnliches Magnetogramm, bei dem die mittelalterlichen Baustrukturen am Computer sichtbar wurden“, sagt Thomas Hauptmann über das erstmals in Deutschland angewendete Verfahren. Insgesamt wurden so 100 Keller entdeckt. Ob nun alle ausgegraben werden, ist aber unklar. „Die Grabungen erfolgten an kleineren Stellen, um die bisherigen Interpretationen überprüfen zu können“, sagt Hauptmann.

Dass unter der Grasnarbe der Felder um Freyenstein über 700 Jahre lang ein gewaltiges archäologisches Potenzial schlummerte, ist indes seit langem bekannt. Schon zu DDR-Zeiten Mitte der 80er Jahre hatten Archäologen mit ihren Grabungen an gleicher Stelle begonnen. Gefunden wurden damals zwar nur einzelne Behausungen, die Besonderheit der Entdeckung bestand aber in der Lage der Stellen. So war damals schnell klar, dass die zu Ende des 13. Jahrhunderts aufgegebene Stadt in den Folgejahrhunderten nie überbaut wurde und einmaliges Zeugnis der Besiedlung aus jener Zeit ist.

Angesichts der jüngsten Funde von Hauptmanns Team sieht der Bürgermeister von Wittstock/Dosse, Jörg Gehrmann (parteilos), nun eine gewaltige Chance für seine Stadt im Nordwesten Brandenburgs: „Freyenstein wird eine Art deutsches Pompeji“, versucht der Politiker einen gewaltigen Vergleich. Vom italienischen Vorbild motiviert, hat er schon einen Gesamtplan für die touristische Erschließung des 25 Hektar großen Geländes parat. „Wenn die Archäologen alles freigelegt haben, könnten die ausgegrabenen Wohnstätten direkt oder über Glasplatten begehbar sein“, lautet Gehrmanns Vision. Auch den einstigen Burgturm will er wieder auferstehen lassen. „Uns schwebt eine moderne Variante ohne exakte Historisierung vor“, sagt er.

Spätestens in zehn Jahren will er gemeinsam mit den Mecklenburger Nachbarn im Norden diese touristische Nische nutzen. „Nach Mecklenburg fahren die Leute zur Erholung und für Wellness. Wir komplettieren das Angebot für diese Klientel mit Bildungstourismus“, sagt Gehrmann.

Damit nähme seine Stadt den zweiten Anlauf, um Freyenstein für touristische Zwecke nutzbar zu machen. Schon im Jahr 2007 wurde ein archäologischer Park eröffnet, der aus einer freigelegten Feldsteinmauer und einem spartanischen Museum in der ehemaligen Grundschule des Dorfes besteht. Sehen wollten den Park allerdings bislang nur wenige, 2009 kamen gerade 1500 Besucher dafür in die Prignitz. Um den zweiten Versuch erfolgreicher zu gestalten, fordert Gehrmann deshalb auch umfangreiche finanzielle Unterstützung vom Land und vom Bund. „Rund fünf Millionen Euro werden wir brauchen, um Freyenstein zum archäologischen Zentrum auszubauen. Dabei sind alle gefordert“, sagt Bürgermeister Gehrmann.

  • Erschienen am 09.03.2010 auf Seite 12

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