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  • 10.07.2010
  • von Von Wolfgang Drechsler, Kapstadt, und Dagmar Dehmer

Von Wolfgang Drechsler, Kapstadt, und Dagmar Dehmer: Was bleibt

von Von Wolfgang Drechsler, Kapstadt, und Dagmar Dehmer

Die erste Fußball-WM auf afrikanischem Boden sollte zumindest das Image Südafrikas, wenn nicht sogar des gesamten Kontinents verbessern helfen. Hat das geklappt?

Bald ist sie vorbei. Und mit ihr die große Chance, der Welt endlich zu beweisen, zu was dieser große Kontinent fähig ist. An diesem Sonntag endet die aus Sicht des südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma „erfolgreiche und aufregende Zeit“ der ersten Fußballweltmeisterschaft in Afrika. Zuma hat sie vor wenigen Tagen bei einer Wirtschaftskonferenz in Kapstadt für ihren wirtschaftlichen und ihren emotionalen Wert gepriesen. „Der Spaß, die Farben und der Glanz haben seit dem ersten Tag nicht aufgehört“, analysierte er. Und die Investitionen, mehr als eine Milliarde Euro für den Bau und die Renovierung der Fußballstadien, nach Zumas Angaben insgesamt rund drei Milliarden Euro in Stadien und Verkehrs- sowie Kommunikationsinfrastruktur, „zahlen sich aus“. Zudem habe Südafrika gut 135 Millionen Euro in die Sicherheit investiert, dazu gehörten 40 000 neue Polizeistellen, die auch künftig finanziert werden sollen. Außerdem ist die Polizei besser ausgestattet worden.

Wie groß waren die Erwartungen?

Die WM sollte einen wirtschaftlichen Schub, einen neuen Aufbruch für Südafrika bringen. Und das große Sportfest sollte auch helfen, den durch hohe Kriminalität und fremdenfeindliche Ausbrüche ramponierten Ruf des Landes zu verbessern. Zumindest Letzteres scheint geglückt, während des vierwöchigen Turniers kam es kaum zu Zwischenfällen. Mit dem großen Aufbruch dagegen ist es so eine Sache. Die südafrikanische Wirtschaft ist in der Rezession stark abgerutscht. Südafrika hat in den vergangenen knapp anderthalb Jahren eine Million Jobs verloren, trotz der WM-Projekte. In dem Land beziehen mehr Leute Sozialhilfe (14 Millionen), als einen Job haben (zwölf Millionen). Da kann selbst eine erfolgreiche WM kein Wunder bewirken – vor allem angesichts der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise.

Einen dauerhaften ökonomischen Nutzen erwartet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) indes vor allem von den Investitionen in den Nahverkehr, dem Breitbandnetz und den Investitionen in die Polizei. Darin ist sich der Autor des jüngsten DIW-Wochenberichts, Denis Huschka vom Institute for Social and Economic Research an der südafrikanischen Rhodes Universität in Grahamstown, mit den meisten anderen Ökonomen einig.

Profitiert Südafrika als Reiseziel?

Ein möglicher Imagegewinn aus dem Mega-Event ist am schwersten zu messen. Die meisten Wirtschaftsexperten erwarten, dass Südafrika langfristig mehr Touristen anziehen wird, weil die Weltmeisterschaft gut organisiert war und die Warnungen vor der Kriminalität jedenfalls für die ausländischen Besucher kaum Folgen hatten. Zuma sagte in Kapstadt: „Wir wollten beweisen, dass Afrika das kann.“ Damit knüpft er an die Parolen an, die der Präsident des Weltfußballverbands (Fifa), Sepp Blatter, im Vorfeld der Weltmeisterschaft immer wieder verbreitet hatte. Allerdings verdarben die zur WM-Zeit teilweise völlig überteuerten Preise für Übernachtungen und Flüge vielen Fußballfans die Lust auf einen Abstecher ans Kap der guten Hoffnung.

Was haben die Nachbarländer von der WM?

Zumindest die Nachbarstaaten Namibia, Mosambik, ja sogar Simbabwe verbanden mit der Fußball-WM die Hoffnung, dass die Touristen beispielsweise die Victoria-Fälle an der Grenze zwischen Simbabwe und Sambia besuchen. Oder dass sie einen Strandurlaub auf Mauritius anschließen könnten. Doch daraus wurde nichts. Es kamen einfach insgesamt zu wenig Fans nach Südafrika. Zu teuer in Zeiten der weltweiten Rezession, zu kompliziert und zu weit, hieß es immer wieder zur Begründung des Fiaskos.

Dabei lagen zumindest zwei der WM-Stadien in der Nähe der schönsten Wildparks und Strände der Region. Vom Austragungsort Rustenburg sind es nur knapp 200 Kilometer zur Grenze von Botswana. Allerdings liegt das weltberühmte Okawango-Delta weitere 1000 Kilometer entfernt im Norden des Landes. Im Gegensatz dazu befindet sich das Mbombela-WM-Stadion in Nelspruit nur knapp eine Autostunde von der mosambikanischen Grenze entfernt. Aber selbst diese vergleichsweise geringe Distanz erwies sich am Ende als zu weit, weil die Zahl der WM-Besucher unter den Erwartungen blieb und fast alle ihre Unterkunft in Nelspruit und Umgebung fanden.

Auch aus anderen afrikanischen Staaten kamen weniger WM-Besucher nach Südafrika als erwartet. Gerade einmal 40 000 Tickets, also nur knapp zwei Prozent des Gesamtkontingents von rund drei Millionen Karten, hat die Fifa jenseits von Südafrika auf dem afrikanischen Kontinent abgesetzt.

Was ist mit den Erwartungen, dass der

gesamte Kontinent profitiert?

Der Imageschub für Südafrika dürfte kaum über das Land hinausstrahlen, auch wenn Zuma betonte, Südafrika sei das Tor zum Kontinent. Ein Grund liegt darin, dass Südafrika nicht das eigentliche Afrika ist. Bereits der im Januar in Angola ausgetragene Africa-Cup zeigte, wie illusorisch es wäre, eine WM dort oder in Nigeria auszutragen, der nach Südafrika zweitgrößten Volkswirtschaft des Kontinents. Die neuen Stadien in Angola waren zwar schnell gebaut, die Aufenthaltskosten für Besucher aber astronomisch hoch. Auch ohne den Anschlag auf das togolesische Team lief vieles verkehrt. Für die meisten Beobachter lieferte Angola einen Nachweis dafür, dass in Schwarzafrika allein Südafrika die Fähigkeit zur Ausrichtung eines internationalen Großereignisses besitzt – und der Rest nur die exotische Kulisse bildet.

Afrika trat bei der WM 2010 entgegen den Vorstellungen der Fifa kaum in Erscheinung. Und das hat es sich zumindest teilweise auch selber zuzuschreiben. Gillian Saunders von der Agentur Grant Thornton glaubt zwar, dass Sepp Blatter und Südafrika als Ausrichter des Fußballfestes mehr für den Kontinent hätten tun können. Anderseits hätte sich Afrika vor allem im Vorfeld der WM auch selber viel besser vermarkten müssen. „Die meisten seiner Länder haben nichts getan, um aus dem Event irgendeinen Nutzen zu ziehen“, sagt auch die Afrikaexpertin Diana Games. Abgesehen von den fünf Teams aus Afrika sei die Veranstaltung eindeutig eine südafrikanische. Selbst die vielen Souvenirhändler aus anderen afrikanischen Ländern hätten sich keine Mühe gegeben, um die Eigenheiten ihrer Region zu vermarkten, kritisiert Games.

Anders die Europäer. Die haben die große WM-Bühne auch außerhalb des Fußballplatzes ausgiebig genutzt. So richtete Portugal in den vier WM-Wochen ein großes, öffentlichkeitswirksames Festival in Johannesburg aus, um dort für sich zu werben – mitten in Afrika.

Die Erwartung, dass die Fußballweltmeisterschaft die Einheit Afrikas hätte fördern können, war wohl ziemlich naiv. Otto Pfister, der seit Jahren als Fußballtrainer in Afrika arbeitet, sagte: „Wenn eine EM in Rumänien ausgetragen wird, sagt ja auch keiner in Berlin: Toll, dass wir daran beteiligt sind.“ Südafrika habe mit dem Rest Afrikas nichts gemein, außer dass alle Länder auf dem gleichen Kontinent liegen. Zwar haben sich die Südafrikaner nach dem Einzug Ghanas ins Viertelfinale darauf eingelassen, die von der südafrikanischen Regierungspartei verteilten Ghana-Fähnchen zu schwenken. Viel mehr aber auch nicht.

Konnte die WM wenigstens Südafrika

stärker einen?

Dass die WM zum Zusammenwachsen der Nation Südafrika beitragen könnte, erwarten viele Ökonomen. Schließlich hat die Rugby-WM 1995, die von den ausrichtenden Südafrikanern überraschend gewonnen worden war, einen ähnlichen Effekt gehabt. Allerdings könnte dieser positive Impuls kurz nach der WM schon wieder infrage gestellt werden. Denn seit Wochen halten sich Gerüchte, dass es kurz nach dem Finale erneut zu fremdenfeindlichen Gewaltausbrüchen kommen könnte – wie im Mai 2008, als in einem Monat in Südafrika 62 Menschen getötet und mehr als 600 teils schwer verletzt wurden. Rund 40 000 Menschen sind damals geflüchtet, in Polizeistationen oder in Nachbarländer wie Mosambik. Kaum jemand von ihnen konnte in seine Wohnung zurückkehren.

Was sind die Gründe für die

Fremdenfeindlichkeit?

Wegen der relativen wirtschaftlichen Stärke ist Südafrika seit Jahren ein Magnet für Einwanderer aus ganz Afrika. Und wie überall auf der Welt kommen auch hier die mobilen, die gut ausgebildeten, die wirtschaftlich Aktiven ins Land. Vor allem Einwanderer aus Somalia haben es vielfach geschafft, kleine Unternehmen aufzubauen. Deshalb wurden somalische Händler schon vor dem Pogrom 2008 immer wieder Opfer von Mordanschlägen, auch nach den Ereignissen vor zwei Jahren gab es viele solcher Angriffe.

Dazu kommt der Strom von Asylbewerbern aus Simbabwe, die aus dem Chaos des Nachbarlands nach Südafrika geflüchtet sind. In den schwarzen Armenvierteln Südafrikas sind Einwanderer extrem unbeliebt. Nach einer Umfrage des Southern African Migration Projects waren 2006 rund zwei Drittel der schwarzen Südafrikaner der Meinung, dass die Einwanderung afrikanischer Migranten verhindert werden sollte, dass sie zurückgeschickt werden müssten und ihnen Arbeitsplätze, Wohnungen und andere Ressourcen „stehlen“ würden.

Wie gefährlich ist die Lage?

Lutz van Dijk, der im Township Masiphumelele südlich von Kapstadt das Aids- Projekt Hokisa gegründet hat, das sich vor allem um Kinder kümmert, warnt eindringlich vor neuen fremdenfeindlichen Ausschreitungen. Er berichtet von massiven Drohungen gegen Simbabwer und andere Einwanderer. So habe ihm ein junger Simbabwer erzählt, dass er vor wenigen Tagen folgendermaßen bedroht worden sei: „Sie haben mir gesagt, ich soll am Sonntag nach dem Finale packen, sonst werde mein Haus niedergebrannt. Sie haben gesagt: Ihr nehmt uns die Jobs und Häuser weg. Du weißt, dass wir das tun können, also pack besser deine Sachen.“ Eine simbabwische Mutter, die van Dijk auf dem Heimweg mit ihrem Kind auf dem Arm traf, habe ihm erzählt: „Im Bus auf dem Weg von der Arbeit haben ein paar Männer aus Masiphumelele mich bedroht: Nach dem Weltcup kriegen wir dich. Dich und dein Baby.“ Die Begründung: „Ihr nehmt uns unsere Jobs weg.“

Gut möglich, dass die Drohungen Wirklichkeit werden. Davon geht zumindest Romi Sigsworth vom Centre for the Study of Violence and Reconciliation in Johannesburg aus. Gegenüber der Heinrich-Böll-Stiftung sagte sie schon vor zwei Jahren: „Fremdenhass ist eine Form von Gewalt, und Gewalt ist die Norm in Südafrika. Gewalt ist ein integraler Bestandteil sozialer Beziehungen.“

Vor wenigen Tagen rief Erzbischof Desmond Tutu die Menschen in den Townships ausdrücklich zur Ruhe auf. Bei einem Besuch in Masiphumelele erinnerte er daran, dass Afrika einst den südafrikanischen Freiheitskämpfern Unterschlupf gewährte. „Viele von euch wissen offenbar nicht, dass unter der Apartheid viele Südafrikaner ins Exil gingen – und in Afrika eine neue Heimat fanden“, sagte er. Umso schändlicher seien die brutalen Übergriffe auf jene, die nun hier eine neue Zukunft suchten.

Wie fällt die WM-Bilanz deutscher

Unternehmen in Südafrika aus?

Die deutsche Wirtschaft konnte von der WM durchaus profitieren. Die dort vertretenen Firmen haben nach Informationen des Afrikavereins der Deutschen Wirtschaft zusätzliche Geschäfte in einem Umfang von rund 1,5 Milliarden Euro gemacht. Der deutsch-südafrikanische Außenhandel sei im ersten Quartal 2010 gewachsen, die deutschen Exporte nach Südafrika um 38,1 Prozent. „Allein die Siemens AG schätzt die Umsätze durch die Fußball-WM auf eine Milliarde Euro. Aber auch viele deutsche Mittelständler haben im Vorfeld der WM zusätzliche Geschäfte erzielen können“, sagt Hans W. Meier-Ewert vom Afrikaverein. Nach Informationen des Wirtschaftsverbands sind 411 deutsche Firmen in Südafrika vertreten und bieten dort 70 000 Arbeitsplätze an. 2008 setzten sie zusammen 15,2 Milliarden Euro um.

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