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Bruder Jakobs

von Sabine Schicketanz

Der Stadtwerke-Chef ist weg, doch damit ist die Potsdamer Lokal-Revolution nicht vorbei. Längst geht es darum, ob der SPD-Oberbürgermeister sich halten kann

Er trägt schwarz, das Sakko zugeknöpft, das Hemd darunter blütenweiß. Er ist 61, die Haare ergraut, und doch wirkt er verkleidet in diesem Aufzug. Offiziösen Gepflogenheiten gerecht zu werden, sich ihnen anzupassen, das wollte Peter Paffhausen nie gelingen. Er setzt auf Schauspiel, immer. Auch bei seinem letzten großen Auftritt, den er schon als Privatmann absolviert. Er sei, sagt Paffhausen da, zu sehr zu einer Belastung geworden, als dass er noch etwas tun könne für die Menschen in Potsdam.

Das Bedauern darüber hält sich allerdings in sehr überschaubaren Grenzen. Genau genommen ist es nur einer, der an diesem Freitag öffentlich davon spricht, dass die brandenburgische Landeshauptstadt einen „herben Verlust“ erlitten habe: Oberbürgermeister Jann Jakobs. Der Sozialdemokrat allerdings ist weit entfernt davon, Paffhausen damit nur einen letzten Dienst erweisen zu wollen, des guten Stils und Anstandes wegen. Nein, er meint es wirklich so. Das ist die eigentliche Offenbarung dieses Freitags, der in die Potsdamer Zeitrechnung eingehen könnte als großer Tag einer Lokal-Revolution. Einer, die, soviel ist sicher, noch nicht beendet ist.

Noch vor zehn Tagen schien undenkbar, dass Paffhausen, im Potsdamer Jargon gern „Peter der Große“ genannt, seine Dienstzeit an der Spitze des Konzerns Stadtwerke vorfristig beenden würde. In der gläsernen Zentrale, die er in der abgelegenen Babelsberger Steinstraße bauen ließ, liefen die Fäden zusammen, konnte Paffhausen sich der über Jahre sorgfältig gepflegten Abhängigkeiten sicher sein. Bis Ende 2014 sollte das so bleiben. In seinem Büro in der vierten Etage, das erzählte er gern, habe jeder schon einmal gesessen, der in Potsdam etwas auf die Beine stellen wollte, „egal welche Partei“. Das System war eingespielt, funktionierte nahezu reibungslos, es wurde von vielen mitgetragen. Dass bis heute niemand weiß, wie viel Geld der Stadtwerke-Konzern, der vor allem mit seinem Versorger Millionengewinne macht, als Sponsoring an wen überweist – das galt den Begünstigen immer als systemimmanent. Und über die Jahre, Paffhausen stand seit 1997 an der Spitze kommunaler Unternehmen, haben sich dagegen nur wenige gewehrt.

Dass plötzlich alles anders kam, ist vor allem den Umständen geschuldet. Für Paffhausen muss es bittere Ironie sein, dass die Spitzelei, über die er jetzt stürzte, bereits vor sechs Jahren einmal aufgetaucht war, damals aber folgenlos blieb. So war das Corpus delikti, der dreiseitige Bericht im Stasi-Jargon über das städtische Wohnungsunternehmen Gewoba und dessen Geschäftsführer Horst Müller-Zinius, erstellt mit von Mitarbeitern in „legendierten“ – getarnten – Gesprächen abgeschöpften Informationen, im Sommer 2005 den Protagonisten der linksalternativen Stadtfraktion Die Andere zugegangen. Vielleicht irritiert durch das launige Anschreiben, darin wird der Autor des Spitzelberichts, der ehemalige DDR-Staatssicherheitsoffizier Uwe Petzold, als „Literaturstipendiat“ vorgeschlagen, wussten Die Anderen überraschend wenig damit anzufangen. Sie stellten eine Anfrage an die Stadtverwaltung, bekamen zur Antwort, die Stadt habe nie solche Berichte beauftragt, und vergaßen das Papier.

Im November 2010 versuchte ein Anonymus es erneut. Ohne Umwege. Das Spitzeldokument fand sich, so heißt es, im Briefkasten von Müller-Zinsius. Er wandte sich an Oberbürgermeister Jakobs. Für den nahm damit das politische Desaster seinen Lauf.

Den ersten Höhepunkt erreicht es an diesem Freitag. Da tritt Jakobs vor die Presse, das erste Mal in den sieben Tagen der Spitzel-Affäre, mit Paffhausen, der zuerst sein Abschiedsstatement geben darf. Der Oberbürgermeister, im vergangenen Herbst in seine zweite Amtszeit gewählt, mit deutlicher Mehrheit, weil den Linken Hans-Jürgen Scharfenberg seine Vergangenheit als informeller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit einholte, ist merkbar angespannt. Es scheint ihm bewusst, dass seine politische Zukunft auch von diesem Auftritt abhängen könnte.

In den Tagen, seit der Spitzel-Bericht öffentlich ist, war die Kritik an dem bodenständigen Ostfriesen, dem es regelmäßig an politischem Instinkt und öfter auch an Führungsstärke mangelt, immer lauter geworden. Fragen tauchten auf. Warum hat Jakobs, nachdem er den Spitzel-Bericht erhielt, einige Wochen ins Land ziehen lassen, bis er eine Überprüfung der Vorgänge bei der Stadtwerke-Tochter Energie und Wasser Potsdam GmbH (EWP) in Auftrag gab? Kann es Zufall sein, dass Jakobs die Prüfung ausgerechnet in die Hände des Potsdamer Juristen Joachim Erbe gab? Hatte der doch schon vor acht Jahren die EWP in einem Korruptionsverdacht gegen Chef Paffhausen überprüft – und zwischenzeitlich die Stadtwerke und auch Paffhausen in strafrechtlichen Verfahren beraten und vertreten. Hätte die Öffentlichkeit von dem Spitzelverdacht gegen Paffhausen überhaupt erfahren, wenn der Drei-Seiten-Bericht nicht den Medien zugespielt worden wäre? Immerhin war auch der EWP-Aufsichtsrat bis zum Freitag vor einer Woche nicht informiert – weder über die Vorwürfe, noch über die Prüfung durch den Anwalt Erbe. Die Presse allerdings hat wohl den ursprünglichen Plan durchkreuzt: Die Stadtverordneten im Aufsichtsrat, die der Verschwiegenheit verpflichtet sind, sollten mit dem Erbe-Prüfbericht, der Paffhausen zwar laxe Rechungslegung vorwirft, aber sonst keine Verfehlungen erkennt, überrascht werden. Wäre es gelungen, vielleicht hätten sie den Spitzel-Bericht dann rasch zu den Akten gelegt.

Die Stadtpolitik ging mit den Ungereimtheiten um Jakobs milde um, bisher. Vielleicht eine Potsdamer Besonderheit, man hat sich in all den Jahren gewöhnt an den butterweichen Regierungsstil des Rathaus-Chefs, vielleicht aber waren die Kommunalpolitiker auch nur zu sehr mit Paffhausen beschäftigt. In jeder anderen brandenburgischen Stadt, so ist jedenfalls ein Landespolitiker überzeugt, hätte es längst Rücktrittsforderungen gegeben. Spätestens als sich am Mittwochabend nach stundenlanger Beratung des Hauptausschusses eine große, parteiübergreifende Koalition gegen Paffhausen – und damit auch gegen Jakobs’ Kurs – formierte, hätte der Bruch geschehen können. Müssen?

Als Jakobs jetzt vor der Stadtwerke-Zentrale das Wort ergreift, klingt seine Stimme belegt. Er profitiert von der antrainierten Medienroutine, doch er wirkt auch besonders konzentriert. Bemüht um eine selbstbewusste Haltung, schaut er dem Gegenüber unverwandt in die Augen. Sich, wenn auch nur verbal, aus der politischen Zwickmühle zu manövieren, versucht Jakobs aber nicht einmal. Eine Kehrtwende, eine Vollbremsung bei Tempo 120 müsse er hinlegen, um aus der Spitzel-Affäre unbeschadet hervorzugehen, hieß es unter der Woche aus einer Partei, die zum Rathaus-Bündnis des Oberbürgermeisters aus SPD, CDU, Bündnisgrünen und FDP gehört.

Doch selbst jetzt, wo sich ihm die Gelegenheit bietet, wendet Jakobs sich nicht ab von Paffhausen. Er tut sein großes Bedauern kund über die Entscheidung des mächtigen Mannes, seine Funktionen niederzulegen, er bezeichnet die Stadtwerke als Musterunternehmen, meint, dass es „nicht leicht“ werde, einen Geschäftsführer von Paffhausens Format zu finden. Jakobs will nicht einmal sagen, dass er Paffhausen zum Abtritt geraten habe. Eigene Fehler im Umgang mit der Spitzel-Affäre sieht der Oberbürgermeister nicht, jedenfalls nicht „grundsätzlich“. Er habe gelernt, dass man „noch besser aufklären“ müsse, sagt er leicht lakonisch.

Über Klüngeleien, über die klassischen Potsdamer Strukturen, die Abhängigkeiten befördern, will Jakobs nicht sprechen. Das Muster, das zum System geworden ist, gilt mittlerweile als bekannt: Politiker aus Stadt und Land sitzen in den Vorständen der Sportvereine, Paffhausen übernahm die Finanzierung derselben – und traf die ehrenamtlichen Sport-Aktivisten dann in den Aufsichtsräten seiner Unternehmen wieder. Wie viel Geld welcher Verein bekam, ist nirgendwo ausgewiesen, mit Transparenz tat sich hier nicht nur Jakobs schwer. Im Stadtparlament drängten darauf bisher nur die Grünen, die FDP und die Fraktion Die Andere – zu laut war sonst der Aufschrei vor allem der Sportvereinslobbyisten. Nur wenige Stadtverordnete verweigerten sich dem System Paffhausen, darunter Potsdams SPD-Stadt- und Fraktionschef Mike Schubert. Er war kurzzeitig bei den Frauenfußballerinnen des 1. FCC Turbine Potsdam engagiert, legte das Amt aber wieder nieder.

Dass Jakobs in der Spitzel-Affäre bis zum Schluss an der Seite Paffhausens stand, lässt in den Augen seiner Kritiker tief blicken. Ist er selbst verstrickt?

Die Kluft zwischen ihm und seinem Partei- und Fraktionschef Schubert könnte größer kaum sein. Schubert legte sich offen mit „King P“, so tauften die Genossen Paffhausen, an, beantragte im EWP-Aufsichtsrat vergangene Woche dessen Abberufung, versammelte das Rathaus-Bündnis hinter dem Plan, Jakobs zur Not per Stadtparlaments-Beschluss anzuweisen, den Stadtwerke-Chef zu entlassen. Damit hat Schubert einen weitaus besseren politischen Instinkt bewiesen als der Rathaus-Chef. Er sei, gestand Jakobs nun nach Paffhausens Rückzug, schon „beeindruckt“ von dem konzentrierten Willen der gewählten Vertreter, den Stadtwerke-Chef loszuwerden. Die Stimmung, das große Misstrauen der Stadtverordneten, habe ihn überrascht.

Gewisse Abhängigkeiten, so legen die Fakten nahe, gibt es wohl auch bei Jakobs. Für Aufruhr sorgte erst vor wenigen Wochen seine klammheimliche Zusage an den Fußball-Club SV Babelsberg 03, die Reparatur des mutmaßlich wegen mangelnder Wartung kaputten Flutlichts des Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadions aus dem Stadthaushalt zu bezahlen. 250 000 Euro stellte Jakobs dafür ein, gekennzeichnet als „Transferleistung“. Seine Fraktion billigte dies zähneknirschend, die Bündnispartner im Stadtparlament schalten ihn offen. Aufsichtsratschef des Fußballclubs ist Paffhausen, Präsident der ehemalige brandenburgische Innenminister Rainer Speer.

Für seine Politik bediente sich auch Jakobs, der Aufsichtsratsvorsitzende, gern in der gut gefüllten Stadtwerke-Kasse. Die Rechnung brachte viele sowieso missgestimmte Gebührenzahler – bei den Wasserpreisen nimmt Potsdam seit Jahren regelmäßig einen Spitzenplatz im Bundesvergleich ein – in Rage: Für das neue Jugendzentrum „Freiland“, ein Wahlversprechen des Oberbürgermeisters, zahlte Paffhausen 400 000 Euro „Anschubfinanzierung“ und stellte ein Grundstück im Wert von zwei Millionen Euro zur Verfügung. Was allerdings auch das Stadtparlament nicht missbilligte.

Was noch auffällt: Dem 57-jährigen gelernten Sozialarbeiter Jakobs gefallen Typen, die Ecken und Kanten haben, sich durchsetzen – und damit so ganz anders sind als er selbst. Paffhausen ist so einer, der Potsdamer Baubeigeordnete Matthias Klipp, ein Bündnisgrüner, agiert ähnlich ungeniert. Auch bei Klipp ließ Jakobs bisher alles durchgehen. Paffhausen, der Macher, ist auch ein Menschenfänger: Hemdsärmelig, in kein Format passend, leicht verschlagen, aber charmant. Mitarbeiterinnen auf der Chefetage in der Stadtwerke-Zentrale betrachteten ihn zuweilen so, wie sie vielleicht ihre erwachsenen Söhne ansehen würden, in denen sie immer noch die kleinen Jungs erkennen, die sie mal waren.

Doch da gibt es auch diese Gerüchte über ihn, die nie verstummten. Angeblich habe er Dossiers über Menschen in seinem Umfeld erstellen lassen, sie im Tresor in seinem Büro eingeschlossen und bei Bedarf hervorgeholt. Er habe Mitarbeiter bespitzeln lassen, Druck ausgeübt. Er, der heimliche König der Stadt, werde nicht einfach stumm verschwinden, zweieinhalb Jahre nur bevor er sein Lebenswerk Stadtwerke hätte erfolgreich beenden können. Stürzt er, werde es mindestens ein politisches Erdbeben geben.

Wird er es auslösen?

 

20 Kommentare

  • von * * *23.05.2011 19:58
    Huch! Wo ist denn mein zweiter Kommentar von gestern geblieben? Das ist ja lustig!

    Was ich sagen wollte: Das ganze Pillepalle-Theater ist total aufgebauschtes Zeug!

    Frau Schicketanz (ich nenne sie gern zärtlich Schwester Sabine) sollte sich einer anderen Tätigkeit widmen. Nur rumhetzen ist noch kein Journalismus.
  • von gequälterAzubi23.05.2011 12:55
    Auch ohne Paffhausen bleiben doch die "alten Seilschaften" bestehen. Die EWP wird weiterhin Ihre Millionenumsätze für Stadtwerkefeste, Sport und co. verprassen.
    Das mag ja alles ganz nett sein. So ein Stadtwerkefest ist für Potsdam keine schlechte Werbung. Und auch die Reparatur der Flutlichtanlage muss ja nun irgentwie repariert werden, auch wenn das verschulden offensichtlich beim SV Babelsberg 03 liegt.
    Was da letztendlich für Summen zusammen kommen, wird freiwillig nicht verraten. Vermutlich bekommt dann der ein oder andere Bürger einen Schock.

    Mal gucken, ob die SPD mit Ihrem entsprechenden Antrag durchkommt.
  • von whitealbum23.05.2011 12:50
    Ich kann mich den Komplimenten an Sabine Schicketanz nur anschließen:
    ein mutiger Artikel, weil in ihm schonungslos die Mängel von Jakobs offen gelegt werden. Dieser ist immerhin Oberbürgermeister von Potsdam und nicht irgendwer. Ich überlege ernsthaft, ob ich die PNN allein wegen dieses Artikels nicht doch wieder abonniere.
    Auf jeden Fall ist mein Respekt aufgrund dieses Artikels gegenüber den PNN gewaltig gestiegen.
  • von Georg Hagen22.05.2011 18:22
    von ppnk | 22.05.2011 04:13

    Hui, Frau Schicketanz... Chapeau! Dieser Artikel wird Vielen, wirklich Vielen in dieser Stadt nicht schmecken. Gute Arbeit

    von Gert Walter | 22.05.2011 15:43

    Chapeau und Anerkennung, Frau Schicketanz!
    Eigentlich erwartet man mehr solcher gründlichen Analysen der Potsdamer Lokalpolitik in einer Lokalzeitung.
    Danke für Ihren Mut.

    Eineiige Zwillinge.

    Diese Lobhudelei ist peinlich.

    (Teile des Kommentars gelöscht, die Redaktion)
  • von ***22.05.2011 18:03
    @ royse: Richtig und genial auf den Punkt gebracht. Ein nichtiger Anlass und Alle fallen darauf rein!
  • von 471122.05.2011 17:21
    Guter Beitrag
  • von Gert Walter22.05.2011 15:43
    Chapeau und Anerkennung, Frau Schicketanz!
    Eigentlich erwartet man mehr solcher gründlichen Analysen der Potsdamer Lokalpolitik in einer Lokalzeitung.
    Danke für Ihren Mut.
  • von Architekt22.05.2011 15:11
    Soll der OB weitermachen bis zur ordentlichen Wahl. Bis dahin besinnt er sich vielleicht, dass die Schlösser und Parkanlagen Potsdams auch von der Stadt und ihren Bürgern gestützt werden müssen.
    Ich glaube jetzt auch , dass alles Aufgebauschte ( Paffhausen) letztendlich pillepalle ( neudeutsch) ist und zu Kommentaren nicht mehr reichen sollte. Das Mütterchen oder Väterchen, was damit eine Kehrtwendung in der Politik erreichen wollte, muss aufpassen, dass es nicht der Lächerlichkeit anheimfällt. Oder gibt es da noch einige Informationen aus den Kellerräumen von Potsdam, die nachgekleckert werden können? Oder will man uns nur wochenweise verarschen?
    Im Herbst soll es das Richtfest für das Stadtschloss geben, was für eine Nachricht! Die Garnisions-Kirche wird wieder aufgebaut und die Villa Tieck wird fertig. Die Schwanenallee bekommt ihre Matrosenstation wieder und ein tolles Restaurant und die Villa Schöningen erscheint in schönsten Glanz. Jawoll ,Potsdam wird wieder wunderschön.
    Bis auf die Parkanlagen...
  • von royse22.05.2011 13:22
    Jetzt wird es aber spannend. Stadtwerkechef Peter Paffhausen ist zurückgetreten und Oberbürgermeister Jann Jakobs distanziert sich nur halbherzig. Ein ganz Mutiger lässt sich schon in indirekter Rede „unter drei“ wiedergeben. Nicht gleich mit einer Rücktrittsforderung, dazu sind die alten Mächte wohl noch zu gefährlich, aber immerhin schon mit der Bemerkung, dass in anderen Städten jetzt wohl ein Rücktritt gefordert werden würde. „Lokalrevolution“ kräht da das Provinzblatt und trägt der historischen Situation Rechung, indem es vorsichtshalber nicht die Partei der Rathauskooperation nennt, aus der der markerschütternd couragierte Satz gekommen sein soll, Jakobs müsse bei Tempo 120 „eine Kehrtwende, eine Vollbremsung“ (Nichtgewünschtes bitte zu streichen) hinlegen, wenn er unbeschadet aus der Affäre herauskommen wolle. Der Leitartikel macht politische Weiterungen bis hin zum Ministerpräsidenten aus. Wenn Matthias Platzeck jetzt noch eine Mittelohrentzündung bekommt, haben wir wahrscheinlich eine Regierungskrise. Nicht auszuschließen auch, dass im Kanzleramt Leute mit bedenklichen Mienen herumlaufen und bei der UNO in irgendeiner Datei der Name Potsdam steht. Sicher werden bald Hunderte, nein Zehntausende auf den Platz der Einheit strömen, einen Hauch von arabischem Frühling nach Brandenburg bringen und Jakobs zwingen, gegen den gefallenen Kommunal-Imperator Paffhausen die Damnatio memoriae zu verhängen, sprich ihn unwiderruflich zum Hundsfott zu erklären.
    Äh, und worum ging es am Anfang noch mal genau? Ach ja, Paffhausen hat ein Dossier über die Arbeitsweise eines Firmenchefs erstellen lassen, dessen Laden eventuell in seine Stadtwerke eingegliedert werden sollte. Und so was geht gar nicht. Wenn ich mir einen Gebrauchtwagen suche, vertraue ich ausschließlich den Versicherungen des Verkäufers. Vor dem Kauf eines Kühlschranks studiere ich nicht die Ergebnisse der Stiftung Warentest, sondern die Reklamezettel aus der Gratiszeitung. Und wenn ein Chefredakteur einen Journalisten bei seiner Zeitung einstellen will, wird er ohne Zweifel immer nur anhand der eingereichten Bewerbungsunterlagen entscheiden, wen er nimmt. Nie, nie wird er zum Telefon greifen oder per Email Kollegen fragen, wie sich der Kandidat in anderen Redaktionen bewährt hat – niemals! Honi soit qui mal y pense.
    Wegen des Dossiers gibt es bis jetzt keine Ermittlungen oder Vorermittlungen. Auch Experten sehen nach allem, was bisher bekannt ist, kein rechtliches Problem. Der Bespitzelte hat sich über die Nachforschungen geärgert, das Papier aber als astreines Lob für sich bezeichnet. Paffhausens Verhängnis war, dass der Verfasser des Dossiers früher für die Stasi gearbeitet hat. Zwar behauptet kein Mensch ernsthaft, dass Paffhausen genau deshalb mit ihm zusammengearbeitet hat, aber die Verbindung der Worte Nachforschung und Stasi war eine wunderbare Gelegenheit, dem unbeliebten und undurchsichtigen Mann eins auszuwischen. Jakobs hat sie verstreichen lassen. Das zeugt von einem eklatanten Mangel an Opportunismus.
    Übrigens, der FC Lokomotive Berlin (vulgo auch Hertha BSC) wird seit Jahren von einem Unternehmen gesponsert, das zu 100 Prozent dem Bund gehört. Wettbewerbsverzerrung ist das! Bestimmt bricht auch bald in Berlin die Lokalrevolution aus.
  • von Vips22.05.2011 10:49
    @ Werner Müller: Das war anscheinend ein Missverständnis. Ohne den Stadtkämmerer, der unser Aufsichtsratsvorsitzende ist, wäre unser Boss schon lange vorher in die Wüste geschickt worden. Jetzt wird genau dieser Stadtkämmerer der Nachfolger von Paffi und bei den Stadtwerken gibt es garantiert einen Posten, auf den unser alter Vip-Boss haargenau draufpasst. Und wenn nicht, dann wird einer geschaffen, wetten? Das Drama dabei ist, dass er dann uns wieder drangsalieren kann, weil wir von den stadtwerken so oder so abhängig sind.
  • von erwin22.05.2011 10:46
    Die frage ist doch eigentlich, wo das viele Geld herkommt, mit dem da rumgeworfen wird ?!!

    Die Leute sollen doch dankbar zum Stadtwerkefest traben und traurig sein, wenn es das nicht mehr gibt.


    Was mich wundert ist, warum sich die Leute das gefallen lassen ?!!!!

    Alle die die mit 1000 Euro den Monat auskommen müssen und selbst Gutverdiener, können in ihrem ganzen Leben keine 450 Tsd zusammenkratzen.

    Die Manager arbeiten bestimmt Tag und Nacht ständig das Wohl der Bürger im Auge......



    Ich glaube eher Energie und Wasser ist die Lizenz zum Geld drucken....

    Da ist etwas faul im Staate Dänemark !!!


    Vive la resistance !!

  • von Werner Müller22.05.2011 10:00
    @Vips: Ich denke Sie haben da völlig recht, das sieht hier alles nach einer Inszenierung aus. Hier wollte jemand den Paffhausen weghaben, dass es sich dabei aber um Ihren "alten" Chef handelt, wage ich dann doch zu bezweifeln. Er hat ja noch einen Vertrag bis 31.12.2011, bis dahin ist er beurlaubt. So stand es vor Kurzem in diesem Blatt.

    Wenn der OB gehen sollte, wer soll ihm den nachfolgen? Scharfenberg? Reiche? Alles lächerliche Kandidaten. Wenn es zu einem Rücktritt des OB kommen sollte, dann muss der Nachfolger in der Lage den Sumpf, in dem sich Potsdam befindet auszutrocknen, ob das gelingen wird?
  • von Architekt22.05.2011 08:13
    Fabel des Aisopos: Der Fuchs trifft einen Igel, der voller Blutläuse war. Ei, sagte er zum Igel:"Gevatter Igel, du siehst ja furchtbar aus! Soll ich dir die Läuse ab sammeln?" Der Igel antwortete: "Nein, bloß nicht. Die sind alle vollgefressen und satt. Sind die weg, dann kommen Neue und Hungrige"-und zog so seines Weges.
    Wenn es nachgewiesenermaßen Bereicherungen unter Nutzung von bestehenden Strukturen gab, dann sofortiger Neuanfang: Mit einer neuen Konzeption, neuen Plänen und Strukturen, die das verhindern. Seilschaften oder im Wirtschaftsdeutsch " Geschäftsbeziehungen " wird es immer geben und sind Grundlage jeder wirtschaftlichen Tätigkeit. Auch anrüchige ( Schreiber usw. ) können darunter sein. Nur entsteht dadurch ein Schaden für die Allgemeinheit (Korruption!), ja dann müssen sie weg.
    Geht es nur ums neue Postenverteilen-was soll dann das Ganze...
  • von der_potsdamer22.05.2011 07:37
    ok, was haben wir hier:

    1. ein unfähiges Parlament
    2. ein unfähiges Parlament
    3. ein unfähiges Parlament

    Das ist das Problem!!!
  • von ppnk22.05.2011 04:13
    Hui, Frau Schicketanz... Chapeau! Dieser Artikel wird Vielen, wirklich Vielen in dieser Stadt nicht schmecken. Gute Arbeit.
  • von SL21.05.2011 22:19
    Der Direktor des Internationalen Währungsfonds erhält 283 Tsd. EUR pro Jahr und der Geschäftsführer der kommunalen Stadtwerke, im beschaulichen Potsdam, 450 Tsd. EUR. Na das nenne ich doch mal angemessen. Der ein schützt Europa vor dem monetären Untergang und der andere bespasst uns mit Festen.
  • von * * *21.05.2011 19:25
    Das ist doch aber sowas von beknackt, was soll denn das! Nun ist der Paffhausen weggekickt, nun soll der OB dran?! Das ist doch so ein ekelhaftes Spiel! Geht doch zum Kegeln, da könnt ihr gleich mal alle Neune weghauen! Ein Bier dazu, was willste mehr! Schadet wenigstens nur der eigenen Leber. Dann noch so ein Quatschkommentar wie VIVE LA RESISTANCE! Ich glaub es ja nicht! Vips hat recht. Spannend, wer das so inszeniert hat, das alte Ding!
  • von Vips21.05.2011 18:33
    Wenn in Potsdam einer dem Größenwahn verfallen war, dann war es unser Chef. Bei der Vip zu arbeiten war seit Dukies Weggang der blanke horror und erst Paffi hat das für uns überraschend geändert, so hieß es wenigstens. Denkt mal jemand bitte mal an unsere Panik, daß der, der jahrelang seine schützende Hand über unseren Boss gehalten hat, sich Paffis Stelle bemächtigt hat? Vergesst den OB und wendet euch den wirklichen strippenziehern zu! Wetten daß unser alter Vip-Boss ganz schnell wieder in den Stadtwerken auftaucht?

    Und liebe PNN, lächerlich eure Vorstellung. Da hat euch einer geleimt, das mit Paffi das war ein Racheakt gegen die Ablösung von unserem Boss. Wenn Paffi wirklich Dreck am Stecken gehabt hätte, wäre es nicht nötig gewesen, ein 10 Jahre altes Papier vorzukramen, dessen einzige Brisanz darin besteht, daß es angeblich von einem Spitzel stammt. Als Tramfahrer würde ich sagen, da hat einer unvorschriftsmäßig die Gefahrenbremse gezogen, weil sein bester Kumpel nach über 6 Jahren bei uns dringend einen neuen Job braucht.
  • von Dezi21.05.2011 16:49
    Ein Arbeitnehmer der wegen Verfehlungen gekündigt wird oder der selbst kündigt, bekommt eine Sperre von 3 Monaten beim Arbeitsamt. Er bekommt kein Geld und muss sich privat krankenversichern.

    Der Herr Paffhausen bekommt 1 Million Abfindung, wofür wenn er selber geht oder entlassen wird für einen sehr groben Fehler.Leider ist es so in Deutschland, das die Mächtigen Ihre Macht ausnutzen und dann auch noch fürstlich entschädigt werden. Aber richtig ist das nicht und gerecht schon garnicht.

    Er hätte doch bei 450.000 Jahresgehalt etwas sparen können, für schlechte Zeiten. Er hätte wohl nicht gedacht, das diese Zeiten auch einmal für Ihn zutreffen.

    King P ist entthront und das war notwendig und absolut richtig!
  • von Puff der Zauberdrachen! ; )21.05.2011 16:45
    VIVE LA RESISTANCE

Aktuellste Kommentare

  • von * * *23.05.2011 19:58
    Huch! Wo ist denn mein zweiter Kommentar von gestern geblieben? Das ist ja lustig! Was ich sagen wollte: Das ganze Pillepalle-Theater ist total aufgebauschtes...
  • von gequälterAzubi23.05.2011 12:55
    Auch ohne Paffhausen bleiben doch die "alten Seilschaften" bestehen. Die EWP wird weiterhin Ihre Millionenumsätze für Stadtwerkefeste, Sport und co....
  • von whitealbum23.05.2011 12:50
    Ich kann mich den Komplimenten an Sabine Schicketanz nur anschließen: ein mutiger Artikel, weil in ihm schonungslos die Mängel von Jakobs offen gelegt...

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