• 31.08.2010
  • von Von S. Daßler, M. Hubschmid und U. Zawatka-Gerlach

Von S. Daßler, M. Hubschmid und U. Zawatka-Gerlach: Aufs Spiel gesetzt

von Von S. Daßler, M. Hubschmid und U. Zawatka-Gerlach

Dagegen.

Diesmal habe er es zu weit getrieben, finden viele. „Sie haben das Buch bestimmt noch nicht gelesen“, entgegnet Thilo Sarrazin seinen Kritikern. In Berlin stellt er es vor. Und auf der Straße demonstrieren sie gegen die „rechtspopulistischen Äußerungen“

Das türkische Fernsehen ist da. Ein russischer Sender auch. Ein dänischer Journalist stellt die erste Frage, ein niederländischer Kollege legt nach. Er fragt den Buchautor Thilo Sarrazin, was er von Geert Wilders halte, dem islamophoben Rechtsausleger, der nach der letzten Wahl in Holland ein gewichtiges Wort mitzureden hat. In einem völlig überfüllten Saal der Bundespressekonferenz spitzen alle die Ohren, und Sarrazin sagt, dass er die Tendenz zu rechtsnationalen Parteien für äußerst gefährlich halte. „Aber wenn man ein Problem zum Nicht-Problem erklärt, ist das auch gefährlich.“

Aber dann kann er sich einen Witz doch nicht verkneifen. Er bewundere Wilders blonde Haare, meint Sarrazin, und alle lachen erschrocken. Dann fügt er noch hinzu: „Wenn jemand, den ich verabscheue, sagt, die Erde ist rund, dann sage ich: Du hast recht, bist aber trotzdem ein Arschloch.“ In diesem Moment denken die Zeitungs- und Rundfunkleute, die Fotografen und Kameramänner gewiss: Mehr! Gib uns mehr davon! Aber der Autor und Bundesbankvorstand hält sich zurück.

Mit dramaturgisch geschickter Verspätung hat er um 11.20 Uhr den Raum betreten – und ein Blitzlichtgewitter über sich ergehen lassen, um das ihn viele Politiker beneiden würden. Er ist hier, um sein Buch vorzustellen. „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“, heißt es, leuchtend rot ist der Einband. Schon vor seiner offiziellen Veröffentlichung am Montag hat es für Aufregung gesorgt. Immer wenn Thilo Sarrazin in den vergangenen Tagen über seine Thesen sprach, über die Integrationsunwilligkeit von türkischen und arabischen Migranten im Land und die „genetische Identität“ eines Volkes.

Ein Sachbuch stelle er vor, sagt Sarrazin. Ein Buch, das „sehr ausgewogen“ sei und mit dem er breite Schichten der Bevölkerung erreichen wolle. Seine Antworten auf Fragen, die er als polemisch empfindet, leitet er jedesmal mit dem Hinweis ein. „Sie haben das Buch bestimmt noch nicht gelesen.“ Zu einer Kernaussage des 463 Seiten starken Werkes, die in der öffentlichen Diskussion als besonders angreifbar empfunden wird, steht der Autor aber unverrückbar: Intelligenz ist weitgehend vererbbar. Damit habe er „die aktuelle Forschung zitiert“. Selbst mit dem besten Schulsystem ließen sich schlechte Anlagen nicht kompensieren. Und Sarrazin lässt auch keinen Zweifel daran, dass die Muslime im Land das Problem sind.

Für solche Sätze bekommt er jedesmal Beifall, was für eine Pressekonferenz ungewöhnlich ist. Aber in den Saal haben sich ein paar politische Claqeure eingeschlichen, die auch Sarrazin nicht bestellt haben wird.

Doch auch politische Gegner sind gekommen. Michel Friedmann hat sich in der zweiten Reihe, Aug’ in Aug’ mit dem Autor platziert, mischt sich aber nicht ein. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz, Wahlkreis Neu-Ulm, sitzt ein wenig abseits dabei, „weil ich den Sarrazin mal persönlich erleben will“. Sie leidet stumm und fragt am Ende leise: „Wo will er sie denn hinhaben, die ganzen dummen Muslime?“

Neben Sarrazin sitzt Necla Kelek auf dem Podium, in Istanbul geboren, in Berlin lebend, Soziologin und selber Buchautorin. Sie verteidigt Sarrazin vehement gegen den Vorwurf des Biologismus oder Rassismus. „Das ist diffamierend und beruht auf Unkenntnis.“ In dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ habe ein verantwortungsvoller Bürger bittere Wahrheiten drastisch ausgesprochen. Kelek beklagt den „schrillen Chor der politischen Klasse von CDU bis zu den Linken, die ihn niederbrüllt“. Dann ruft sie dazu auf, „dieses Land zusammen wieder aufzubauen“.

Über diese Unterstützung und das Riesenecho auf sein Buch hätte sich Sarrazin eigentlich laut freuen dürfen, aber er bleibt unterkühlt, spricht von „dem Risiko“, das er mit seinen Thesen eingehe. Dann kommt auch schon die Frage nach seinem Verbleib im Vorstand der Bundesbank und in der SPD. In der Partei will er unbedingt bleiben, und zur beruflichen Zukunft fällt ihm sogar etwas Lustiges ein. „Wenn ich heute vor Aufregung einen tödlichen Herzinfarkt erleide, werde ich in einem Jahr zweifellos nicht mehr Bundesbankvorstand sein.“ Von einer Sondersitzung des Bankvorstands am Montag weiß er angeblich nichts, sondern blättert im Terminkalender: Die nächste Sitzung sei demnach am Mittwoch, 9.30 Uhr. Nein, mit dem Präsidenten Axel Weber habe er nicht telefoniert. „Wir haben uns zuletzt vor neun Tagen zum Mittagessen getroffen.“

Es ist der Tag der klaren Ansagen: „Halt’s Maul“, steht auf einem handgemalten Plakat, das ein junger Mann im grauen Kapuzenshirt am Montagmorgen vor dem Haus der Bundespressekonferenz in die Höhe hält. Es zeigt ein simples Porträt Thilo Sarrazins. Der Mann ist nur einer von etwa 100 Menschen, die vor dem Haus der Bundespressekonferenz protestieren – gegen Sarrazins Weltsicht, seine Thesen und Behauptungen. „Dem gehört doch echt der Mund verboten“, sagt eine Studentin wütend. Zwei Demonstranten in gelbgrünen Signalwesten verteilen bunte Smarties: „Intelligenz-Gene“ im Auftrag der „Sarrazin Pharma AG“. „Dass das Buch überhaupt ausgeliefert worden ist, ist beschämend“, sagt Dirk Stegemann, Sprecher des Bündnisses „Rechtspopulismus stoppen!“, das die Protestkundgebung organisiert hat. Das findet auch Erdmute Orthmann aus Lichterfelde. Die Rentnerin will frühzeitig handeln. „Rechtspopulistische Äußerungen gehören im Keim erstickt.“

Doch Sarrazins Thesen spalten die Gesellschaft an diesem Tag nicht nur. Die evangelischen Gemeinden der Französischen Friedrichstadtkirche jedenfalls stellt ihre Räume gern den Vertretern muslimischer Organisationen für ihre Pressekonferenz zur Verfügung. Schließlich habe die Kirche auf dem Gendarmenmarkt, wie ein Pfarrer bemerkt, einen echten Migrationshintergrund. Anfang des 18. Jahrhunderts von den Berliner Hugenotten, protestantischen Glaubensflüchtlingen aus Frankreich errichtet, stehe sie für Toleranz, Weltoffenheit und Religionsfreiheit.

Alles Tugenden, die viele Muslime bei Thilo Sarrazin vermissen. Mehr noch: Sarrazin versuche, den Rassismus in Deutschland wieder salonfähig zu machen, sagt der Generalsekretär der Muslime in Deutschland, Ayman Mazyek: „Sarrazin ist ein Nazi in Nadelstreifen.“ Seine Behauptungen über Muslime, sagt Mazyek, entbehrten jeder wissenschaftlichen Grundlage, bestünden aus Halbwahrheiten und Faktenselektion: „Sarrazin gehört nicht in die SPD. Sarrazin gehört nicht in die Bundesbank.“

Für Barbara John ist Sarrazin „eher ein Fall für die Couch“. Die langjährige Berliner Ausländerbeauftragte, die auch im Beirat des muslimischen Vereins Inssan sitzt, hat sich das umstrittene Buch bereits am Freitag besorgt. „Die hatten nur drei Exemplare und zwei davon waren vorbestellt“, erzählt sie. Ihre Freude darüber, das dritte ergattert zu haben, sei aber bald zunehmender Frustration und Erschöpfung gewichen. „450 Seiten mit immer der gleichen Behauptung, wonach Muslime vermehrungssüchtig, faul, fromm und minderwertig sind – das war zu viel.“

Um das Buch zu Ende lesen zu können, habe sie mehrere Aspirin gebraucht, sagt John. Ihr Fazit: „Der Mann ist Opfer seiner eigenen Wahnvorstellungen und Komplexe. Er legt sich Statistiken und Zahlen so zurecht, dass sie seine Thesen immer stützen.“ John hält Sarrazins Buch für gefährlich, ja schädlich: „Es geht ihm ja nicht um eine Lösung der Probleme, sondern um eine Verschärfung. Er liefert jenen Kleinmütigen, für die Einwanderung ohnehin mit Ängsten verbunden ist, scheinbar seriöse Argumente.“

Doch seine Risikobereitschaft, von der Sarrazin spricht, holt ihn nun ein. Schon eine Stunde, bevor Thilo Sarrazin beginnt, sein Buch vorzustellen, tagt bereits das Präsidium der SPD im Willy-Brandt-Haus. 60 Minuten lang berieten die Mitglieder über den Fall Sarrazin, dann stand fest: Es wird ein Parteiordnungsverfahren eingeleitet. Dessen Ziel: Ausschluss aus der Partei. Der SPD-Parteivorstand beriet sich gleich im Anschluss – und bekräftigte den zuvor gefassten Beschluss. Nun muss auch die Kreisschiedskommission in Charlottenburg-Wilmersdorf über einen Parteiausschluss beraten, denn dort ist Sarrazin als Mitglied registriert. Am 6. September will der Landesvorstand der Partei darüber debattieren. Die Bundesbank will bislang auf einen Abwahlantrag verzichten.

Mitarbeit Sabine Beikler

  • Erschienen am 31.08.2010 auf Seite 03

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