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  • 10.08.2015
  • von Gudrun Janicke

Professor für Mehrsprachigkeit der Uni Potsdam im Interview: „Eine geistige Übung“

von Gudrun Janicke

H. Clahsen. Foto: promo

Der Potsdamer Wissenschaftler Harald Clahsen spricht im Interview über Muttersprachunterricht für Flüchtlingskinder.

Herr Clahsen, Sie sagen, dass Kinder von Flüchtlingen und Asylbewerbern besonders in ihrer Muttersprache gefördert werden sollten. Zweisprachigkeit sei eine große Chance für die weitere Entwicklung. Oft wird aber gesagt, Kinder von Asylbewerbern sollten vor allem so schnell wie möglich Deutsch lernen, um hier Fuß zu fassen. Wie begründen Sie Ihren Ansatz zur intensiven Förderung der Muttersprache?

Deutsch lernen die Kinder von Flüchtlingen im Kindergarten oder in der Schule quasi nebenbei, sofern die Bedingungen dafür stimmen. Bei Untersuchungen in der türkischen Community in Berlin konnte festgestellt werden, dass, selbst wenn in der Familie untereinander nur türkisch gesprochen wird, der Nachwuchs relativ schnell das Deutsche lernt. Einfach deshalb, weil es die dominante Sprache in unserer Gesellschaft ist. Darum muss man sich darum keine allzu großen Sorgen machen.

Das klingt wunderbar. Was ist dann das Problem?

Ja, es scheint gut: Aber die Kinder haben in der Schule nur das deutsche Schriftsystem gelernt. Türkisch lesen und schreiben ist ihnen in den allermeisten Fällen nie beigebracht worden. Ich halte es für einen Fehler, sich im Bildungsbereich nur auf die deutsche Sprache zu konzentrieren, es darf aber auch nicht vernachlässigt werden. Kindern – beispielsweise von arabisch sprechenden Asylbewerbern – wird die Chance verwehrt, mehrsprachig aufzuwachsen. Meist waren sie zu klein, um in der Heimat eine Schule zu besuchen. Doch die Schriftsprache, vor allem die arabische, lernt man nicht nebenbei.

Warum ist die Muttersprache für die Kinder so wichtig?

Die Muttersprache beinhaltet die sprachlichen Wurzeln und damit eine Verbindung zur Heimat. Können Asylbewerberkinder die Sprache der Eltern richtig lesen und schreiben, sind sie nicht unbedingt Außenseiter, wenn sie später wieder in die Heimat zurückzukehren sollten.

Was bringt Zwei- oder Mehrsprachigkeit den Kindern?

Früher dachte man, sie sind dann überfordert. Das hat sich jedoch als Unsinn herausgestellt. Von Kindheit an ist die Mehrsprachigkeit eine gute geistige Übung. Schnell wird begriffen, welche zwei Worte es für einen Begriff gibt. Das kann förderlich sein für die kognitive Entwicklung. Auch deutsche Kinder ohne Migrationshintergrund sollten diese Möglichkeit bekommen.

Die Fragen stellte Gudrun Janicke

 

ZUR PERSON: Harald Clasen (60) ist Professor für Mehrsprachigkeit an der Universität Potsdam. Der Sprachwissenschaftler leitet das von ihm gegründete Forschungsinstitut für Mehrsprachigkeit.

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