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  • 04.03.2015

„Etwas, das über den Dingen steht“

Harmlose Kondensstreifen? Nicht für Verschwörungstheoretiker. Sie halten die langlebigen Streifen für sogenannte Chemtrails, die Chemikalien für Geoengineering, militärische Zwecke oder gar die Dezimierung der Bevölkerung enthalten sollen. Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Was die sogenannten Verschwörungstheorien so verführerisch macht, warum sie gegenwärtig so florieren und wie man ihnen begegnen kann, erklärt Eva Kimminich

Frau Kimminich, Astronauten waren nie auf dem Mond, der 11. September wurde vom US-Geheimdienst selbst angezettelt und die Illuminaten steuern heimlich die Welt – Sie untersuchen derzeit mit Kollegen aus ganz Europa auf einer Tagung an der Universität Potsdam Verschwörungstheorien. Was macht die so verführerisch?

Zum einen hat der Mensch ein Bedürfnis, alles zu erklären und zu deuten. Damit kann er Dinge, die er nicht versteht, in den sicheren Hort eines Weltbildes einfügen. Dazu zählt auch, dass Verschwörungstheorien immer dann florieren, wenn eine Gesellschaft in Krisenzeiten gerät, wie beispielsweise gerade in der europäischen Wirtschaftskrise. Immer dann, wenn das kleine heile Weltbild verunsichert wird, haben solche Theorien eine Chance. Es geht um das Bedürfnis, die Welt zu ordnen, etwas überblicken zu können. Hinzu kommt, dass der Zufall etwas ist, was der Mensch ganz schlecht verträgt – weil er dafür keine Erklärungsmuster hat.

Warum brauchen wir Erklärungsmuster?

Die Evolutionstheorie geht davon aus, dass die menschliche Evolution die Tendenz hervorgebracht hat, dass Ereignisse immer das Ergebnis von menschlichem Handeln oder auch von Göttern, Dämonen oder ähnlichem sind. Wenn es eine Ursache und einen Verursacher gibt, lassen sich die Dinge einordnen. Der Mensch will alles erklären und ordnen, um keine Angst haben zu müssen. Es geht bei vielen Theorien auch darum, Ängsten in Krisenzeiten zu begegnen. Dahinter steckt auch ein manichäisches Weltbild: Es gibt Gut und Böse und immer einen, der steuert. Wenn man etwas nicht erklären kann, lässt es sich leicht irdischen oder auch überirdischen Mächten zuschreiben. Das ist am einfachsten. Auch werden in Verschwörungstheorien Trost und Hoffnungen gesucht. Es könnte ja sein, dass eine missliche Situation durch die Auflösung einer vermeintlichen Verschwörung gebessert wird.

Warum fallen viele auf diese Theorien rein?

Zu erkennen, dass es Dinge gibt, die gleichberechtigt nebeneinander stehen, setzt eine gewisse Abstraktionsfähigkeit voraus, die nicht jeder hat. Zumal diese Einsicht auch weniger Sicherheit verspricht. Das Etikettieren, die Welt einzuteilen in gefährlich und ungefährlich, das ist der einfachste Weg. Dass Verschwörungstheoretiker immer nach etwas suchen, was über den Dingen steht, ist das Bedürfnis nach einer ordnenden Macht. Das ist in unserer säkularen Welt nun aber auf verschiedene Mächte verteilt. Daneben werden auch Versatzstücke aus der Wissenschaft, der Mythologie und aus Science-Fiction in die Theorien eingebracht. Es werden ganz unterschiedliche Argumentationen miteinander verknüpft. Darunter kann jeder etwas finden, was überzeugend erscheint.

Also eine Art Ersatzreligion.

Das könnte man so sagen. Für manche Menschen stützen die Verschwörungstheorien ihre Vorstellung von einer heilen Welt.

Gab es bei der Beschäftigung mit diesen Theorien nicht auch eine, die Ihnen plausibel erschien?

Ich muss zugeben, wenn man sich mit diesen Theorien auseinandersetzt, passiert es einem doch recht häufig, dass man bei einem Ereignis, das zu einer Theorie passt, kurz überlegt, ob es doch stimmen könnte. Manche dieser Theoriegebilde sind sehr geschickt gemacht. Die Vermischung von Fakten und Fiktionen prägt sich ein. Das ist die Problematik dieser Theorien, dass sie sich leicht mit anderen Deutungsmustern vermengen. In einer Gesellschaft, in der viele solcher Muster kursieren, ist es schwer auszumachen, wie man sie bewerten soll.

Welche Theorie ist Ihnen besonders aufgefallen?

Wir haben in einem Seminar die Theorie von Dirk Müller – bekannt als Mr. Dax – zu Gas- und Ölvorkommen in Griechenland genauer analysiert. Es geht in seinem Buch von 2013 darum, dass die USA die Krise ausgelöst habe, um Griechenland vom Rest der EU abzuspalten und sich die angeblich riesigen Öl- und Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer zu sichern. Es soll sich um Trillionen von Litern handeln. Seltsamerweise sind die Vorkommen zumindest vor Griechenland noch nicht bestätigt worden, Probebohrungen sollen erst 2016 beginnen. Am Ende blieb für uns die Feststellung, dass der Autor sein Thema sehr geschickt rhetorisch kommuniziert, zum Beispiel indem er die Leser direkt anspricht und über einen gezielten Gebrauch der Personalpronomina und bestimmter rhetorischer Figuren ihm seine eigenen Anschauungen unterschiebt.

Es gibt auch Verschwörungstheorien, die von Machthabern gezielt eingesetzt werden, etwa die von der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung, dem zentralen Feindbild der Nationalsozialisten.

Die Soziologie und Geschichtswissenschaft betrachtet gerade diesen Aspekt, dass Machthaber ihre Ziele über solche Verschwörungstheorien durchzusetzen versuchen. So wollen sie eigene Versäumnisse ausgleichen und die eigene Macht erhalten. Die Anschuldigungen richten sich oft gegen andere Nationen oder Feinde innerhalb des Systems, auch um die Bevölkerung gegen diese Gegner zu mobilisieren. Die Gefahr im politischen Bereich liegt darin, dass ganze Bevölkerungsgruppen instrumentalisiert werden, wie etwa in der NS-Zeit, aber auch in der Zeit der Hexenverfolgung.

Die einen behaupten, dass Jesus Nachfahren hatte, die anderen dass als Chemtrails bezeichnete Kondensstreifen die Menschheit dezimieren sollen. Wovon hängt die Glaubhaftigkeit einer solchen Theorie ab?

Wichtig ist, wie gut eine solche Theorie sich an vorhandene Deutungsmuster andocken lässt. Auch davon, ob sie verifiziert oder falsifiziert werden kann, hängt ab, ob sie sich in der Gesellschaft verbreiten kann. Die nächste Frage ist dann, ob die Theorie zu einer Gefahr werden kann. Dem müsste die Gesellschaft entgegenwirken, wenn sich eine solche Theorie kollektiv verbreitet.

Wann wird es bedenklich?

Gefährlich werden Verschwörungstheorien dann, wenn sie ganz konkrete Schuldige benennen. Hier wäre Pegida ein Beispiel. Wobei derzeit ja zu beobachten ist, dass sich die Bewegung nicht durchsetzen kann. Mein Doktorand Saman Hamdi untersucht diese Bewegung. Seit 2008 entstehen vor allem Verschwörungstheorien zur europäischen Finanzkrise, zumeist auch in Südeuropa.

Zum Beispiel?

Ein Kollege aus Griechenland spricht auf unserer Tagung in Potsdam über hellenozentrische Verschwörungstheorien. Die gehen im nationalistischen Sinne von einer Überlegenheit Griechenlands aus, in einer zivilisatorisch-religiösen Tradition. Sie operieren mit archaischen Elementen, die sie mit gängigen verschwörungstheoretischen Mustern kombinieren, um die eigene Überlegenheit wieder zu betonen. Angesichts der europäischen Lage, versuchen sie den eigenen Selbstwert wiederherzustellen. Auch das ist individuell wie kollektiv eine weitere wichtige Funktion dieser Theorien. Der Einzelne soll über die Aufwertung seines eigenen Selbstbildes eingebunden werden. Das funktioniert sehr gut bei Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, die sich nicht richtig integriert fühlen.

Eine Verschwörungstheorie lässt sich doch leicht durch Fakten entkräften.

Schon. Aber es macht keinen Sinn, solche Theorien zu be- oder zu widerlegen, weil das immer wieder als Teil der Verschwörung ausgelegt wird. Jede Erklärung lässt sich als neuerliche Lüge abtun. Das ist das Problem. Ihre Widerlegung wird von ihren Verfassern immer wieder als Verschwörung gegen sie ausgelegt. Das ist ein Kreislauf, der sich nicht durchbrechen lässt. Es werden ständig Argumente produziert, mit denen die Gegenargumente ausgehebelt werden können. Dabei steht derjenige, der das zu widerlegen versucht, automatisch auf der anderen Seite.

Es gibt also kein Gegenmittel?

Doch, man kann aufklären und dafür sensibilisieren, wie solche Theorien funktionieren, dass eine Theorie nur eine von verschiedenen Deutungsmöglichkeiten ist. Ich denke, in dem Fall von Pegida war zu beobachten, dass dies streckenweise auch bereits geschieht. Etwa wenn man sich die wirklichen Zahlen der Muslime in Deutschland anschaut und dann feststellt, dass das Argument der Islamisierung doch weit hergeholt ist.

Es gibt aber auch tatsächliche Machenschaften im Verborgenen, etwa der Geheimdienste, die immer wieder ans Licht kommen.

Dazu ist der Ansatz der Wissenssoziologie interessant. Sie betrachtet Verschwörungstheorien zunächst als einen Bestandteil gesellschaftlicher Wissenskonstruktion, neben Wissenschaft, Literatur und Geschichtsschreibung. Alle versuchen etwas zu deuten. Die Geschichte zeigt natürlich auch, dass sich einige Verschwörungstheorien im Nachhinein als wahr herausgestellt haben. Vor allem im politischen Bereich,

Woran denken Sie?

Zum Beispiel an die Exeter-Verschwörung, eine Konspiration zwischen konservativen englischen Adligen gegen König Heinrich VIII. im Jahr 1538. Auch in der französischen Revolution wird sich da einiges finden lassen, vor allem wenn es unter den Machthabern um Macht geht. Oder denken Sie nur an das alte Rom. Man darf also auch nicht jede Theorie über eine Verschwörung als Verschwörungstheorie diskreditieren.

Sind die Verschwörungstheorien nicht vor allem auch Kind unserer Zeit?

Der Grad an Information in unserer Gesellschaft ist sehr hoch. Vielleicht auch schon wieder zu hoch, sodass Skepsis gegenüber den Medien und der Regierungen entstanden ist. Wenn durch die Vielfalt und zum Teil auch Ungenauigkeit der medialen Berichterstattung spekuliert wird, greifen die Verschwörungstheoretiker dies auf, um sich selbst recht zu geben in ihrer Einschätzung, dass etwas faul ist. Einerseits bieten die digitalen Medien ein breites Podium für solche Theorien. Andererseits aber fällt es durch die hohe Verfügbarkeit der Theorien auch leichter, falsche Darstellungen und unpassende Zusammenhänge zu überführen.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

Eine Ausstellung zum Thema ist bis zum 12. März am Uni-Campus Neues Palais, Haus 9 im Foyer, zu sehen.

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