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  • 05.02.2015
  • von Richard Rabensaat

Studenten aus Potsdam forschen mit New York: Online-Studium mit Gesicht

von Richard Rabensaat

Gruppenseminar. Die Studenten sollen sich im Computerraum treffen. Foto: K. Fritze/UP

Studenten aus Potsdam arbeiten jetzt gemeinsam mit Nachwuchsforschern aus New York. Davon profitieren beide Seiten. Und obwohl sie nicht am selben Ort sind, sehen sie sich regelmäßig.

Potsdam/New York - „Auch in der digitalen Welt will ich meinem Gegenüber in die Augen schauen“, sagt Alexander Knoth. Für das laufende Semester hat der Soziologe ein Seminar ins Leben gerufen, bei dem Studenten der Potsdamer Universität mit Studenten aus den USA gemeinsam forschen. Zusammen mit der amerikanischen Wissenschaftlerin Sandra Johnson von der Delhi State University of New York entwickelt Knoth ein neues Lehrkonzept. „Geschlecht und Wohlfahrtsstaat“ ist das etwas sperrige Thema der Veranstaltung.

Der 29-jährige Soziologe hat bereits den Lehrpreis des Landes Brandenburg erhalten. Bei der aktuellen Lehrveranstaltung erprobt er ein Format, bei dem Potsdamer und amerikanische Studenten jeweils ein Tandem bilden. „Sie erarbeiten gemeinsam einen Artikel und stellen diesen dann auf den Blog der Lehrveranstaltung. Dort kann von allen beteiligten Studenten darüber diskutiert werden“, beschreibt Knoth das Konzept. Hierzu gibt es einen amerikanischen Blog, der als Plattform dient. Auf diesen stellen die Studenten Fachartikel, Filme und was sonst noch zum Thema passen könnte.

Ein persönliches Bild vom anderen Kontinent

Es gehe aber nicht nur darum, wissenschaftliche Lehrinhalte zu vermitteln. Die Studenten sollen sich auch ein Bild von der Persönlichkeit des Kooperationspartners auf dem anderen Kontinent machen, sagt Knoth. Denn der Knackpunkt vieler internetbasierter Lehrveranstaltungen läge gerade darin, dass sie unpersönlich blieben.

Nachdem in den vergangenen Jahren weltweit und auch in Potsdam eine ganze Reihe von Lehrveranstaltungen unter dem Schlagwort Mooc – Massiv Open Online Courses – veranstaltet worden seien, wäre mittlerweile eine gewisse Ernüchterung eingetreten, so der Dozent. Denn es habe sich gezeigt, dass hohe Klickzahlen alleine noch lange nicht eine kontinuierliche Beteiligung an der Lehrveranstaltung und einen erfolgreichen Abschluss garantieren würden. Grund sei nicht zuletzt die Anonymität im Netz und die Möglichkeit, sich der Beteiligung auch vollkommen zu entziehen.

Potsdamer Studenten in New York zu sehen

Der nun laufende Kurs soll das ändern. Ein Foto, ein Film, oder auch ein persönlicher Kommentar der Studenten, die an dem Tandem beteiligt sind: So soll das Gegenüber erkennbar werden. Beim einzelnen Kontakt am Rechner soll es nicht bleiben. Zweimal während der Lehrveranstaltung sind gemeinsame Treffen im Videoraum der Universität Potsdam geplant. Hier könne die Kamera schnell zwischen den Teilnehmern wechseln, die Potsdamer Studenten würden als ganze Seminarklasse für die New Yorker sichtbar. Die Studenten sollten dabei ein Namensschild tragen. Eine Adresse zum Thema der Veranstaltung ist im Netz einsehbar: welfarestateandgender.wordpress.com.

Schon seit Längerem befasst sich Knoth damit, wie sich das jeweilige Geschlecht auf die gesellschaftliche Rolle, die ein Mensch einnimmt, auswirkt. Eigentlich spiele das Geschlecht in alle gesellschaftlichen Bereiche hinein, findet Knoth. Ob es um die gleichgeschlechtliche Ehe, die Steuergesetzgebung oder den beruflichen Aufstieg von Frauen gehe, stets werde ein markanter Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht. Beim gegenwärtigen Seminar werde die Frage gestellt, wie sich diese Unterschiede in den USA und Deutschland gesellschaftlich niederschlagen.

Bei vergangenen Lehrveranstaltungen hat auch Frederik Ahlgrimm Erfahrungen mit den USA gemacht. Zusammen mit dem Center of Collaborat Online Learning (COIL) der State University of New York (SUNY) hat er Online-Kurse durchgeführt, an denen Studenten aus New York und Potsdam beteiligt waren. Es habe sich allerdings gezeigt, dass die Studenten ihre Gewohnheiten als „Digital Natives“ gelegentlich auch auf den studentischen Blog übertragen würden. „Sie zeigen sich dann mit einem Scherzbild, oder dem Foto ihres Hundes, was nicht Zweck der Sache ist“, kommentiert Ahlgrimm. Die Plattform, die der Pädagoge verwendet hat, bot ebenfalls viele Austauschmöglichkeiten. „Da haben sich auch die stilleren Studenten beteiligt, die im Seminarraum möglicherweise vor ihren lauteren, testosterongesteuerten Kollegen zurückgeschreckt wären“, vermutet Ahlgrimm.

Wissenschaftlerin aus Jemen in Potsdam

Ein weiterer großer Vorteil der Online-Lehre ist laut Alexander Knoth, dass sie ermöglicht, Gastdozenten zu beteiligen, die sonst nie in Potsdam wären. Sabine Levet vom Massachusetts Institut of Technologie beispielsweise sei eine Koryphäe, die er sonst wohl nicht einfach einladen könne. Auch die Wissenschaftlerin Bilkis Zabara aus Jemen könne er online nach Potsdam schalten. Anreisen könne sie schon deshalb nicht, weil der Jemen ein Ausreiseverbot verhängt habe.

Ahlgrimm und Knoth betonen allerdings, dass Online-Lehre mit erheblich mehr Aufwand verbunden sei als ein gewöhnliches Seminar. Denn nicht nur die Lehrinhalte, sondern auch die entsprechenden Computerprogramme müssten erst einmal verstanden werden, und zwar auch von den Lehrenden. Nicht zuletzt deshalb seien viele Online-Lehrangebote mittlerweile kommerzialisiert. Das sei in Potsdam allerdings nicht geplant, erklären die Wissenschaftler. Denn Wissenschaft und Lehre sollten in Deutschland möglichst frei von kommerziellen Zwängen sein, meinen sowohl Ahlgrimm als auch Knoth. 

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