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  • 17.12.2014
  • von Richard Rabensaat

Nicht nur eine Wahrheit Experte: Kontrolliertes Chaos in der Ukraine

von Richard Rabensaat

In der Schwebe. Die Lage in der Ostukraine (hier Luhansk) ist unübersichtlich. Foto: dpa

Ein „Neues Russland“, von dem der russische Präsident Putin noch am Anfang des Jahres gesprochen hatte, habe er bei seiner Reise durch die Ukraine nicht ausmachen können, so Moritz Gathmann. Der Begriff sei eher eine Art historisch geprägter Kampfbegriff, um die Stimmung in der Ostukraine anzuheizen, weniger ein politisches Programm. Zwar sei die Lage im Donezbecken seit Anfang des Jahres ziemlich angespannt, aber unmittelbar bedroht worden sei er nicht, erzählt Gathmann im Einstein Forum. Dennoch werde in Donezk täglich geschossen. Niemand dort wisse genau, wie sich die politische Lage entwickeln werde.

„Was ist die Wahrheit?“, fragte Susan Neiman, die Leiterin des Einstein Forums, als Gathmann versuchte, einen Überblick über die Lage in der Ostukraine und im Donezbecken zu geben. Es gebe nicht nur eine Wahrheit, entgegnet der Journalist, sondern viele Einzelfälle, die sich zu langen Kausalketten verknüpfen würden. Die Ostukraine befinde sich in einem politischen Schwebezustand, von dem nicht so recht gesagt werden könne, wohin er sich entwickeln werde. Prorussische Separatisten aus der Ukraine machten sich für eine Eingliederung des Donezbeckens als Teil einer russischen Föderation stark. Aber die dahingehende Propaganda habe „nicht richtig gezündet“, ein richtiger Bürgerkrieg sei das dort auch nicht.

Ohnehin sei trotz aller Sympathie vieler muttersprachlich russischer Ukrainer der bewaffnete Konflikt eher aus der Krim in das Donezbecken importiert worden. Zwar sei in russischen Medien praktisch das ganze Jahr über viel Propaganda über die Kämpfe zwischen Seperatisten und der politischen Führung in Kiew verbreitet worden, auch im Internet. Dennoch schrecke die russische Führung offensichtlich davor zurück, in das von Rebellen gegen die Kiewer Regierung dominierte Gebiet des Donbass einzumarschieren. Zwar hätten sich etliche Russen im Sommer nach blutigen Kämpfen aufgemacht, die russisch sprechenden und mit Russland sympathisierenden Ukrainer in der Region zu unterstützen. Aber das Ziel Putins sei letztlich wohl eher, die Region und die nach Europa hin orientierte Regierung der Ukraine zu destabilisieren.

„Kontrolliertes Chaos“ sei der Fachbegriff, der sich für diese Art Politik Russlands etabliert habe. Dennoch seien bei Kämpfen in der Region bisher einige Tausend Menschen gestorben. Staatliche Löhne und Gehälter seien von der Regierung in Kiew seit Monaten nicht gezahlt worden. Nun sei Russland dafür eingesprungen. Trotzdem werde ein Großteil der Region von „Warlords“ beherrscht. Die hätten gar kein Interesse an einer politischen Lösung, weil sie mit der unsicheren Situation gute Geschäfte machten. Einer der führenden Separatisten, Boris Litwinow, wolle im kommenden Frühjahr Kommunalwahlen organisieren. Aber ob es dazu komme, stehe derzeit noch in den Sternen. Dennoch liege die Wirtschaft der Region auch heute nicht vollkommen brach. Viele der dominierenden Kohlekombinate würden noch arbeiten, auch Chemiewerke produzierten und lieferten auch in die restliche Ukraine.

Ein genaues Bild der wirren Lage ergibt sich auch für Gathmann nicht. Fünf Jahre hat er als freier Journalist in Moskau gelebt und sich als Russlandexperte einen Namen gemacht. Ärger bekam er mit ZEIT-online, als herauskam, dass er auch für die russische PR-Publikation „Russland heute“ schreibt. Eine breite Debatte über die Unabhängigkeit von Journalisten war die Folge. Richard Rabensaat

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