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  • 08.10.2014
  • von Jan Kixmüller

Wenn Bücher nach Raubgut riechen

von Jan Kixmüller

An der Bibliothek der Universität Potsdam werden derzeit über 5000 Judaika darauf geprüft, ob sie einst von den Nazis ihren Besitzen entwendet wurden

Als Andreas Kennecke in der Sammlung jüdischer Schriften von Yehuda Aschkenasy einen Band mit einem Stempel der Veitel Heine Ephraimschen Lehranstalt aus Berlin entdeckte, wusste er Bescheid. Hier musste es sich um Raubgut aus der Zeit des Nationalsozialismus handeln. „Manche Bücher im Besitz der Universitätsbibliothek Potsdam haben wahre Odysseen hinter sich“, erklärt Andreas Kennecke, Fachreferent der Bibliothek und Initiator eines Projekts zur Verifizierung von NS-Raubgut im Bibliotheksbestand. Die Bücher aus der Aschkenasy-Sammlung waren einst im Zentralarchiv Leipzig gelandet, dann hatte DDR-Devisenhändler Alexander Schalck-Golodkowski sie nach Amsterdam verkauft, wo ein Rabbiner sie für seine Bibliothek erwarb. Diese Bibliothek wiederum hatte die Universität Potsdam vor einigen Jahren aufgekauft.

Zurzeit werden an der Potsdamer Unibibliothek Bücher und Publikationen aus jüdischen Beständen darauf untersucht, ob sie in der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig entwendet worden waren. Die Untersuchung wird ein Jahr in Anspruch nehmen. Es handelt sich zumeist um Bücher, die nach der Enteignung durch die Nazis über viele Umwege bei neuen Eigentümern und schließlich auch in der Universitätsbibliothek Potsdam gelandet sind. „Und nicht selten hatte auch der letzte rechtmäßige Besitzer seine Spuren darin hinterlassen, die nun erforscht werden sollen“, erklärt Kennecke. Die Arbeitsstelle für Provenienzforschung und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz fördern das Projekt mit rund 32 000 Euro.

Was heute an Judaika im Bestand der Bibliothek ist, kam durch Ankäufe und Schenkungen zusammen. Im Projekt werden vor allem die großen Judaika-Sammlungen der Universitätsbibliothek bearbeitet: von Israel Mehlmann (1900-1989) aus Jerusalem, Israil Bercovici (1921-1988) aus Bukarest oder Yehuda Aschkenasy (1924-2011) aus Amsterdam. Seit Gründung der Jüdischen Studien an der Universität Potsdam vor 20 Jahren wurden zahlreiche Bücher weltweit antiquarisch erworben. Alle Bände aus diesen Beständen, die vor 1945 gedruckt wurden – insgesamt 5000 – werden nun auf Provenienzmerkmale hin untersucht. Neben Büchern aus den Sammlungen werden auch Bände mit den Notationen Judentum, Israel und Bibelwissenschaft untersucht.

„Finden wir in den Bänden entsprechende Stempel, Exlibris, Widmungen oder Ähnliches, beginnt die eigentliche Recherche“, erklärt Andreas Kennecke. Handschriften müssen dann entziffert und transkribiert, Personen oder Körperschaften identifiziert werden. „Wir sehen immer wieder Vermerke, die auf Raubgut hindeuten.“ Eine konkrete Zahl von Verdachtsfällen kann Kennecke noch nicht nennen. Aber allein von der Sammlung Veitel-Heine-Ephraim besitze die Bibliothek 83 Bände, größtenteils religiöse Literatur. „Wir haben viele Verdachtsfälle, die noch nicht geklärt sind.“ Kennecke schätzt, dass drei bis fünf Prozent des gesamten untersuchten Bestandes NS-Raubgut sind. Doch die Zahl könne auch ganz anders ausfallen. „Man muss wirklich jedes Buch in die Hand nehmen und durchschauen.“ Wenn die Forscher einen Stempel des Offenbach Archival Depots finden, der zentralen Sammelstelle in der Amerikanischen Besatzungszone zwischen 1946 und 1948, sei das schon eindeutig. Neulich fand Kennecke ein Buch aus einer Synagoge eines kleinen Ortes in Polen. „Das riecht nach Raubgut“, sagt er. Nach einem solchen Verdacht beginnt die eigentliche akribische Recherchearbeit. Dann werden die Bücher auch in der gemeinsam Datenbank mit der Zentral- und Landesbibliothek Berlin und der FU Berlin eingepflegt. „Wenn wir Glück haben, recherchiert gleichzeitig jemand anderes, der Listen über die Herkunft der Bücher hat“, so Kennecke. Wenn man dann noch jemanden findet, der weitere Bücher aus dem Bestand hat, die nachweislich Raubgut sind, dann ist das der Beleg. „Dabei sind wir immer wieder auch stark auf den Zufall angewiesen“, so Kennecke. „Ziel der Suche ist auf Grundlage der Washingtoner Vereinbarung die Rückgabe von NS-Raubgut an eventuelle Erben – soweit dies möglich ist. Die Ergebnisse werden in der Lost-Art-Datenbank in Magdeburg abgelegt, damit Personen, die nach Raubgut aus der NS-Zeit suchen, sie dort finden können. Zurückgegeben wurde bislang noch kein Buch. Die Forscher arbeiten transparent, wenn ein Fall von Enteignung gefunden wird, wird er im öffentlich zugänglichen Katalog der Universitätsbibliothek als solcher gekennzeichnet.

Zahlreiche Bücher des NS-Raubguts waren nach dem Krieg in das Offenbach Archival Depot gebracht worden. Über drei Millionen Bände wurden damals restituiert. Es wurde versucht, die Bücher soweit wie möglich den Erben zurückzugeben. Weil das nicht in allen Fällen möglich war, gingen große Bestände ins Ausland – nach Großbritannien, in die USA oder nach Israel. Auf welchen Wegen ist heute meist nicht mehr klar. In einem Buch wurde beispielsweise ein Ex-Libris eines US-Soldaten gefunden, erzählt Uni-Referent Kennecke. Das könnte bedeuten, dass der Band damals einfach mitgenommen wurde. Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein.

Auslöser für die Suche war nicht der Fall des Kunstsammlers Gurlitt. Der Antrag auf Förderung war bereits davor gestellt worden. Vielmehr habe man erkannt, dass viele Bücher mit ungeklärter Herkunft vorhanden sind, aber geschultes Personal in diesem Umfang zur Untersuchung fehlt. Dafür brauche man jemanden, der Ahnung von Büchereien hat und Hebräisch, Jiddisch und Handschriften lesen kann. „Das ist schwer zu finden“, so Kennecke. Nach dem bekannt wurde, dass man bei der Arbeitsstelle für Provenienzforschung des Bundes Anträge stellen kann, entschied man sich zu dem Vorhaben – und fand auch eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die in Potsdam Jüdische Studien studiert hat und einschlägige Erfahrungen mit Bibliotheken mitbringt.

Auch in Brandenburgs Museen wird nach Objekten gesucht, die während der NS-Diktatur ihren Eigentümern weggenommen wurden. In neun von 13 bislang überprüften Museen gibt es Verdachtsfälle. Das Potsdam Museum betreibt seit 2011 Provenienzforschung, ein zweijähriges Forschungsprojekt beschäftigt sich seit diesem Jahr mit Beständen des Nazi-Kunsträubers Walter Neulings , der seinen Nachlass auf teils nicht geklärte Weise zusammengetragen hatte.

Der Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums an der Universität Potsdam (MMZ), Julius H. Schoeps, hatte erst in diesem Frühjahr ein radikales Umdenken in der Frage der Rückgabe von NS-Beutekunst in Deutschland gefordert. In den PNN sagte der Historiker, dass ein bindendes Rückgabegesetz nach dem Vorbild Österreichs in Deutschland notwendig sei. Dabei müssten der gutgläubige Erwerb von Raubkunst sowie die Verjährungsfrist berücksichtigt werden. „Beides scheint mir gegenwärtig ein Hindernis für die Rückgabe der verfolgungsbedingt entzogenen Kunstwerke zu sein“, sagte Schoeps. Er kritisiert vor allem auch, dass es Widerstände bei den Museen gebe, sich mit der Rückgabefrage auseinanderzusetzen. Die deutschen Museen hätten nach dem Washingtoner Abkommen ihre Hausaufgaben nicht gemacht, mit Erben werde häufig gar nicht gesprochen.

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