29.07.2016, 24°C
  • 10.09.2014
  • von Jan Kixmüller

Mauerfall: "Eine Fiktion ergriff die Massen"

von Jan Kixmüller

Öffnung des Eisernen Vorhangs am 10. September 1989 in Ungarn. Foto: dpa

Der Fall der Berliner Mauer vom 9. November 1989 hatte eine Vorgeschichte. Mauerchronist Hans-Hermann Hertle im PNN-Interview über das erste Loch im Eisernen Vorhang, die Geburtsstunde der Massenproteste und die Rolle der Westmedien.

Herr Hertle, es heißt immer wieder, die Berliner Mauer sei am 9. November 1989 völlig unerwartet gefallen. Wirklich völlig unerwartet?
Es gab natürlich eine Vorgeschichte, insbesondere die Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze am 10./11. September 1989, also heute vor 25 Jahren. Das war das erste Loch in der Mauer. Dann entstand die Massenprotestbewegung in der DDR, zu deren zentralen Forderungen die Reisefreiheit gehörte. Seit dem 4. November konnte dann problemlos über die CSSR nach Bayern ausgereist werden: Das zweite Loch in der Mauer war entstanden. Insofern gab es natürlich eine Vorentwicklung. Aber den eigentlichen Fall der Mauer am 9. November hat niemand vorhergesehen.
Warum machte gerade Ungarn den Anfang?
Die DDR verließ sich jahrelang darauf, dass Ungarn die DDR-Bürger, die über ihre Grenze fliehen wollten, festnahm. Sie wurden der Stasi überstellt und zumeist nach kurzer Gefängnisstrafe an den Westen verkauft. Der ungarischen Führung missfiel seit Längerem, dass die DDR Ungarn als Hilfspolizist für ihre Zwecke missbrauchte und damit auch noch Geld verdiente. Ein vielleicht wichtigerer Grund für die Öffnung war, dass die elektrischen Grenzanlagen baufällig waren und Material zur Erneuerung im Westen hätte gekauft werden müssen. In Ungarn herrschte schon Reisefreiheit, der Eiserne Vorhang war für sie selbst überflüssig geworden. Ungarn suchte stattdessen die Annäherung an den Westen. Warum also noch für die DDR diese Investition für einen neuen Grenzzaun tätigen?
Die Entwicklung musste die Sowjetunion doch irritieren?
Gorbatschow hatte im März 1989 die Ankündigung Ungarns, die Grenzanlagen nicht erneuern zu wollen, kommentarlos hingenommen. Seine Haltung war: die Ungarn selbst sollen das entscheiden. Zu diesem Zeitpunkt war natürlich für ihn gar nicht absehbar, welche Folgen das im Sommer haben würde. Als die Menschen in der DDR im Westfernsehen sahen, dass der Zaun zwischen Ungarn und Österreich abgebaut wird, glaubten sie, dass man dort nun gefahrlos in den Westen gelangen konnte. So begann die Ausreise- und Fluchtbewegung über Ungarn.
Die Entwicklung in Ungarn, die Massenausreise aus der DDR, die Massenproteste, Honeckers Sturz am 17. Oktober – es gab also eine kontinuierliche Entwicklung, die zum Mauerfall führte?
Ja, wobei der Auslöser die Ausreisebewegung war. Die Öffnung der ungarischen Grenze schuf in der DDR ein völlig neues Machtverhältnis zwischen Bevölkerung und Regime. Durch dieses erste Loch in der Mauer konnten die Bürger in der DDR damit drohen, über Budapest in den Westen zu gehen, wenn sich in der DDR nichts ändert. Das war die Geburtsstunde der sich ausbreitenden Massenproteste. „Wir bleiben hier, aber nur, wenn es nicht so bleibt, wie es ist“, lautete eine frühe Leipziger Demonstrationslosung.
Die Situation spitzte sich zu, am 9. Oktober wurden die DDR-Sicherheitsorgane der Montagsdemonstration in Leipzig nicht mehr Herr.
Bereits am 8. Oktober endete eine Demonstration in Dresden friedlich, nachdem sich SED-Bezirkschef Modrow und der damalige Oberbürgermeister Berghofer bereit erklärt hatten, mit Vertretern der Demonstranten zu sprechen. Damit fiel eine Vorentscheidung für den Beginn eines Dialogs. Das ist den Kirchenvertretern, die daran beteiligt waren, aber auch Modrow und Berghofer hoch anzurechnen. Umso mehr, als es zu diesem Zeitpunkt noch Ziel der SED-Führung am 9. Oktober in Leipzig war, eine Demonstration mit allen Mitteln zu verhindern. Das gelang nicht, weil es einfach zu viele Menschen waren – rund 70 000 demonstrierten friedlich für Reformen. Ihnen standen rund 8000 bewaffnete Kräfte gegenüber. Aber diese Demonstration mit polizeilichen Mitteln aufzulösen, war unmöglich. Das haben die Verantwortlichen in Berlin und Leipzig eingesehen – Gott sei Dank!
Hinzu kam, dass die DDR vor dem Staatsbankrott stand.
Die desolate wirtschaftliche Lage der DDR war bei allen Entscheidungen der SED-Führung gegenwärtig. Das spielte auch bei der Frage, Gewalt einzusetzen, insofern eine wichtige Rolle, weil man sich damit den Weg zu jeglicher Unterstützung aus dem Westen verbaut hätte. Die DDR war in hohem Maße auf Kredite aus dem Westen angewiesen. Aus einer Vorlage zur ökonomischen Situation der DDR aus dem Politbüro vom 30. Oktober 1989 ging hervor, dass die DDR unmittelbar vor der Pleite stand. Die Westschulden waren zu hoch, die Industrieanlagen in hohem Maße verschlissen, die Infrastruktur noch mehr. Vor allem Kredite für Investitionen wurden benötigt, die man nur von der BRD bekommen konnte. Da man nichts mehr als Gegenwert anzubieten hatte, kam man auf die Idee, im Gegenzug für Kredite die Mauer durchlässiger zu machen. Die Alternative dazu wäre gewesen, den Lebensstandard in der DDR um 25 bis 30 Prozent zu senken. Das wurde verworfen. Man befürchtete einen Volksaufstand.
Ab dem 4. November bestand dann die Möglichkeit der Ausreise über die CSSR. Der Anfang vom endgültigen Ende?
Das führte zu einem weiteren Aderlass. Innerhalb weniger Tage verließen 50 000 Menschen die DDR über diesen Weg. Besonders für die Grenztruppen und die Stasi brach damit eine Welt zusammen. Welchen Sinn machte es nun noch, in Berlin auf Flüchtlinge zu schießen oder Ausreisewillige zu verhaften, wenn über Ungarn und jetzt auch noch die CSSR der Weg in den Westen offenstand? Gleichzeitig wuchs der Druck aus Prag auf Ost-Berlin, das Ausreiseproblem über die eigenen Grenzen zu lösen. Denn Prag verwandelte sich wieder in ein Durchgangslager von DDR-Flüchtlingen. Und die dortige Führung befürchtete, dass die davon ausgehende Unruhe auf die eigene Bevölkerung übergreifen könnte.
Am Vorabend des 9. November war die SED stark unter Zugzwang. Wodurch?
Einerseits durch die CSSR, andererseits aber auch durch die Bundesregierung. Heute weiß kaum noch jemand, dass Egon Krenz den Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski im Oktober und noch am 6. November nach Bonn geschickt hat, um dort Kreditwünsche vorzutragen. Und zwar in beträchtlicher Höhe: zwischen acht und zehn Milliarden D-Mark. Die Bonner Regierung unter Helmut Kohl erkannte nun das Ausmaß der wirtschaftlichen Krise der DDR. Kohl brach dann mit der bisherigen Ostpolitik und knüpfte mögliche Hilfe an Bedingungen, und zwar an die Erfüllung der Forderungen, die die Demonstranten auf der Straße stellten: freie Wahlen, Reisefreiheit, kein Machtmonopol der SED.
Der 9. November dann erscheint im Rückblick als Kommunikationspanne des Politbüros. Schabowski verlas eine Ausreiseregelung, die er offensichtlich nicht genau kannte. Auf Nachfrage sagte er dann den berühmten Satz, die Regelung gelte ab sofort, unverzüglich.
Diese Pressekonferenz war der Supergau in der Geschichte der Pressekonferenzen. Schabowski hat mir in einem Interview kurz nach dem Mauerfall erzählt, dass er keine Zeit hatte, das Papier vorher zu lesen. Beabsichtigt war mit der Ankündigung nicht, die Mauer einzureißen. Sondern dass alle, die ausreisen wollten, dies über die DDR-Grenzübergänge machen können, und alle, die reisen wollten dafür ein Visum brauchen. Für dieses Visum war ein Reisepass nötig, den nur DDR-Rentner hatten. Alle andern hätten zuerst den Pass und dann das Visum beantragen müssen, das hätte vier bis sechs Wochen gedauert. Reisen kurz vor Weihnachten: So war es geplant. Dass Schabowski nun aus Unwissenheit antwortete, dass dies sofort und unverzüglich gelte, gab der Sache eine unbeabsichtigte Dynamik.
Es gab für die Mitteilung der Reiseregelung eigentlich eine Sperrfrist bis 10. November, 4 Uhr.
Ja. Allerdings wusste Schabowski davon nichts. Er sagt, Krenz habe sie ihm nicht mitgeteilt.
Welche Rolle hatten die Westmedien bei der weiteren Entwicklung?
Eine sehr große. Denn der Ansturm auf die Mauer war keine sofortige Reaktion auf die Pressekonferenz, wie häufig geglaubt wird. Um 8 Uhr abends waren nur sehr wenige Menschen an die Grenzübergänge in Berlin gekommen. Entscheidend war, wie die Westmedien die Aussagen Schabowskis interpretierten, erst die Agenturen und dann das Fernsehen. „DDR öffnet Grenze“ war die erste AP-Meldung, dem schloss sich dpa an. Das brachten die Tagesschau und später vor allem auch die Tagesthemen als Topmeldung. Der eigentliche Massenansturm auf die Grenze brach erst los, nachdem Hans-Joachim Friedrichs in den Tagesthemen sagte, dass dies ein historischer Tag sei, die Tore in der Mauer stünden weit offen – was zu diesem Zeitpunkt definitiv noch nicht der Fall war.
Ohne die Berichte wäre es gar nicht so weit gekommen?
Der Fall der Mauer war das erste welthistorische Ereignis, das als Folge seiner vorauseilenden Verkündung in den Medien eingetreten ist. Man kann auch sagen, dass damals eine Fiktion der Medien die Massen ergriffen hat und dadurch zur Realität wurde. Die Menschen sind zur Mauer gegangen, weil sie dachten, dass sie schon offen sei. Das wollten sie sehen. Und indem sie hingegangen sind, haben sie das Ereignis überhaupt erst herbeigeführt.
An der Bornholmer Straße wuchs die Menschenmenge immer weiter an. Hatten die Grenzwächter wirklich keine Ahnung, was sich abspielte?
Sie hatten keinerlei Vor-Information. Die sollte erst im Laufe des Abends erfolgen. Das Kalkül war, dass die Menschen sich am 10. November bei den Pass- und Meldestellen für ein Visum anstellen würden. Es sollte genau das nicht passieren, was nun eintrat, nämlich dass die Menschen direkt an die Grenze gingen. Und sich dazu auch noch auf die Äußerungen eines Politbüro-Mitglieds beriefen, also auf die oberste Instanz. Hinzu kam, dass die gesamte SED-Führung bis nach 9 Uhr gleichsam paralysiert war, weil das ZK unvorhergesehenerweise weiter tagte. Die saßen dort abgeschottet und bekamen nicht mit, was draußen passierte.
Es gab noch keine Handys...
...und im ZK sah keiner fern oder hörte Rundfunk, schon gar nicht die Westsender. Die Chefs saßen also alle dort – und die Vorgesetzten der Grenzer und Stasi-Passkontrolleure konnten dementsprechend ihre Vorgesetzten nicht erreichen. Überall waren nur Stellvertreter oder Stellvertreter von Stellvertretern im Dienst. Dadurch entwickelten sich zirkuläre Telefonate, in denen keine Entscheidung getroffen wurde. Bis die Menschenmengen und der Druck in der Bornholmer Straße und der Sonnenallee so stark wurden, dass die Posten vor Ort den Rückzug antraten.
Eine Person brachte den Stein ins Rollen: Edwin Görlitz, einer der beiden leitenden Offiziere an der Bornholmer Straße, kündigte an, zu „fluten“.
Als der Druck so groß geworden war, dass die Grenzposten um ihr Leben fürchten mussten, entschlossen sie sich eigenmächtig zur Öffnung. Zuvor gab es noch den Versuch, mit einer „Ventillösung“ Druck abzubauen. Einige, die an den Grenzübergängen standen, wurden zur Ausreise vorgelassen, sie bekamen einen Stempel auf das Foto in ihren Ausweisen. Was sie nicht wussten: Damit wurden die Papiere ungültig, ihnen sollte die spätere Rückkehr unmöglich gemacht werden. Das hat sich aber schnell als unsinnig erwiesen, weil die meisten wieder zurück wollten – und schließlich auch wieder hereingelassen wurden.
Im Nachhinein war Edwin Görlitz doch ein Held?
Er hatte sicher gemischte Gefühle. Sein Kollege Harald Jäger stellt es für sich als ein sehr zwiespältiges Ereignis dar. An dem Abend selbst war es für ihn die größte Niederlage seines Lebens. Er hatte 28 Jahre lang die Grenzen der DDR verteidigt – und nun dieses Ende. Im Nachhinein hat er aber gemerkt, dass dies eine sehr gute Entscheidung war und empfindet auch Freude darüber.
In Potsdam wurde die Glienicker Brücke erst am 10. November geöffnet. Warum nicht bereits in der Nacht?
Es sind wohl einige hingegangen, aber es waren viel zu wenige, um eine Öffnung zu erzwingen. Die Grenzübergänge in der Bornholmer Straße und in der Sonnenallee lagen in dicht bewohnten Arbeiterbezirken. Das war bei der Glienicker Brücke nicht der Fall.
Es hätte auch ganz anders kommen können. Wieso wurde keine Gewalt angewendet?
Durch die vorhergehenden Grenzöffnungen in Ungarn und der CSSR war die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit an den Berliner Grenzübergängen bereits zusammengebrochen. Es machte doch faktisch keinen Sinn mehr, in Berlin die Grenze mit der Waffe zu verteidigen, wenn man über Budapest oder Prag problemlos in den Westen ausreisen konnte. Die SED-Führung hätte in dieser Nacht zweifellos die Möglichkeit gehabt, Panzer einzusetzen. Aber auch das machte keinen Sinn mehr, weil sie sich damit die eigene Zukunft verbaut hätte. Wie hätte die Führung vor ihrem Volk, aber auch vor Gorbatschow dagestanden? Zumal ihr klar war, dass aus Moskau weder militärische Unterstützung noch wirtschaftliche Hilfe zu erwarten war.
An der Invalidenstraße wurden immerhin noch bewaffnete Truppen angefordert.
Die Grenzsoldaten und Stasi-Passkontrolleure waren alle bewaffnet, und so hatte auch die Verstärkung, die in der Invalidenstraße eintraf, Maschinengewehre und Pistolen dabei. Aber auch da haben letztlich die Verantwortlichen erkannt, dass es keinen Sinn mehr machte, Waffen einzusetzen. Wichtig ist auch, dass es in dieser Nacht keinen einzigen Angriff auf die Grenzsoldaten gab. Die ganze aufgestaute Wut aus 28 Jahren Einsperrung ist nicht ausgebrochen. Stattdessen herrschte grenzenlose Freude. „Wahnsinn“ war das Schlüsselwort der Nacht. Es ist auch der Besonnenheit der Menschen an den Grenzübergängen zu verdanken, dass sich die Grenzwächter nicht bedroht fühlten.
Und Moskau?
Die sowjetische Führung reagierte nach außen überraschend gelassen. Aber intern war man konsterniert, wie den deutschen Genossen so etwas passieren konnte. Aufgrund der Berichte, dass es am 10. November Demonstrationen geben sollte, die offizielle SED-Demonstration im Lustgarten, dann noch in West-Berlin am Rathaus Schöneberg und an der Gedächtniskirche, wuchs die Sorge in Moskau, dass es in Berlin zu Unruhen kommen könnte, dass auch die eigenen Truppen angegriffen werden könnten. In dieser Situation wandte sich Gorbatschow direkt an Bundeskanzler Helmut Kohl und bat ihn, Sorge dafür zu tragen, dass es zu keiner Radikalisierung und nicht zu Angriffen auf die Mauer aus dem Westen komme. Dem trug man Rechnung. Alles blieb friedlich.


Das Gespräch führte Jan Kixmüller

 

__________

Hans-Hermann Hertle (59) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF). Er gilt als der Chronist und Analytiker des Mauerfalls, hat dazu mit Hunderten Zeitzeugen aus Ost und West gesprochen. Sein Standardwerk „Chronik des Mauerfalls“ ist in 11. Auflage erschienen. Foto: ZZF

Social Media

Umfrage

Lösung für die defizitäre Tropenhalle gesucht: Soll das Naturkundemuseum in die Biosphäre ziehen? Stimmen Sie ab!