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  • 20.06.2014
  • von Jakob Mühle

Die kosmopolitische Solistin

von Jakob Mühle

Das Ganze im Blick. Während ihrer Auslandsaufenthalte stößt Rakefet Zalashik häufig auf sehr unterschiedliche akademische Welten und Haltungen. Seit vergangenem Sommer lehrt und forscht die Israelin als Gastprofessorin für Israel Studies am Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum . Foto: Andreas Klaer

Rakefet Zalashik lehrt in diesem Sommersemester Israel-Studies am Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum

Während Rakefet Zalashik über ihre Arbeit spricht, lehnt sie am viel zu niedrigen Schreibtisch ihres Büros im Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ). Dort findet sich kaum ein Fleckchen, das nicht von losen Blättern, aufgeschlagenen Büchern oder leeren Kaffeetassen verdeckt ist. Ab und zu schließt die zierliche Israelin mit dem markanten Gesicht ihre freundlichen Augen. Dann verschiebt sich das kleine Piercing an ihrer rechten Braue.

Die 40-jährige Historikerin, Soziologin und Anthropologin, deren hebräischer Vorname „Alpenveilchen“ bedeutet, gilt in Kollegenkreisen als umtriebig und höchst aktiv – was eher noch eine Untertreibung ist. Bewegt waren schon ihre ersten Lebensjahre. An Weihnachten 1973 in Polen geboren, emigrierte die Mutter alsbald mit ihr nach Israel, wo Rakefet im Zentrum Tel Avivs unweit des heutigen Rabin Platzes bei ihrer Familie aufwuchs. Das Flair unter den Verwandten beschreibt sie als „atheistisch, pazifistisch, kommunistisch und anarchistisch“, wenngleich ihre polnisch-stämmige Großmutter aus Respekt vor den religiösen Nachbarn am Sabbat nie die Wäsche gemacht hätte. Weltoffenheit konnte Rakefet durchaus bei ihren späteren Uni-Aufenthalten in Tel Aviv, Haifa, Leipzig, Berlin und München sowie bei Lehr- und Forschungsaufträgen in New York, Philadelphia und Heidelberg gebrauchen. Seit Sommer 2013 lehrt und forscht sie als Gastprofessorin für Israel Studies am MMZ. Ob sie sich als Kosmopolitin betrachtet? „Ja, natürlich“, kommt prompt die Antwort. Rakefet lächelt und wieder verschiebt sich das Piercing ein kleines Stück in Richtung ihres Augenwinkels. Die Studenten wissen ihren Charme zu schätzen, in den angebotenen Kursen herrscht starker Andrang.

Dass Rakefet dereinst zur renommierten Historikerin avancieren würde, deren Dissertation mittlerweile auch im Deutschen vorliegt („Das unselige Erbe. Geschichte der Psychiatrie in Palästina und Israel“, 2012), war keineswegs abzusehen. Nach Abschluss der Schule bot sich ebenso die Option Berufsmusikerin: Als Flötistin hatte sie ihren sicheren Platz in einem Tel Aviver Orchester, doch dies war der ambitionierten jungen Frau offensichtlich zu wenig. „Ich wollte Solistin sein“, gibt sie rückblickend schmunzelnd zu. Bald studierte Rakefet Zahlashik mit großem Eifer Geschichtswissenschaften. Im Anschluss stürzte sie sich auf brisante, kaum erschlossene Themen – unter anderem die Geschichte der Psychiatrie in Palästina und Israel, das Schicksal von jüdischen Psychiatern im Nationalsozialismus oder aber aktuell die Wahrnehmung des arabischen Frühlings in den israelischen Medien. Unpolitisch war sie nie, auch nicht im Ausland. So gründete sie während eines längeren Forschungsaufenthaltes in Leipzig quasi nebenher mit einer Handvoll palästinensischer und israelischer Freunde die Gruppe „Beinenu- Baynuna“. Die beiden Worte stammen aus dem Hebräischen bzw. Arabischen und bedeuten so viel wie „zwischen uns“. Den jungen Studenten aus dem Mittleren Osten ging es vor allem darum, der hiesigen Öffentlichkeit einen komplexeren Blickwinkel auf den israelisch-palästinensischen Konflikt zu vermitteln, abseits üblicher medialer Klischees und vorgefertigter Meinungen.

Bei ihren weltweiten Gastdozenturen stößt Rakefet Zalashik häufig auf sehr unterschiedliche akademische Welten und Haltungen – was nicht zuletzt am Fokus der Studierenden ablesbar sei. In Heidelberg, wo sie den „Ben Gurion Lehrstuhl für Israel- und Nahoststudien“ betreute, erlebte sie beispielsweise, dass die gesellschaftlichen Sensibilitäten und die Interessen der Studenten vollkommen unterschiedlich waren. Während es für amerikanische Studenten vor allem wichtig sei, die Problematik der Mischehen zwischen Juden und Nicht-Juden zu diskutieren, interessierten sich junge Deutsche vor allem für Themen wie die Integration der Holocaust-Überlebenden oder den Eichmann-Prozess. Bedauerlich findet es Zalashik, bei ihren Lehrtätigkeiten – wie etwa im vergangenen Semester an der Uni Potsdam – regelmäßig auf politische Klischees oder verfestigte Meinungen zu treffen. Ein großes Problem sei, dass „pro-palästinensische“, „anti-israelische“ oder „anti-deutsche“ Haltungen meistens auf relativ wenig Wissen basierten.

Rakefet Zalashik ist gern in Archiven und Hörsälen unterwegs. Sie will aber auch andere Orte für Kommunikation und gegenseitige Verständigungsprozesse nutzen. Mit Blick auf 2015 ist ihr bereits ein kleiner Coup gelungen: Sie hat das Jüdische Museum Berlin überzeugt eine Ausstellung über ihr heimliches Lieblingsthema zu unterstützen: die Beziehung zwischen Juden und Hunden. Den kürzlich veröffentlichten Sammelband („A Jew’s Best Friend?“, 2013) zu diesem Thema widmete die Wissenschaftlerin ihrer verstorbenen Bernhardinerhündin Senta – benannt nach der großen Schauspielerin, Philanthropin und Tierschützerin Senta Berger.

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