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  • 06.06.2014
  • von Richard Rabensaat

Alle wollten ihn als Rektor behalten Gespräch zur „Ära Bisky“ an der Filmhochschule

von Richard Rabensaat

Foto: Bundesarchiv

Die Filmhochschule sei der glücklichste Ort der Welt gewesen. „Ein Lebenstraum habe sich erfüllt, als er 1984 begann, an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Babelsberg zu studieren, sagt der Regisseur Andreas Kleinert. Auf einer Podiumsdiskussion des Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF), erinnerten sich Andreas Kleinert und Thomas Frick an ihre bewegte Studienzeit an der HFF, die stark auch durch den damaligen Direktor Lothar Bisky geprägt wurde.

„Bisky hat die Kellerfilme wieder hervor geholt“, so die Historikerin Jutta Braun. Als Bisky im Jahr 1986 Professor und Rektor an der HFF wurde, habe sich das Klima dort gründlich gewandelt. Filme von Studenten, die zuvor als politisch brisant in das Kellerarchiv gewandert waren, wurden wieder ans Licht geholt und diskutiert. Bisky habe sich dafür eingesetzt, dass an der HFF keine Zensur stattfand. Erstmals konnte modernes Videomaterial verwendet werden. Zuvor sei es schwierig gewesen, an entsprechendes Filmmaterial zu gelangen. Zu groß war die Angst des Überwachungsapparates der DDR, es könnten Filme entstehen, die dann nicht mehr zu kontrollieren sind. Dennoch stellt Kleinert fest: „Wir waren keine Widerständler“. Das Verbot eines Films sei ja auch eine Form von Wertschätzung gewesen. Die Restriktion habe gezeigt, dass die gelegentlich künstlerisch eher zweifelhaften Filme doch beachtet worden seien.

„Heute werden solche Filme erst gar nicht gemacht“, meint Kleinert. Wobei die Filme nicht durch die Bank politisch waren. Bei manchen Streifen habe sich erst bei der Sichtung ihr politisches Potenzial gezeigt. Thomas Frick berichtete, wie er einen Oberst beim Drill von Soldaten gefilmt hatte. Der gebieterische Befehlston und die Brutalität eines Befehls zur Wiederholung einer stupiden Handlung sei erst im Nachhinein deutlich geworden.

Die Hochschule war damals auf verschiedene Orte in Babelsberg verteilt. Der Unterricht fand in idyllischen Villen statt, aus denen die Studenten dann einen Blick auf die stacheldrahtbewehrte Mauer gehabt hätten, erinnert sich Braun. Dennoch stellt Kleinert fest: „Es war eine tolle Lebenszeit. Man hat sich ausgelebt ohne Ende“. Bisky habe erstmals Studenten Reisen zu Festivals im nichtsozialistischen Ausland ermöglicht, wenn dort ihre Filme liefen. Dennoch habe der spätere PDS- und Linken-Politiker Bisky nicht in Opposition zum sozialistischen Regime gestanden. Er sei in der Partei- und Kaderhierarchie verankert gewesen, so Braun. Doch erst diese Grundlage habe den Spielraum eröffnet, den die Studenten dann nutzen konnten. „Er hat Studenten gefördert, die das System von Innen heraus aufrollen wollten“, folgert auch Thomas Frick.

Trotzdem geriet der Hochschulrektor in immer stärkeren Widerspruch zur offiziellen Parteilinie, insbesondere als das morbide sozialistische Herrschaftssystem auf seinen Untergang zusteuerte. Bereits zuvor hatte Bisky eine Aufforderung der SED zur politischen Nachschulung abgelehnt. Die Nagelprobe kam für den Hochschulleiter, als im September 1989 immer mehr Studenten Filme über den Zusammenbruch der DDR drehten und Bisky sich Ermahnungen und Restriktionen von Seiten der Parteileitung ausgesetzt sah. Ohne den Rückhalt der Studenten habe der Rektor die Filmhochschule nicht durch die bewegten Zeiten führen wollen, erinnern sich die heutigen Professoren Kleinert und Frick. Deshalb habe er die Studenten aufgefordert, darüber abzustimmen, ob er noch deren Vertrauen genieße. Vor dem Votum verließ Bisky den Raum. „Er wusste überhaupt nicht, was dabei heraus kommen würde und hatte schweißnasse Hände“, sagte eine Frau im Publikum. Es gab keine Gegenstimme. Alle hätten mit ihm als Rektor unbedingt weiter machen wollen, hatte der Regisseur Andreas Dresen in einer Laudatio auf den im vergangenen Jahr verstorbenen Bisky gesagt. Richard Rabensaat

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