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  • 28.05.2014
  • von Maik Heunsch

Immer die Treppe heraufgefallen

von Maik Heunsch

Die Sonne im Blick. Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe kennt die Potsdamer Wetterdaten aus über 100 Jahren. Gesammelt wurden sie in der Säkularstation auf dem Telgrafenberg, zum Beispiel mit dem 120 Jahre alten Sonnenscheinautograf nach Campbell-Stokes (l.), der wie ein Brennglas die Sonnenscheindauer auf ein Papierband brennt. Foto: Manfred Thomas

Der Klimaforscher Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe wurde am Dienstag in den Ruhestand verabschiedet. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat er mitbegründet

In Europa herrscht der Kalte Krieg, die DDR ist noch jung, da besucht ein großer stattlicher Mann die Familie Gerstengarbe im beschaulichen Thüringen. Er ist ein Freund der Familie, ein gern gesehener Gast. Der Mann leitete den Wetterdienst des Landes, redet von fernen Ländern und Städten, vom Weltraum und Satelliten. „Da habe ich große Augen bekommen“, sagt Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe heute. „Der ist schuld daran, dass ich Meteorologe geworden bin.“

Rund 50 Jahre später ist Gerstengarbe Professor für Klimatologie an der Humboldt-Universität (HU) in Berlin. Er ist Abteilungsleiter, Mitbegründer sowie Vorstandsvertreter am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) auf dem Telegrafenberg. Ende Mai geht er in den Ruhestand, am Dienstag wurde er am Potsdamer Institut mit einem Festkolloquium zur Klimaforschung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft verabschiedet.

„In meinem Leben habe ich viel Glück gehabt“, sagt Gerstengarbe zurückblickend. „Ich bin immer wieder die Treppe heraufgefallen.“ Gerstengarbe ist ein älterer Mann mit silbergrauem Bart und Brille. Er trägt Jeans, Pulli und Sandalen. Der Meteorologe ist seit über 40 Jahren verheiratet, hat einen Sohn. Seinen Wohnort Potsdam findet er prima, wie er selbst sagt. Gerstengarbe strahlt Ruhe aus, doch wenn er redet, sprudelt die Vergangenheit aus ihm heraus.

Seine Familie stammt aus Schlesien. Im Zweiten Weltkrieg strandeten die Eltern im thüringischen Mühlhausen, wo Friedrich-Wilhelm 1948, als einer von drei Söhnen, zur Welt kommt. Der Vater, Hautarzt, und die Mutter, medizinische Assistentin, arbeiten in einer Privatklinik. Er wird christlich erzogen. Nach seinen Worten hatte er eine tolle Kindheit.

Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe macht Abitur, lernt Betriebsschlosser und muss zur Armee. Für ihn die schrecklichste Zeit seines Lebens. „Ich hab allein vier Tote miterlebt.“ Die meisten starben durch Unfälle. Mit Anfang 20 kommt er nach Berlin und studiert Meteorologie an der Humboldt-Universität. Kurz vor Ende des Studiums klopft das Militär erneut an, fragt, ob er nicht Berufssoldat werden möchte. „Ich habe einfach Nein gesagt.“ Seine Kommilitonen bekommen anschließend alle einen Job. Gerstengarbe und sein Freund Christoph Polster, heute Pfarrer in Cottbus, der ebenfalls Nein gesagt hatte, bekamen keine Stelle.

Doch Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe ist ehrgeizig, er verliert ungern. Der junge Mann geht zum Minister, beschwert sich. Der sagt ihm, dass er durch die Prüfung fallen wird. Gerstengarbe zieht sich aufs Land zurück, lernt so viel wie noch nie. Dann das Gespräch mit einem Freund: Kannst du auch thermodynamische Potenziale? Kann er nicht. Kurz darauf die mündliche Prüfung: Was sind thermodynamische Potenziale? Gerstengarbe weiß es nicht, fällt durch, bekommt aber eine zweite Chance. Nun sagt er allen, dass diese Frage garantiert nicht noch einmal kommt. Wochen später stellt der Prüfer exakt die gleiche Frage. Diesmal weiß er die Antwort.

Die Stasi hatte Gerstengarbe im Visier. „Auf mich waren neun IM angesetzt“, erinnert er sich. Seine Unterlagen hat er eingesehen, er weiß, wer über ihn Auskunft gegeben hat. Das sagt er alles ohne Verbitterung. „Die meisten wollten mir nichts Böses, schrieben Dinge wie: Er ist ein guter Wissenschaftler.“ Andere wollten ihn aber mit Falschaussagen zu Fall bringen. Doch passiert ist nichts. Er hatte Glück.

Wenn Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe über Glück redet, sagt er Dinge wie: „Ich habe in Veröffentlichungen noch nie danebengelegen“ oder: „Ich liebe Regen in der Nacht.“ Sein Arbeitszimmer wirkt bescheiden: Bücherregale, Arbeitstische und der überraschend kleine Computer. Seit 30 Jahren teilt er sich das Büro mit einem Kollegen. Gerstengarbe ist gern unter Menschen.

1990 trifft er auf einer Klimakonferenz eine Mitarbeiterin eines Ministeriums. Er fragt sie, was er machen muss, um ein neues Institut zu gründen. Schreiben sie es auf, war ihre Antwort. „Die wollte mich loswerden“, sagt Gerstengarbe heute lachend. Später fährt er mit einem Kollegen zu dem Meteorologen Hans von Storch nach Hamburg, der heute zu den Klima-Realisten zählt, die einen sachlichen Umgang mit dem Klimawandel anmahnen. „Der hat uns in ein Arbeitszimmer eingesperrt und gesagt: Schreibt ein Memorandum für ein neues Institut.“ Das Papier landet später beim Wissenschaftsrat der Bundesregierung. Irgendwann ruft von Storch zurück und fragt, ob sie nicht ein Institut für Klimafolgenforschung etablieren wollen. Gerstengarbe schlägt Potsdam vor, worauf von Storch lacht, er meint, Gerstengarbe wolle nur nicht aus Potsdam wegziehen. Doch der bleibt beharrlich. Denn Anfang der 1990er-Jahre arbeiteten viele fähige Meteorologen beim Deutschen Wetterdienst in Potsdam, die gut in das neue Institut passen würden.

Während Gerstengarbe über die ersten Jahre vom PIK redet, muss er immer wieder lachen. „Wir hatten nichts. Wir haben im Keller gesessen und ich musste mir einen Schreibtisch borgen.“ Anfangs war ein kleines feines Institut geplant. 22 Jahre später zählt das Forschungsinstitut etwa 340 Mitarbeiter und gehört weltweit zu den renommiertesten Forschungseinrichtungen die sich mit dem Klimawandel beschäftigen.

Seit 1893 wird auf dem Potsdamer Telegrafenberg ununterbrochen Wetter aufgezeichnet. Noch heute betreibt der Deutsche Wetterdienst hier eine Station. Gerstengarbe zeigt auf die Zickzack-Kurve, erklärt, dass die Temperatur seit den Aufzeichnungen um rund anderthalb Grad angestiegen ist. Klimaskeptiker wie Fritz Vahrenholt oder Michael Limburg bezweifeln das. Macht ihn das nicht wütend? Gerstengarbe schaut ernst: „Was mich ärgert, ist deren Präsenz in den Medien.“ Dann schmunzelt er wieder. Einmal habe er einen Klima-Skeptiker gefragt, warum er das alles macht. Weil es seinen Zwecken diene, sei die Antwort gewesen.

Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe ist mittlerweile 65 Jahre alt. Er hat angeblich den ältesten Arbeitsvertrag am Institut. Geht er nun wehmütig in den Ruhestand? „Nein“, sagt er. Er habe noch so viel vor, möchte Bücher schreiben und in Ruhe reisen. Nächstes Frühjahr will er sich einen Kindheitstraum erfüllen: die Panamericana – eine Reise über die berühmten Schnellstraßen von Alaska bis Feuerland. Während er davon erzählt, merkt man dem Wissenschaftler die Begeisterung an. Seine Augen werden groß, beginnen zu leuchten. So muss er damals ausgesehen haben, der kleine Junge, der unbedingt Meteorologe werden wollte.

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