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  • 26.03.2014

„Es geht um die Stärken jedes einzelnen Kindes“

Neue Herausforderungen. Deutschland stellt auf inklusive Lehre um. Eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung gilt als Grundvoraussetzung für das Gelingen von gutem Unterricht. Foto: dpa

Roswitha Lohwaßer vom Zentrum für Lehrerbildung der Potsdamer Uni über Chancen der Inklusion und Hürden bei der Umsetzung

Frau Lohwaßer, in Zukunft sollen auch lernschwache Kinder auf normalen Schulen unterrichtet werden. Was müssen Ihre Studierenden für diesen Inklusionsansatz nun lernen?

Es geht nicht nur darum, in Zukunft lernschwache Kinder mit in der Klasse zu haben. Es geht vielmehr insgesamt um die Heterogenität der Schulklasse. Das reicht von lernschwachen Kindern bis zu Kindern mit einer besonderen Begabung. Im gesamten Spektrum soll die Individualität gefördert werden. Das haben wir nun in Potsdam stärker in den Mittelpunkt der Lehre gestellt.

Was ändert sich in Potsdam?

Ein wichtiger Schritt ist, dass wir seit dem Wintersemester 2013/14 schulstufenbezogen ausbilden, also für die Grundschule in dem Studiengang Primarstufe und für die Oberschulen und Gymnasien im Studiengang Sekundarstufe I und Sekundarstufe II. Die Besonderheit in Potsdam ist, dass alle Studierenden im Lehramtsstudium inklusionspädagogische Inhalte zu absolvieren haben und die Studierenden im Studiengang Primarstufe den Schwerpunkt Inklusion wählen können. Die zukünftigen Grundschullehrer werden Deutsch und Mathematik unterrichten und Kompetenzen im Umgang mit den Förderschwerpunkten „Sprache“, „Lernen“ und „Sozial-emotionale Entwicklung“ verfügen.

In Zukunft sollen die Grundschullehrer beides können: grundschulpädagogischen Fachunterricht in den Kernfächern und individuelle Förderung auch für Kinder mit besonderem Förderbedarf. Kann das überhaupt gut gehen?

Ich denke ja. Ziel und Aufgabe des Grundschullehrers ist, solche Bedingungen im Unterricht zu schaffen, dass jedes Kind seine Anlagen, Fähigkeiten und schöpferischen Kräfte weiterentwickeln kann. Dazu ist es notwendig, dass man die Stärken jedes Kindes – und jedes Kind hat Stärken – kennt und daran anknüpft. Die doppelte Qualifikation der zukünftigen Grundschullehrer befähigt, über den eigenen Unterricht hinaus besondere Aufgaben, zum Beispiel Beratungsaufgaben in der Schule, zu übernehmen.

Werden die Lehrer durch die doppelte Aufgabe nicht überfordert?

Wir haben heute ohnehin schon heterogene Klassen. Die Anforderungen an die Lehrer bestehen also bereits heute. Im Gegensatz zu einigen Pädagogen bin ich persönlich aus meiner Arbeit mit Gruppen der Meinung, dass die Gruppengröße durchaus wichtig dafür ist, wie ich einen Menschen individuell fördern kann. Kleinere Klassen stressen den Lehrer weniger und er kann sich besser auf den einzelnen Schüler konzentrieren. Für eine gezielte Förderung oder Hilfe müssen der Entwicklungsstand, die Stärken, die Probleme des Einzelnen genau gekannt werden. Schon die Diagnostik und erst recht das Ableiten von Schlussfolgerungen für die pädagogische Arbeit, sei es die Erarbeitung von individuellen Entwicklungsplänen oder das Anbahnen von gezielter individueller Hilfe, etwa einer Lerntherapie, bedürfen bestimmter Kompetenzen des Lehrers und Zeit. Zeit, sich mit jedem Schüler beschäftigen zu können, die Eltern mit ins Boot zu holen, Unterstützungsangebote zu finden und mit den Beteiligten zu kommunizieren und zu kooperieren. Diese Kompetenzen finden nun verstärkt Berücksichtigung in den neuen Studienordnungen.

Wodurch wird Inklusion überhaupt möglich?

Eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung ist eine Grundvoraussetzung für das Gelingen von gutem Unterricht. Das gilt insbesondere für den Umgang mit heterogenen Gruppen. Unterschiedliche Menschen haben nun mal unterschiedliche Bedürfnisse, Interessen, Meinungen und Verhaltensweisen – die können auch gegensätzlich sein und das gilt auch für Schüler. Dann sind Konflikte vorprogrammiert, sie gehören einfach dazu, sind Normalität. Dann ist ein professioneller Umgang mit Konflikten erforderlich. Der Aufbau und die Pflege der persönlichen Beziehung und des Lernklimas in der Schulklasse haben entscheidenden Einfluss auf den Lernerfolg jedes einzelnen Kindes.

Haben Sie ein Beispiel für Kompetenzen, die inklusiver Unterricht verlangt?

Nehmen wir das Beispiel Mathematik – denn ich bin von Hause aus Mathe-Lehrerin. Wenn ein Kind damit Schwierigkeiten hat, eine Aufgabe in der Bruchrechnung zu lösen, dann gilt es nicht nur, das Problem zu erkennen. Oft geht es auch darum, Blockaden zu lösen durch eine persönliche Zuwendung: Ich bin an dir interessiert – ich will dir helfen. Persönlichkeit, Diagnostik- und Methodenkompetenz sind gefragt, damit das Kind nicht den Anschluss im Unterricht verliert. Es gibt aber auch immer wieder Begabungen und Hochbegabungen in Mathematik. Auch dort sind die genannten Kompetenzen des Lehrers gefragt. Oft müssen diese Kinder mit speziellen Aufgaben im Klassenverband gehalten werden. Sonst langweilen sie sich schnell und können dann auffällig im Verhalten werden. Auch das muss nun mehr im Blick der Lehrenden im Studium sein.

Heute ist es doch oft so, dass hochbegabte Kinder schon früher die Schule wechseln.

Das stimmt. Dem Inklusionsansatz folgend geht es hingegen darum, dass alle Kinder so lange wie möglich zusammen in der Klasse lernen. Gerade auch um einen Austausch zwischen den Kindern zu ermöglichen, dass stärkere Kinder den schwächeren helfen, erfolgreiche Schüler nicht als Streber bezeichnet und Außenseiter werden, dass der Lehrer insbesondere die sozialen Kompetenzen der Kinder im Blick behält – das gehört zur Inklusion.

Dass Eltern ihre Kinder bereits nach der vierten Grundschulklasse aufs Gymnasium bringen wollen, läuft diesem Ansatz doch vollkommen zuwider.

Das sind in Brandenburg nur Einzelfälle. In Brandenburg lernen die Schüler gemeinsam in einer sechsjährigen Grundschule. Dennoch, wenn heterogene Gruppen und Inklusion der politische Wille sind, dann müssen auch die politischen Rahmenbedingungen dazu geschaffen werden. Das Schulsystem und die Bedingungen für Unterrichtsgestaltung muss in solchen Fragen grundsätzlich noch einmal überdacht werden. Auf dem Potsdamer Bundestreffen der Zentren für Lehrerbildung am Donnerstag wird das eine Rolle spielen.

Welche Probleme sehen Sie für die Lehrerbildung?

Wir können in den Bildungswissenschaften bereits jetzt durch neue Professuren in der Inklusionspädagogik auch neue Schwerpunkte in der Lehrerbildung anbieten. Inklusion findet im Unterricht statt und betrifft damit insbesondere auch die fachdidaktische Ausbildung. Obwohl das fachdidaktische Studium in Potsdam sehr gut ist – so die Berichte ehemaliger Studierender im Vorbereitungsdienst –, sind die Konzepte der fachdidaktischen Ausbildung bis hin zum Praxissemester hinsichtlich Inklusion weiterzuentwickeln.

Welche Lösungsansätze bietet die Potsdamer Lehrerbildung?

Solche Ansätze sind meines Erachtens eng mit der Bildung einer Querstruktur verbunden. Hier muss die Zusammenarbeit der Fachdidaktiker, die in vier verschiedenen Fakultäten angesiedelt sind, mit den Bildungswissenschaftlern durch Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen unterstützt werden. Wenn jeder fünfte Student an der Universität ein Lehramtsstudent ist, dann nimmt die Universität die Lehrerbildung speziell in den Fokus ihrer Arbeit. Es wird zurzeit ein hochschulweiter Diskurs über ein professionsorientiertes Lehramtsstudium als Querschnittsaufgabe geführt. Ich sehe einen Hauptwiderspruch darin, dass einerseits das Berufsfeld von Lehramtsstudierenden einheitlich und klar umrissen ist und andererseits das Lehramtsstudium an unterschiedlichen Fakultäten und Fächern mit differenzierten Bedingungen und Ausrichtungen erfolgt.

Vor welcher Herausforderung stehen Sie?

Lehrer für die inklusive Schule auszubilden ist eine Herausforderung für alle Lehrerbildner in allen Fakultäten und bringt den Widerspruch besonders zur Geltung. Eine Konsequenz ist die Querstruktur „Zentrum für Lehrerbildung“ mit solchen Kompetenzen auszustatten, die es ermöglichen, für die Rahmenbedingungen und für Konzeptionen einer forschungsbasierten Lehre und für die Praxisphasen fakultätsübergreifend Verantwortung zu übernehmen.

Die Uni kann nur in begrenztem Maße Inklusionslehrer ausbilden. Reicht das für die Region?

Unsere ersten Absolventen der neuen Studiengänge werden erst 2019 in die Schulen gehen. Daher ist zurzeit die Fort- und Weiterbildung besonders wichtig. Obwohl in Brandenburg das Landesinstitut für Schule und Medien ein breites Fortbildungs- und Qualifizierungsangebot für die Lehrkräfte bereitstellt und auch Weiterbildung vom An-Institut „Weiterqualifizierung im Bildungsbereich“ der Universität Potsdam angeboten wird, ist die Universität in dieser Hinsicht gefordert. Derzeit wird über die Zusammenarbeit mit den Einrichtungen gesprochen und es werden Konzeptionen für ein eigenes Angebot entwickelt.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

Roswitha Lohwaßer (58 ) ist Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung an der Uni Potsdam, das das 7. Bundestreffen der Zentren für Lehrerbildung am 27. März in Potsdam ausrichtet.

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