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  • 05.03.2014
  • von Henri Zimmer

Jüdische Tradition an 46 Orten

von Henri Zimmer

Ausgelöscht. Die Synagoge in Cottbus brannte in der Pogromnacht ab. Foto: MMZ

„Synagogen in Brandenburg“ – ein Buch von Forschern des Moses Mendelssohn Zentrums zur akribischen Spurensuche

Bereits 1995 hatten die Potsdamer Historiker Irene A. Diekmann und Julius H. Schoeps mit dem „Wegweiser durch das jüdische Brandenburg“ einen ersten, profunden Überblick dazu vorgelegt, wo überall im Brandenburgischen sich Juden seit dem Mittelalter niedergelassen hatten und wie sich ihr weiteres Schicksal entwickelte. Später zog der RBB mit einer gleichnamigen Fernsehserie nach, bis wiederum Irene A. Diekmann mit dem stattlichen, knapp 700-seitigen Band „Jüdisches Brandenburg. Geschichte und Gegenwart“ (2008) die bisher umfassendste Darstellung zum Thema lieferte. Dies erlaubt nun der Historiker-Zunft, sich stärker auf Einzel- und Familienbiografien sowie auf jüdische Vereins- und Unternehmensgeschichte zu konzentrieren.

Über Jahre hinweg ging ein Forschungsteam des Moses Mendelssohn Zentrums Potsdam (MMZ) und des Hauses für Brandenburgisch-Preußische Geschichte (HBPG), zusammen mit engagierten Studenten der Universität Potsdam, auf Erkundungstour nach sämtlichen früheren Synagogen in Brandenburg. Der Begriff der Synagoge wurde dabei sehr weit gefasst und beinhaltete beispielsweise auch einfache Andachtsräume und Betstuben. Das Ergebnis der Studien liegt nun in einem Band des Verlages Hentrich & Hentrich vor. Auf 250 Seiten kommt hier vergessene Geschichte höchst lebendig zurück, was viel auch mit der prägnanten Gestaltung der Publikation zu tun hat.

Für jeden der fast 50 ermittelten Standorte wurde der historischen Synagogen-Aufnahme ein aktuelles Foto beigestellt. So ist etwa jenes Gebäude in Luckenwalde, in dem 1897 – dank der Förderung durch den Hutfabrikanten Moritz Herrmann – ein jüdisches Gotteshaus im neugotischen Stil Einzug halten konnte, äußerlich nahezu unverändert erhalten. Heute befindet sich darin die Kirche der Neuapostolischen Gemeinde. Immerhin aber erinnern noch eine Gedenktafel und eine Informationsstele an die jüdische Vergangenheit. Hingegen ist die Geschichte der einstigen neoromanischen Synagoge in Cottbus – eines imposanten, 1902 entstandenen Ziegelbaus mit rund 200 Plätzen – visuell vollkommen ausgelöscht. Die Synagoge brannte in der Pogromnacht ab, heute steht an ihrer Stelle nur noch ein Kaufhaus.

Nicht wenige der Brandenburgischen Synagogen und Bethäuser wurden von den lokal ansässigen Juden allerdings schon vor Beginn der NS-Diktatur 1933 aufgegeben, da es immer mehr von ihnen in große städtische Zentren zog. Dort, wo um die Wende zum 20. Jahrhundert dennoch repräsentative jüdische Sakralbauten entstanden, schien sich ihre Architektur interessanterweise immer mehr den zeitgenössischen Kirchen anzunähern, gut sichtbar neben Cottbus beispielsweise auch in Potsdam und in Eberswalde.

„Für uns und die Studierenden war die Spurensuche ein höchst spannendes Unterfangen, bei dem wir immer wieder auf neue Dokumente, Erinnerungen, Fotos und auch sakrale Gegenstände stießen“, erläuterte Projektleiterin Elke-Vera Kotowski (MMZ) zur Buchvorstellung. Besonders bei peripheren Standorten, wo bisher nur wenig über jüdisches Gemeindeleben bekannt war, hätten die Recherchen bisweilen nur mit alten Stadt- und Ortsplänen sowie einigen Archiv-Hinweisen begonnen. Doch davon ließ sich das Team offensichtlich nicht abschrecken. „Wir sind wieder und wieder in die Archive gegangen, haben Anzeigen in Tageszeitungen geschaltet, alte Postkarten ersteigert und waren natürlich immer wieder vor Ort“, berichtete Student Matthias A. Koch. „Es gab zudem großartige Unterstützung von den lokalen Historikern, und am Ende kam viel mehr zusammen, als wir uns eigentlich erhoffen konnten.“

Die 46 sorgfältigen Ortsstudien sind im Band sinnvoll ergänzt und abgerundet durch Essays u.a. zur Synagoge als eigentlichem Sitz des jüdischen Gemeindelebens, zu den Säulen der jüdischen Tradition, zur Archivlage in Brandenburg, dem Umgang mit jüdischem Erbe in der DDR und zu Visionen von einer neuen Synagoge in der Landeshauptstadt Potsdam. Entstanden ist damit nicht nur ein profunder Begleitband zur laufenden Wanderausstellung „Synagogen in Brandenburg“, sondern auch ein praktisch zu handhabender „Reiseführer“ an die einstigen sakralen jüdischen Orte. Henri Zimmer

Maria Berger u. a. (Hrsg.), Synagogen in Brandenburg. Spurensuche. Hentrich & Hentrich Verlag Berlin 2013, 255 S., 19,90 €

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