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  • 21.02.2014
  • von Clara Neubert

Mit Einstecktuch

von Clara Neubert

Markenzeichen. Elegante Noblesse zeichnet einen Dandy aus. Foto: dpa

Potsdamer Historiker veröffentlichen Buch über das Phänomen des Dandys

Das Berlin der Zwanzigerjahre war ein Ort der auflebenden Kultur und Vergnügungen. Somit besonders interessant für einen ganz bestimmten Typ Mensch. „Die Stadt war in dieser Zeit ein Eldorado für Dandys aller Art“, sagt Julius H. Schoeps, Direktor des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums (MMZ). Gemeinsam mit der MMZ-Mitarbeiterin Anna-Dorothea Ludewig ist er Mitherausgeber des wissenschaftlichen Sammelbandes „Der Dandy im 19. und frühen 20. Jahrhundert – Ein kulturhistorisches Phänomen“, der sich mit dem gesellschaftlichen Typus des Dandys beschäftigt.

Die erwähnte Berliner Szene der Zwanzigerjahre betrachtete der MMZ-Direktor Schoeps in einem Kurzvortrag unlängst bei der Buchvorstellung im Schwulen Museum Berlin in besonderem Maße. Der Dandyismus wird meist als hauptsächlich englisches oder französisches Phänomen gesehen. Doch es gibt Ausnahmen, wie etwa den preußischen Fürsten Hermann von Pückler-Muskau. Schoeps hob auch Francesco von Mendelssohn hervor, mit dem er selbst durch entfernte Verwandtschaft verbunden ist. Mendelssohn habe die Kriterien, die einen Dandy beschrieben, von Geburt an erfüllt, so Schoeps. Er war unheimlich reich, begabt und verkehrte in besten Kreisen. In Berlin galt er als schillernder Paradiesvogel. So sei er mal im roten Lederanzug, mal im gelben Seidenschlafrock über den Berliner Kurfürstendamm flaniert und habe ein weißes Lancia-Cabriolet mit hermelinbezogenen Sitzen gefahren.

Ein Dandy, das sei seinem Wortursprung nach eigentlich schlicht ein Stockträger, so Schoeps. Die Bezeichnung ließe sich auf das indische Wort „dandi“ zurückführen und habe einen hohen englischen Beamten in Indien beschrieben. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts etablierte sich der Begriff allerdings in Bezug auf Männer, die mit bürgerlichen Zwängen wie der Arbeit als Beamte nur wenig zu tun hatten. Sie galten als Modenarren und hatten von Haus aus genügend Geld zur Verfügung, um ihren Tagesablauf gänzlich ihrer formvollendeten Lebensführung zu widmen. Charles Baudelaire schrieb dazu in seine Tagebücher: „Der Dandy muss sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterlass erhaben zu sein, er muss leben und schlafen vor einem Spiegel.“

Mit einem ganz besonderen Kleidungsstück beschäftigte sich Julia Bertschik später am Abend. Sie stellte einen Teil ihres Buchbeitrags „Des Dandys bestes Stück: Die Krawatte als modisches Paradox“ vor. Dieser untersucht die Rolle der Krawatte im Dandytum. Honoré de Balzac stufte diese sehr hoch ein, indem er schrieb: „Die Krawatte, das ist der Mann.“ Einen Vorläufer der Krawatte sieht Bertschik in den gestärkten Halsbinden des berühmten Dandys George Bryan Brummell, genannt „Beau Brummell“, der als Verfechter des „ Understatement“ bekannt wurde .

Den heutigen Dandy vermutet Julia Bertschik im Internet. Soziale Netzwerke und Blogs sieht sie mitunter als „Tauschbörsen rivalisierender Persönlichkeiten“ an und bezeichnet einige User als „virtuelle Flaneure“. Vielleicht sind die modernen Dandys also im Internet und nicht mehr auf den Boulevards der Großstädte zu finden. Jemand wie Francesco von Mendelssohn würde dann nicht mehr über den Kurfürstendamm flanieren, sondern sich auf Facebook & Co präsentieren. Clara Neubert

„Der Dandy im 19. und frühen 20. Jahrhundert – Ein kulturhistorisches Phänomen“, Anna-Dorothea Ludewig, Joachim Knoll, Julius H. Schoeps, De Gruyter Verlag. ISBN: 978-3-11-030591-3; 99,95 Euro

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