30.03.2017, 15°C
  • 12.02.2014
  • von Richard Rabensaat

Völkermorde ähneln sich Lepsiushaus untersucht Auslöser von Genoziden

von Richard Rabensaat

Anklage. Für Massaker in Ruanda stehen heute die Täter vor Gericht. Foto: dpa

Massaker an Bevölkerungsgruppen und deren Ursachen waren das Thema der Seminarreihe „Genozid, Identität und Anerkennung“, die das Lepsiushaus zusammen mit der Universität Potsdam veranstaltet hat. „Bei den Morden in Armenien, Ruanda, der Shoah und Völkermorden im Rahmen der Kolonialisierung von Staaten sind die Mechanismen vergleichbar“, stellt Roy Knocke, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lepsiushaus fest. Die ausgeübte Gewalt soll nicht relativiert werden, aber es sei offensichtlich, dass häufig die gleichen sozialdarwinistischen Rhetoriken angewandt würden.

Im Rahmen des Seminars hat das Lepsiushaus Potsdam den Film „The Act of Killing“ von Joshua Oppenheimer gezeigt. Darin stellen die Täter eines Völkermordes in Indonesien ihre Jahrzehnte zurückliegenden Taten für einen fiktiven Film nach. „Mit Draht geht es besser“, sagt Anwar Congo aus langjähriger Erfahrung. Einen Menschen mit einem Baseballschläger totzuschlagen sei eine recht blutige Angelegenheit. Mit einer Drahtschlinge könne das Opfer hingehen schnell erstickt werden. Anwar Congo ist heute in Indonesien ein Held. Gefragt, wie viele Menschen er umgebracht habe, antwortet er wenigstens 1000, wohl eher mehr.

Wie viele Menschen zwischen Oktober 1965 und März 1966 bei Massakern in Indonesien gestorben sind, weiß bis heute niemand. Schätzungen schwanken zwischen 500 000 und drei Millionen Menschen. Auslöser war die Verfolgung von angeblichen „Kommunisten“, die der Präsident Sukarno mit US-amerikanischer Unterstützung begann.

Es gehe um die Semantik der Gewalt, so Knocke. Meist entzünde sich der Streit zwischen Völkern an Fragen um Raum im geografischen Sinne und um Identität. Die Nazis fabulierten vom Lebensraum im Osten. Die Hutu in Ruanda sahen sich auch aufgrund ihrer Mythologie und Geschichte als eigentliche Eigentümer des Landes, in dem dann der Völkermord zwischen Hutu und Tutsi stattfand. Stets werde der Andere als „Bazillus“ oder dergleichen beschimpft und damit „entmenschlicht“, bemerkt Knocke. Überrascht hat den Wissenschaftler das Berliner Interesse an dem Potsdamer Seminar. „Wir hatten einige Studenten, die jeweils von anderen Hochschulen extra zu der Veranstaltung angereist gekommen sind.“ Das Seminar stellt einen vergleichenden Zusammenhang zwischen den Massakern her. Das sei neu und mache das Seminar für viele Studenten interessant.

Die Vergleichbarkeit und die Ähnlichkeiten der verschiedenen Völkermorde waren auch für den Regisseur Joshua Oppenheimer Anlass für seinen Film. Die Familie seines Vaters kam aus Berlin und floh während der Nazizeit in die USA. Die meisten der Familienmitglieder, denen die Flucht nicht gelang, seien im Holocaust getötet worden, berichtet der amerikanische Regisseur in einem Magazininterview. „Was in Indonesien passiert ist, ist eine Metapher für Straflosigkeit überall auf der Welt“, so Oppenheimer. Alle Gesellschaften seien auf Massengewalt aufgebaut. In der Regel würden die Täter nicht zur Verantwortung gezogen, behauptet der Filmemacher in dem Interview. Er verweist auf die Native Americans in Amerika, die Kolonialisierung Afrikas und Indiens durch England und Holland, auf die Großreiche Russland und China und die von diesen zwangsweise vereinnahmten Völker. Gerichtshöfe wie diejenigen, die nun versuchten, über die Täter in Ruanda und Kambodscha zu urteilen, seien eigentlich die Ausnahme von der Regel.

Der Mord an den Armeniern in der Türkei in den Jahren des ersten Weltkrieges ist auch weiterhin ein zentrales Thema des Lepsiushauses. Ab dem kommenden Herbst startet ein wissenschaftliches Forschungsvorhaben zu „Deutschen im Osmanischen Reich zur Zeit des Völkermordes“. Zusammen mit der Deutsch Armenischen Gesellschaft plant das Lepsiushaus im kommenden Sommer eine Festveranstaltung im Landtag von Hannover. Auch im Potsdamer Wissenschaftsbetrieb ist das Haus weiter präsent. „Die Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam, die jetzt recht gut begonnen hat, wollen wir in den kommenden Jahren jedenfalls verstärken“, so der Leiter des Lepsiushauses Rolf Hosfeld. Richard Rabensaat

Social Media

Umfrage

Sollten die Mund-Pissoirs in einem neuen Potsdamer Club abgerissen werden? Stimmen Sie ab!