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  • 22.11.2013

„Lust, mal wieder etwas Freies zu machen“

Foto: privat

Die FH-Absolventin Ellen Stein erhielt für das Musikvideo „Wait For My Raccoon“ den Brandenburger Designpreis

Frau Stein, Gratulation! Was sagen Sie zu der Auszeichnung mit dem Brandenburger Designpreis?

Ich freue mich riesig darüber. Denn in dem Projekt steckt viel Herzblut drin.

Hat Sie der Preis überrascht?

Dass das Video überhaupt nominiert wurde, hätte ich nicht erwartet. Wir waren ja auch für einen Trailer nominiert, der für die Internationale Bauausstellung Thüringen (IBA) entstanden ist. Das hat einen stärkeren Auftragscharakter. Das Musikvideo ist viel mehr eine künstlerische Arbeit.

Haben Sie schon einmal einen Waschbären getroffen?

Nein, ich selbst nicht. Aber einem Freund von mir ist nachts in Berlin einer über den Weg gelaufen. Es sollen ja viele Waschbären unter uns leben, ohne dass wir es merken. Bei meinen Großeltern in der Scheune macht seit einiger Zeit auch ein Exemplar Rabatz.

Ein Waschbär steht im Mittelpunkt des animierten Musikvideos „Wait For My Raccoon“ der Band Hundreds, für das Sie nun ausgezeichnet wurden.

Das schon, aber er taucht nicht wirklich auf.

Aber die junge Frau in dem Video trägt eine Waschbärenmütze.

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich den Waschbären darstelle. Da es aber darum geht, dass die junge Frau vergeblich auf den Bären wartet, habe ich mich dann für die Variante mit der Mütze entschieden.

Ganz schön brutal, so ein toter Waschbär als Kopfbedeckung, finden Sie nicht?

Nein. Eigentlich geht es um eine unglückliche Liebesgeschichte. Die junge Frau geht in den Wald, wartet dort auf den Waschbären, wird in seiner Abwesenheit sogar seine Frau, aber der Bär taucht einfach nicht auf. Am Ende geht es um einen Mann, der nicht anwesend ist.

Das Video erinnert an ein modernes Märchen.

Dankeschön! Genau das war die Idee. Wir haben die Zwerge, die im Wald arbeiten, während die Frau auf den Bären wartet. Und es gibt Waldgeister, eine verwunschene Welt, vielleicht auch einen fantasierten Zufluchtsort aus der Kindheit. Am Ende geht es in die Stadt. Das ist eine neue, andere Welt, ein urbaner Raum, der aber durchaus auch seine Höhlen und Zufluchtsorte hat.

Wie lange haben Sie an dem fünf Minuten langen Film gearbeitet?

Es war ein Low-budget-Projekt, ein Prozess, der immer wieder aufgenommen wurde. Also über ein Jahr war ich bestimmt damit beschäftigt. Es kamen zwischendurch immer wieder regulär bezahlte Projekte herein, die gingen dann vor.

Wie sind Sie zu dem Projekt gekommen?

Ich hatte Lust, mal wieder ein freieres Projekt zu machen. Nach ein paar Jahren Arbeit hat mir die Studienzeit ein wenig gefehlt, in der man viel ausprobieren und experimentieren konnte. Da ich Leute von dem Musiklabel kenne, hat sich das mit dem Video dann ergeben.

Sie haben an der Potsdamer Fachhochschule studiert. Ein Wegbereiter für Ihre Arbeit?

Ja. Ich habe dort Kommunikationsdesign studiert. Im Verlauf des Studiums habe ich mich dann in Richtung Motion-Design orientiert. Im Unterschied zum Studium sind Aufträge oft zeitlich stark begrenzt. Da besteht die Gefahr, irgendwann nur noch Wege zu gehen, von denen man weiß, dass sie funktionieren. Dinge zu verwenden, die schon erprobt sind. Das war bei dem Musikvideo anders. Ich habe Dinge gemacht und Wege gefunden, auf die ich nun bei anderen Arbeiten zurückgreifen kann.

Sie wurden mit Ihrem Kompagnon Jan Gabbert in der Kategorie Kommunikationsdesign ausgezeichnet. Ich würde das Video aber gar nicht als Design bezeichnen.

Was ist Design? Für mich ist Design die Synthese aus Gestaltung und Handwerk. In unserer Arbeit geht es immer um die Gestaltung von Kommunikation. Im Fall des Videos sind der Kontext und die Geschichte von Musikvideos zu beachten. Musikvideos sind oft nicht sauber einer Disziplin zuzuordnen. Ist das Kurzfilm? Videokunst? Ist das Motion-Design? Ich konnte den Film auch nur mit dem Hintergrund, den ich habe, machen. Insofern ist das ganz klar eine Designarbeit.

Wird das bewegte Bild wichtiger?

Auf jeden Fall. Durch die rasante Entwicklung der Hardware, vor allem auch der mobilen Technik sowie durch die zunehmende Vernetzung, verschiebt sich gerade sehr nachhaltig die Relevanz der verschiedenen Kulturtechniken. Das Konsumverhalten ändert sich, es wird weniger Text gelesen. Inhalte, die sich bewegen, Infografik und Filme, diesem Metier gehört die Zukunft. Das gilt auch für Museen, dafür machen wir viele Sachen, auch Infografik und Animationen. Über das bewegte Bild können den Besuchern komplexe Sachverhalte vermittelt werden, ohne dass dafür ein langer Text gelesen werden muss.

Wie macht sich dieser Umbruch in Ihrer Arbeit bemerkbar?

Dass die Bedeutung von Bewegtbild zunimmt, merken wir auch an unserer guten Auftragslage. Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem wir wachsen – und das auch zulassen.

Ihre Agentur „buchstabenschubser“ sitzt in Potsdam. Ist die Stadt das Zentrum des Brandenburger Designs?

Durch die Fachhochschule gibt es hier schon eine gewisse Ballung an Designern. Hinzu kommt die Berlin-Nähe. Das gibt Potsdam noch einen weiteren Schub. Aber natürlich passiert im Rest des Landes auch viel Gutes.

Setzt sich Potsdam ein wenig ab von der Kreativ-Metropole Berlin?

Wir haben hier eine kleinere, geschlossenere Szene als in Berlin. Die Leute kennen sich recht gut, da bekommt man schneller mit, wer was macht. Potsdam ist definitiv nicht so anonym wie Berlin.

Habt Ihr schon mal daran gedacht wegzuziehen?

Ich bin eigentlich ein Brandenburger Kind, ich stamme aus Cottbus. Natürlich gab es immer mal wieder die Überlegung, wegzugehen, auch nach Berlin. Aber jetzt sind die Kinder da, dadurch hat man eine festere Bindung an einen Ort. Momentan ist Potsdam der richtige Platz für uns.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

Ellen Stein (34) von der Agentur „buchstabenschubser“ hat an der Fachhochschule Potsdam Kommunikationsdesign studiert. Sie wurde nun zusammen mit Jan Gabbert prämiert.

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