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  • 24.05.2013

„Gewalt im Fernsehen macht aggressiv“

Mediale Angst. Auch TV-Krimis, wie hier der „Tatort“ vom vergangenen Sonntag, können nach Ansicht der Forscher beim Zuschauer zu einer Übertragung ins reale Leben führen. Man denkt dann, dass es im realen Leben gewalttätiger zugeht, als es tatsächlich der Fall ist. Das wiederum könne Aggressionen auslösen. Foto: rbb/ORF/Toni Muhr

Die Sozialpsychologin Barbara Krahé über die Folgen von Gewalt in Medien, riskante Krimis und Präventionsarbeit „Es geht vor allem um Aggressionen auf niedriger Ebene“

Frau Krahé, macht Gewalt in den Medien aggressiv?

Wir haben in einer Längsschnittstudie mit Schülern der 7. und 8. Klasse ermittelt, dass ein intensiverer Gewaltmedienkonsum – etwa durch Computerspiele oder Filme – mit häufigerem aggressiven Verhalten einhergeht.

Welche Reaktionen auf die Gewaltdarstellungen sind festzustellen?

Kurzfristig zeigt sich beispielsweise, dass die Geschwindigkeit, mit der man auf aggressive Gedankeninhalte zugreifen kann, durch den Konsum von Gewaltmedien deutlich steigt. Mediengewalt aktiviert mit Aggression assoziierte neuronale Knotenpunkte. Wenn dann noch ein weiterer Auslöser hinzukommt, etwa eine Provokation, kann es zu aggressivem Verhalten kommen. Wichtig ist, dass aggressives Verhalten zumeist nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist. Der Konsum von Mediengewalt ruft also nicht alleine Aggression hervor, sondern in Zusammenwirkung mit anderen Risikofaktoren.

Und langfristig?

Vor allem geht es langfristig um Lernprozesse, die durch Medienkonsum ausgelöst werden. Man lernt zum Beispiel, dass Aggression belohnt wird, etwa wenn man in einem Computerspiel ein Level weiterkommt. Man lernt sogar ganze Verhaltensdrehbücher. Etwa, dass man zuschlägt, wenn jemand eine dumme Bemerkung macht. Und man kommt zu der Überzeugung, dass dieses Verhalten auch richtig ist. Es verändert sich zudem die Bewertung, man findet Gewalt nicht mehr so schlimm.

Man lernt also, Gewalt zu akzeptieren?

Zum einen. Zum anderen lernt man, dass Gewalt sich auszahlt. Dadurch, dass man in der virtuellen Realität damit weiterkommt oder dass ein attraktiver Held damit Erfolg hat. Die Psychologie nennt das stellvertretendes Verstärkungslernen. Letztlich steigt dadurch die Wahrscheinlichkeit von aggressivem Verhalten an.

Geht man also, nachdem man einen Gewaltfilm gesehen hat, vor die Tür und schlägt jemanden zusammen?

Nein, darum geht es nicht. Zumindest nicht in erster Linie. Es geht um körperliche Aggression auf einer niedereren Ebene. Zum Beispiel physische Auseinandersetzungen von Jugendlichen im Alltag, die durch Mediengewalt beeinflusst werden. Etwa das Schlagen und Treten auf dem Schulhof. Das Problem ist die alltäglichere Gewalt. Es lässt sich feststellen, dass nach einer intensiven Phase der Gewaltmediennutzung die Betroffenen zum Beispiel anderen Menschen leichter feindselige Absichten unterstellen. Auch lässt man sich kurzfristig leichter provozieren. Doch die eigentlich interessante Frage ist, wie das bei jemandem aussieht, der gewohnheitsmäßig Gewalt in den Medien konsumiert. Wir haben das über vier Jahre betrachtet und dabei Zusammenhänge mit aggressivem Verhalten über die Zeit gefunden.

Es gibt auch Hinweise, dass die Hilfsbereitschaft durch den Gewaltkonsum abnimmt. Wie kommt das?

Wir nehmen an, dass durch die Beschäftigung mit Gewalt in den Medien die Fähigkeit zum Mitleid mit den Opfern realer Gewalt abnimmt. Man stumpft ab und hat mit der Zeit weniger präsent, wie sehr Opfer leiden und Hilfe brauchen.

Kann Mediengewalt einen Amoklauf auslösen?

Solch schwere Gewalttaten haben immer mehrere Auslöser. Mediengewalt mag dabei eine Rolle spielen, weil sie zum Erwerb bestimmter Verhaltensdrehbücher führt. Jemand, der an der Schule völlig frustriert ist, entscheidet sich vielleicht, ein bestimmtes Skript abzuarbeiten, das er sich in der medialen Welt angeeignet und auch erprobt hat. Amokläufer haben ihre Schießkünste oft am Computer trainiert.

Ist Gewalt in den Medien heute überrepräsentiert?

In unserer Gesellschaft gibt es eine sehr viel größere Toleranz gegenüber expliziter Darstellung von Gewalt in den Medien als etwa gegenüber der Darstellung von Sexualität. Es wäre an der Zeit, darüber zu reflektieren, was die Omnipräsenz von Gewalt in den Medien bedeutet. Die Frage ist doch, was passiert, wenn Abend für Abend im Fernsehen Mord und Totschlag zu sehen sind.

Was denken Sie?

Wir wissen schon seit Langem, dass es auch dabei zu Übertragungen ins reale Leben kommt. Die Zuschauer gehen dann davon aus, dass es in ihrem realen Lebensumfeld gewalttätiger zugeht, als es tatsächlich der Fall ist. Wenn in der Fernsehdiät Mord an der Tagesordnung ist, meint man, dass es sich in der Wirklichkeit ähnlich verhält. Die Bedrohungen werden dann stark überschätzt.

Das macht aber nicht aggressiv.

Doch. Wenn man die Welt als bedrohlicher empfindet, dann ist man auch eher geneigt, eine Verhaltensweise von jemandem, die sich nicht richtig interpretieren lässt, als Provokation oder Angriff zu verstehen. Deswegen reagiert man dann eventuell aggressiver, um sich zu schützen. Weil man eben die Situation aufgrund des Mediengewaltkonsums falsch gedeutet hat.

Sie haben zur Prävention ein Programm für Jugendliche entwickelt.

Es handelt sich um ein Trainingsprogramm für Schulen und Jugendarbeit, das spezifisch darauf ausgerichtet ist, den Konsum von Mediengewalt bei Kindern und Jugendlichen zu reduzieren. Gleichzeitig soll auch eine kritische Haltung gegenüber Gewalt in den Medien gefördert werden. Wir haben das Programm einer experimentellen Wirkungsprüfung unterzogen. Dabei hat sich gezeigt, dass einerseits der Konsum von Mediengewalt durch das Training zurückgegangen ist, andererseits wurde aggressives Verhalten bei den Jugendlichen verringert, die schon vor dem Training aggressiver waren. Auch hat sich die Fähigkeit zur Selbstregulierung im Umgang mit Medien erhöht. Diese positiven Effekte waren auch nach drei Jahren noch erkennbar.

Was passiert in dem Training?

Wir haben das Training an zehn Berliner Schulen erprobt. Einmal geht es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie viel Gewalt konsumiert wird. Auch werden Strategien für verringerten Medienkonsum vermittelt, zum Beispiel für ein medienfreies Wochenende mit alternativen Angeboten. In einem zweiten Modul zur Rezeption von Mediengewalt geht es um Wissensvermittlung über die Wirkung von Mediengewalt.

Was empfehlen Sie den Eltern?

Vor allem, dass sie die Dauer der Mediennutzung ihrer Kinder in einem vernünftigen Rahmen einschränken. Zum anderen sollten Eltern kontrollieren, welche Inhalte ihre Kinder nutzen, und dabei darauf achten, dass keine Gewaltinhalte genutzt werden. Schließlich sollten Eltern ihren Kindern auch Freizeitangebote machen, die nichts mit Medien zu tun haben. Auch wenn das Einsatz verlangt – ich denke, es lohnt sich.

Ihr Fazit zur Mediengewalt?

Je geringer die Dosis, desto kleiner der Schaden. Wie das zu bewerkstelligen ist, wie das in Einklang zu bringen ist mit dem Recht auf Informationsfreiheit und der freien Medienwahl, das ist eine gesellschaftliche Diskussion, die geführt werden muss.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

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