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  • 22.02.2013
  • von Maren Herbst

Suizid statt Klimaschutz

von Maren Herbst

Mitleid. René Wilbrandt mit dem erhängten Eisbären. Foto: Andreas Klaer

Ein Eisbär beendet den Syntopischen Salon

Ein Eisbär sitzt auf einem Stuhl, auf dem Schoß ein niedliches Eisbärenbaby. Von der Decke baumelt eine Schlinge. Gleich wird René Wilbrandt, Masterstudent der Europäischen Medienwissenschaft an der Uni Potsdam, dem Tier dabei helfen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Als der Bär in der Schlinge baumelt, der umgekippte Stuhl das Bärenbaby einklemmt und Wilbrandt zwei rote Grablichter am Ort des Geschehens aufstellt, herrscht angespannte Stille. Obwohl es sich bei den Tieren nur um Plüschtiere handelt, verfehlt der Akt seine Wirkung nicht: Die Gäste, die zur Eröffnung der letzten Ausstellung im gläsernen Kubus des Synoptischen Salons am Campus Neues Palais gekommen sind, leiden mit.

„Der Eisbär hat eine unheimliche Symbolkraft“, sagt Wilbrandt später. Der Verlust an Lebensraum, der Anstieg des Meeresspiegels und die Dringlichkeit, etwas dagegen zu unternehmen, werde mit seiner Hilfe stark veranschaulicht. Das machen sich Umweltschützer, Behörden und Firmen zunutze. Die Wände des gläsernen Kubus hat Wilbrandt mit Beispielen dieser medialen Verarbeitung bestückt. Klimabilder sind vor allem politische Bilder, die eine universale Sprache sprechen“, so Wilbrandt. Durch die Bildästhetik sei das Raubtier zum Plüschtier geworden. „Das Bild des Bären auf der schmelzenden Eisscholle rüttelt wach, aber die Diskrepanz zwischen Wissen und Nicht-Handeln ist zu groß“, sagt Wilbrandt. Da der Mensch nicht in der Lage sei, das Aussterben des Eisbären zu verhindern, greife dieser nun zum letzten Mittel, dem Selbstmord.

Aufgrund unterschiedlicher Interessen zwischen Industrie- und Schwellenländern, zwischen Arm und Reich sowie aufgrund eines starken Lobbyismus und des Fehlens einer globalen, staatsinteressenunabhängigen Regierungsform sei der politische Klimawandeldiskurs zum Scheitern verurteilt, so Wilbrandt. Resignieren will er nicht. „Man kann andere Menschen immer nur wieder darauf aufmerksam machen, dass wir eine große Verantwortung tragen.“

Mit der Thematik befasst sich der Student schon lange. Seit einer Philosophie-Vorlesung zum Thema „Ethik und Klimawandel“ geht ihm der Umgang des Menschen mit dem Klimawandel nicht mehr aus dem Kopf. Den Eisbären lässt er deshalb in einer Abschiedsrede noch einmal zu Wort kommen: „Der Klimawandel geht uns alle an. Wer dagegen argumentiert, ist entweder ignorant und selbstsüchtig, ein Fatalist oder weiß es nicht besser. Ganz sicher aber ist er kein Eisbär.“

Das Gläserne Labor des Syntopischen Salons ist ein Projekt, das seit 2009 an verschiedenen Standorten als urbane Schnittstelle mit Formaten zwischen Kunst und Wissenschaft agiert. An der Universität Potsdam ist der Salon seit Oktober 2012 zu Gast und wurde seitdem mit sieben Installationen von Studierenden des Master-Studienganges Europäische Medienwissenschaft bespielt. Diese haben sich im Rahmen eines Seminars unter der Leitung von Anne Quirynen (FH Potsdam) und Christine Hanke (Universität Potsdam) mit planetarischen und astronomischen Datenerhebungen, Visualisierungen und Sounds beschäftigt. Die Arbeit von René Wilbrandt ist noch bis zum 1. März zu sehen. Maren Herbst

Gläsernes Labor des Synoptischen Salons, Campus Neues Palais, vor Haus 10

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