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  • 05.12.2012
  • von Tim Stuchtey

POSITION: Die Balance von Freiheit und Risiko

von Tim Stuchtey

Foto: BIGS

Regelungen für Sicherheit im Forschungsbetrieb

Fortschritt ist kein Synonym für Risiko: In vielen Fällen wird er dadurch definiert, erkannte Gefahren zu bannen oder zu mindern. Viele Errungenschaften der Medizin steigern z.B. die Sicherheit der Menschen. Diese Art von Forschung erzeugt also Wissen, das Risiken mindert. Es wäre allerdings naiv, neues Wissen grundsätzlich mit einem Zuwachs an Sicherheit gleichzusetzen. Die Abwägung, wie viel Risiko für die erhofften Vorteile in Kauf genommen wird, begleitet die Diskussion um Fortschritt seit jeher.

Um Fortschritt zu erreichen, müssen wissenschaftliche Ergebnisse verbreitet werden. Daher werden sie in der Regel veröffentlicht. Das gilt auch für Forschungsergebnisse, die zum Wohle als auch zum Schaden des Menschen eingesetzt werden können. Doch was, wenn dieses Wissen gegen uns angewendet wird? So haben vermutlich wenige Forscher darüber nachgedacht, ein wissenschaftliches Papier vor der Veröffentlichung beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle zur Genehmigung vorzulegen. Eben dies wurde in den Niederlanden von dem Wissenschaftler Ron Fouchier verlangt. Sein Fall ist von grundsätzlicher Bedeutung, wie wir in Zukunft mit der sogenannten Dual-Use-Problematik umgehen wollen. Darunter versteht man jene wissenschaftlichen Arbeiten, die sowohl einen zivilen als auch einen militärischen Nutzen haben können. Bei solcher Forschung wollen die für die Sicherheit verantwortlichen Institutionen verhindern, dass das Wissen in gegnerische Hände fällt.

Fouchier hat den H5N1-Vogelgrippeerreger so verändert, dass er von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Damit wurde ein Virus geschaffen, das wegen seiner hohen Sterberate für die Menschheit äußerst gefährlich und in den falschen Händen eine bedrohliche Biowaffe sein könnte. Warum setzt überhaupt ein Wissenschaftler seine Fähigkeiten für die Erschaffung eines solchen gefährlichen Virus ein? Mit diesem Wissen kann eine Pandemie nicht nur geschaffen, sondern auch verhindert werden. Die wenigen Mutationen, die aus dem für den Menschen eigentlich harmlosen Vogelgrippeerreger eine tödliche Biowaffe werden lassen, entstehen nicht nur im Labor, sondern auch laufend in der Natur. Dieses Risiko besser einschätzen zu können, ist der Nutzen solcher Forschung.

Im Falle Fouchiers sollte die Veröffentlichung in der Zeitschrift Science erst verhindert werden. Um hierüber zu entscheiden, hat die in den USA zuständige Institution ein Moratorium verhängt, um mit den betroffenen Experten über den Fall zu beraten. Letztlich hat man sich für die Veröffentlichung entschieden. Fouchier aber erhielt die Auflage, in den Niederlanden eine Ausfuhrgenehmigung für sein Manuskript zu erwirken, die er später auch erhielt. Bei einer Missachtung dieser Anordnung hätte ihm eine Haftstrafe gedroht.

Der vorliegende Fall bietet Anlass, darüber nachzudenken, wie die neueren Möglichkeiten der lebenswissenschaftlichen Forschung mit den herkömmlichen Regelungen für Dual-Use-Forschung zusammenpassen. Ausfuhrkontrollbehörden sind kaum geeignet, die Relevanz solcher Forschung und die Gefährlichkeit abzuschätzen. Es wäre angemessen, wenn der Umgang mit der Dual-Use-Problematik innerhalb des Wissenschaftssystems selbst geregelt würde. Dort besteht das notwendige Expertenwissen, um die Auswirkungen einer Entscheidung beurteilen zu können. Gleichzeitig schafft eine hier getroffene Entscheidung bei den Betroffenen Akzeptanz und hinterlässt nicht den Beigeschmack der Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit aus anderen als wissenschaftlichen Gründen. Strafrecht und Exportbeschränkungen sind ein Sicherheitsnetz, das erst unterhalb des hier beschriebenen Ordnungsrahmens gespannt ist und für die lebenswissenschaftliche Forschung alleine zu großmaschig ist.

Tim H. Stuchtey ist Geschäftsführender Direktor des Brandenburgischen Instituts für Gesellschaft und Sicherheit gGmbH (BIGS). Der Text ist zusammen mit dem ehemaligen Generalsekretär der DFG, Professor Reinhard Grunwald, entstanden. Eine ausführlicherer Aufsatz der beiden Autoren zum Thema findet sich online unter www.bigs-potsdam.org

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