30.08.2016, 20°C
  • 23.11.2012
  • von Jan Kixmüller

Die Aufträge kommen von selbst

von Jan Kixmüller

Zuspitzen und verdichten. Ellen Stein (r.) und Jan Gabbert sind die „Buchstabenschubser“. Mit Kurzfilmen erklären sie die Welt. Foto: Manfred Thomas

Brandenburger Design-Tage: Zwei FH-Absolventen betreiben erfolgreich eine Agentur für Motion-Design

Eine unsanierte Villa in Potsdams Innenstadt, der Putz bröckelt, am Klingelschild findet sich kein Hinweis auf ein Büro. Zwei Treppen muss man das herrschaftliche Treppenhaus hinaufsteigen, um ans Ziel zu gelangen. Man muss wissen, wo die „Buchstabenschubser“ arbeiten. Das passt zu den Worten von Jan Gabbert, der zusammen mit Ellen Stein das „Studio für Bewegtbild und Grafikdesign“ leitet. „Wir müssen uns keine Aufträge suchen, die kommen von selbst auf uns zu“, sagt der 32-Jährige. Ihre Visitenkarte seien ihre Arbeiten. Und das sind vornehmlich Filme: für Museen, Ministerien, die Energiewirtschaft, Wissenschaft und politische Bildung. Kurze Filme, die komplizierte Sachverhalte unkompliziert rüberbringen sollen. Motion-Design heißt das heute, man kann auch Info-Grafik dazu sagen.

Der Name „Buchstabenschubser“ ist etwas irreführend. Denn Buchstaben schubsen die zwei nicht wirklich herum, und auch Typografie ist nicht ihr Metier. Den Namen hat Ellen Stein (33) mit ins Geschäft gebracht, eigentlich handelt es sich um eine scherzhaft abfällige Bezeichnung für Grafikdesigner. Doch der Name habe sich schnell als extrem einprägsam erwiesen. „Er funktioniert als Marke“, sagt Jan Gabbert. Ellen Stein ist Kommunikations-Designerin, ihr Studium hat sie 2004 an der Fachhochschule Potsdam abgeschlossen, im gleichen Jahr wie Medien- und Kulturmanager Jan Gabbert, der an der FH, Uni und HFF Europäische Medienwissenschaften studiert hat. Auf den ersten Brandenburger Design-Tagen stellen die beiden am heutigen Freitag ihr Konzept vor (s. Kasten).

Designer sei vielleicht nicht die treffende Bezeichnung für sie, meint Jan Gabbert, der für die Organisation der kleinen Firma zuständig ist. Doch darüber könne man lange diskutieren, sagt er. Über Design bestehe in Deutschland eine falsche Vorstellung, es geht dabei nicht nur um Möbel oder Werbegrafik. Design sei eben immer auch die Gestaltung einer Schnittstelle zwischen Produkt und Benutzer. Nicht umsonst gebe es an der FH nun den Studiengang Interface-Design und am Hasso-Plattner-Institut eine School of Design Thinking. Sie selbst verstehen sich als Schnittstelle zwischen ihren Auftraggebern und der Öffentlichkeit. Für die Friederisiko-Ausstellung haben sie beispielsweise die Geschichte der Lykomedes-Figurengruppe mit einem verspielten dreiminütigen Animationsfilm nacherzählt. „Sehr komplexe oder historisch verschachtelte Zusammenhänge lassen sich in einer Ausstellung mit Bildern leichter darstellen als mit Worten“, meint Jan Gabbert. Ihre kleine Firma, die 2008 gegründet wurde, treffe da auf den Zeitgeist. Für Gabbert steht fest, dass unsere Gesellschaft vom Zeitalter des geschrieben Wortes über das Zeitalter des Bildes in das Zeitalter des Bewegtbildes eingetreten ist. „Mit Film kann man besser zuspitzen und verdichten als mit Text und es kommt einfach flüssiger rüber“, meint Gabbert.

Der wirtschaftliche Erfolg des Potsdamer Design-Büros gibt den beiden „buchstabenschubsern“ recht. Seit ihrem Studium würden sie das machen, wovon sie heute gut leben können. „Die Übergänge waren fließend, wir haben uns nicht hingesetzt und überlegt, was wir nach dem Studium machen können, sondern wir haben einfach das weitergemacht, womit wir ohnehin schon beschäftigt waren", sagt Ellen Stein, die in der Agentur für die kreative Seite zuständig ist. „Wir haben schon immer Film- und Multimediaprojekte gemacht, irgendwann wurden dann bezahlte Aufträge daraus.“

Die Aufträge würden oft den Rahmen des Zwei-Personen-Büros sprengen, daher arbeiten die beiden mit freiberuflichen Kollegen zusammen, die sie zumeist noch vom Studium her kennen. Manchen tollen Auftrag müsse man trotzdem absagen, weil er nicht zu schaffen ist. Sie könnten das Büro zwar vergrößern. „Wir wollen aber lieber ein kleines, schlagkräftiges Team bleiben“, so Gabbert. Denn wenn die Fixkosten zu hoch würden, wäre man nicht mehr flexibel. Doch gerade die Flexibilität ist den beiden Gründern wichtig für ihre Kreativität. Und es geht ihnen auch um die Vereinbarkeit von Job und Familie.

Dass sich ihr Design-Büro in Potsdam befindet, liege vor allem an den Kontakten zur FH und HFF. Design als Begriff in Brandenburg zu verorten finden sie nicht zeitgemäß. Sie fühlen sich nicht als Teil einer Brandenburger Design-Szene, vielmehr habe sie Einflüsse aus der ganzen Welt, sagt die gebürtige Cottbusserin Ellen Stein. Ihr Kompagnon, der aus Berlin stammt, sieht das ähnlich. Gerade die Absolventen von FH und HFF seien heute weltweit unterwegs und vernetzt.

Um die Zukunft ihres Büros machen sich die „buchstabenschubser“ keine großen Sorgen. Seitdem sie 2006 für die Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin Animationsfilme über die drei Weltreligionen gemacht haben, laufe es wie von selbst. Die Filme wurden mit dem Qualitätssiegel des Europrix Multimedia Award 2009 ausgezeichnet. Das Vertrauen der Auftraggeber in die „Buchstabenschubser“ sei mittlerweile groß. „Wir haben oft eine Carte-Blanche“, erzählt Jan Gabbert. „Die Auftraggeber sagen einfach: Macht mal.“

Im Internet

www.buchstabenschubser.de

Social Media

Umfrage

Statt des Lifts: Soll es eine Rampe zur Alten Fahrt geben? Stimmen Sie ab!