27.05.2017, 24°C
  • 21.11.2012
  • von Jan Kixmüller

Ein grundlegendes Problem

von Jan Kixmüller

Tiefgreifende Wertschöpfung. Landwirtschaftliche Flächen müssen stärker geschützt werden, sagen Bodenforscher. Sie sind die Grundlage der menschlichen Existenz. Foto: dpa

Das Potsdamer IASS richtet mit einer Welt-Boden-Woche den Fokus auf den Verlust fruchtbarer Böden

Klaus Töpfer will auf ein immenses Problem aufmerksam machen. Von dem kaum jemand etwas weiß. Es geht ihm um die Zukunft der Böden der Erde. Denn was manche als Dreck unter ihren Füßen empfinden, ist eine der wichtigsten Lebensadern der Menschheit. Und sie ist am Verschwinden. Jedes Jahr gehen weltweit rund 24 Milliarden Tonnen fruchtbares Ackerland durch Flächenversiegelung, Erosion und Wüstenbildung verloren – das sind drei Tonnen je Einwohner. Doch wir brauchen diese Erde, um Lebensmittel und Energiepflanzen für eine wachsende Weltbevölkerung anzubauen. Klaus Töpfer, der als Gründungsdirektor das Potsdamer Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) anführt, hat sich vorgenommen, dieses Problem ins Zentrum der Diskussionen um Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu bringen.

Nicht ohne Erfolg. Er hat mehr als 400 internationale Experten aus 64 Ländern gewonnen, die in dieser Woche auf der „Global Soil Week“ des Potsdamer IASS zusammenkommen, um ein Umdenken einzuleiten. Unter Beteiligung der Vereinten Nationen, der Europäischen Union, des Bundesumweltamtes und anderer wichtiger Unterstützer soll ein Aktionsplan entstehen, der Schutz und nachhaltige Bewirtschaftung der Böden sichert. „Boden ist nicht ersetzbar“, erklärt Töpfer, der als CDU-Politiker bereits vor vielen Jahren Bundesumweltminister war. Zumindest ist der Humusboden kurzfristig nicht ersetzbar: Zur Bildung von fünf Zentimetern fruchtbaren Boden braucht es 500 bis 2000 Jahre. „Was weg ist, ist weg“, sagt Töpfer. Eine gefährliche Entwicklung, die man ins Zentrum des politischen Bewusstseins rücken müsse. „Die Erkenntnisse der Bodenforschung sind bislang vergessen worden“, stellt der IASS-Gründer fest

Die Statistik zeigt, dass es 1961 noch weit über ein Hektar Boden pro Kopf der Bevölkerung gab, eine Zahl, die sich demnach heute bereits auf 0,2 Hektar verringert hat. Auch in Deutschland sei bereits ein Siebtel aller Ackerflächen von Erosion durch Wasser betroffen, warnen die IASS-Forscher. Derzeit werden hierzulande täglich etwa 77 Hektar Fläche versiegelt. Das Nachhaltigkeitsziel der Bundesregierung sieht für 2020 nur mehr 30 Hektar vor, nach heutigen Prognosen werden es aber immer noch 51 Hektar pro Tag sein. Das politische Handeln sei völlig unzureichend. Töpfer verweist beispielsweise darauf, dass es in der EU eine Bodenschutzrichtlinie gebe, die nicht verabschiedet werde, weil Deutschland dagegen ist. „Es gibt hier eine große und sehr gefährliche Lücke zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnisse und dem öffentlichen und politischen Bewusstsein.“

Gerade für den Klimaschutz spielen Böden eine wichtige Rolle. Denn Böden sind ein lebendiges Substrat mit einer breiten Artenvielfalt. Sie nehmen auch in großem Umfang Treibhausgase auf. In Böden ist gut zehnmal so viel Kohlenstoff gespeichert wie in Bäumen, insgesamt 4000 Milliarden Tonnen (Wald: 360 Milliarden Tonnen). Daher hat das IASS das Thema zwei Wochen vor der nächsten Klimaverhandlungsrunde in Doha in die Öffentlichkeit getragen. Nicht nur mit wissenschaftlichen Arbeitsgruppen, die einen Aktionsplan erstellen sollen, sondern gerade auch mit öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen will man wirken: Ein Filmfestival läuft parallel zum wissenschaftlichen Teil im Berliner Kino Arsenal und IASS-Chef Töpfer ließ sich gestern Abend von TV-Köchin Sarah Wiener zeigen, wie man „bodenfreundlich“ kochen kann.

Die Probleme, die sich aus dem Raubbau an den Böden ergeben, sind vielfältig. So haben die Kapitalmärkte den Wert der Ressource Boden längst erkannt. Das sogenannte „Land Grabbing“, der Aufkauf von Böden durch Fremdkapitalinvestoren für Geldanlagen, bedroht kleine landwirtschaftliche Betriebe. Fallstudien, die das IASS für die Konferenz erstellt hat, belegen, dass das begrenzte Angebot an Ackerland gerade in den Entwicklungsländern zu einem massiven Anstieg ausländischer Investitionen in Bodenflächen geführt hat. Um so kritischer, weil in den Schwellen- und Entwicklungsländern die Böden meist ungleich verteilt sind. Doch unter den Fallbeispielen findet sich auch Deutschland. Ein Experte für Ökobetriebe berichtet, dass gerade in Ostdeutschland seit der Finanzkrise 2008 in großem Stil Land von Investoren aufgekauft werde. Investoren, die fremdes Kapital anlegen, könnten solche Aufkäufe in weit größerem Maßstab tätigen als kleine familiengeführte Betriebe. So würden nicht nur die bäuerlichen Strukturen zerstört werden, sondern auch der Verdienst aus der Landwirtschaft aus der Region abgeführt.

Bei den Fallstudien zur „Land Degradation“ findet sich neben Madagaskar und Spanien ebenso ein signifikantes Beispiel aus Deutschland. Als es im April 2011 zu einer Massenkarambolage auf der Autobahn A19 bei Rostock kam, war ein Sandsturm die Ursache. Dass dies nicht unbedingt etwas mit dem Klimawandel, sondern vielmehr mit falscher Landnutzung zu tun hatte, stellt der Bund Deutscher Landwirtschaftsarchitekten fest. Jahrelange Vernachlässigung der Bodenstruktur habe dazu geführt, dass der Humusgehalt der Böden zurückgegangen sei. Die obere Krume trockne durch großflächige Verwendung von Kunstdünger aus. Alarmierend auch das Beispiel Spanien. Durch Tourismus und Gemüseanbau würden die Böden zunehmend ausgelaugt werden. Sollte die Entwicklung so weitergehen, könne sich die Iberische Halbinsel bereits in zehn Jahren nicht mehr selbst ernähren.

Ein anders Problem sind „Importierte Böden“. Kraftfutterimporte, die Europa in großem Stil tätige, seien nichts anderes als ein virtueller Import von Flächen aus Argentinien, erklärte Klaus Töpfer. Die EU importierte demnach im Jahr 2004 rund 77 Millionen Hektar Netto-Fläche. „Diese Zahlen verdeutlichen, dass wir über unsere Verhältnisse leben“, so die IASS-Forscher. Der Konsum an land- und forstwirtschaftlichen Produkten beanspruche mehr Bodenressourcen, als Deutschland zur Verfügung habe.

Doch es gibt Lösungen. So kommen aus Großbritannien und Deutschland vielversprechende Ansätze, wie Flächenversiegelung aufgehalten werden kann. Die Briten haben gute Erfahrungen mit der Festlegung von Vegetationsgürteln um die Städte gemacht. Das Bodenschutzkonzept Stuttgart hat dazu geführt, dass trotz eifriger Bautätigkeit der Bodenverlust aufgehalten werden konnte. Grundsätzlich sei ein sorgsamer Umgang mit der Ressource Boden unabdingbar. Gegen die Bodenerosion empfehlen die Forscher sparsames Pflügen und Anreicherung mit Humus. Ein anderer wichtiger Punkt sei die Sicherung von Landnutzungs- und Zugangsrechten. „Eine Welt ohne Hunger und Armut wird es nur geben, wenn es uns gelingt, den dramatischen Verlust der Böden zu stoppen, sie nachhaltig zu nutzen und gerecht zu verteilen“, so Töpfer.

Die Welt-Boden-Woche im Internet

www.globalsoilweek.org

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!