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  • 09.11.2012
  • von Richard Rabensaat

Die Wunden sind noch nicht verheilt

von Richard Rabensaat

Zeitzeichen. Am Campus Golm finden sich noch Relikte aus der Stasi-Zeit. Foto: A. Klaer

Die Universität Potsdam will ihre Vergangenheit aufarbeiten

„Weiterhin nichts zu tun wäre unverantwortlich“, stellt Oliver Günther, der Präsident der Universität Potsdam fest. Die Hochschule sei keine Nachfolgeinstitution der Pädagogischen Hochschule, sondern als Neugründung eine wissenschaftliche Einrichtung mit Vorgeschichte. Diese allerdings gelte es zu erforschen und deutlich zu benennen. Bei seinem Amtsantritt habe Günther erstaunt festgestellt, dass bisher zu wenig unternommen worden sei, Licht ins immer noch unklare Dunkel der DDR-Vorläufer zu bringen. Die gegenwärtige Ausstellung über den Universitätsstandort Golm unternehme da aber erkennbare Schritte.

„Visionen, Brüche und Kontinuitäten“ war eine Veranstaltung zur Zukunft und Vergangenheit der Potsdamer Hochschule in dieser Woche betitelt. Zur Sprache kamen vor allem die Kontinuitäten. Der ehemalige Wissenschaftsminister Hinrich Enderlein (FDP) und die SPD-Landtagsabgeordnete Susanne Melior bemühten sich, ein positives Bild der brandenburgischen und insbesondere der Potsdamer Hochschullandschaft zu zeichnen. Dann artikulierte Frank-Rüdiger Halt deutliche Kritik an der Hochschule. Halt, von 1991 bis 1995 Dezernent an Universität, unterrichtet heute Physik an einer Schule in Niedersachsen. Führungspositionen der Universität seien nach der Neugründung mit alten Kadern besetzt worden, behauptet Halt. Opfer der Staatssicherheit, die auf Kontinuitäten in der Universitätsverwaltung hingewiesen hätten, seien eingeschüchtert und mit Prozessen und horrenden Schadensersatzforderungen überzogen worden. „Die Opfer mussten zusehen, dass die alten Eliten auf ihren Sesseln sitzen blieben. Was ist denn das für eine Demokratie, in der man nicht die Wahrheit sagen kann?“, ereiferte sich der Physiklehrer.

Während seiner Tätigkeit für die Verwaltung der Universität habe Halt erstaunt festgestellt, dass seine unmittelbaren Mitarbeiter zu DDR-Zeiten zu erheblichen Teilen für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet hätten. Daher habe sich Halt dann auch nicht mehr über den Widerstand gewundert, der sich ihm zeigte, als er begann, in Archiven und Unterlagen der Universität nach dem Vorleben der administrativen Mitarbeiter zu forschen.

Nicht nur für Halt war das Thema des Abends stark emotionsgeladen. Zwar war die Diskussion trotz prominenter Besetzung des Podiums nur spärlich besucht gewesen und das zumeist von älteren Akademikern. Aber Stellungnahmen des zur Diskussion eingeladenen Publikums ließen erkennen, dass alte Wunden noch längst nicht geheilt sind. „Es findet eine nostalgische Verklärung des an sich brutalen DDR-Regimes statt, für die es überhaupt keinen Anlass gibt. Wer vor 1989 Schuld auf sich geladen hat, sollte auch die Verantwortung dafür übernehmen. Das ist nie geschehen“, äußerte deutlich erregt ein Wissenschaftler. Nach einer unbedacht kritischen Äußerung über die Freie Deutsche Jugend (FDJ) waren auch für Wissenschaftler in der sozialistischen Republik zweieinhalb Jahre im Gefängnis nicht selten. Ein Urteil wurde oft nicht ausgehändigt. Erst die Einsicht in seine Stasi Akte bei der Gauck-Behörde habe dem Sprecher aus dem Publikum Klarheit über den Grund seiner Drangsalierungen verschafft.

„Sie müssen schwarz auf weiß belegen, was geschehen ist, freiwillig gibt nie jemand irgendetwas zu“, räumte Uni-Historiker Manfred Görtemaker ein. Bei der Universitätsgründung habe man vor zwei Problemen gestanden. Einerseits sollte aus einer Diktatur heraus eine demokratische Struktur geschaffen werden, andererseits habe man für die Neugründung auch erhebliches Personal benötigt.

Die Notwendigkeit der Aufarbeitung unterstrich Uni-Präsident Günther mit einer persönlichen Anmerkung. Er habe zusehen müssen, wie sein Vater darunter litt, dass nach dem Nationalsozialismus alte Nazis wieder in Führungspositionen kamen. Etwas Derartiges gelte es in Potsdam zu verhindern, oder jedenfalls aufzuklären. Ob dazu eine gesonderte, externe Forschungsgruppe gegründet werde, ließ Günther offen. Richard Rabensaat

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