23.07.2016, 25°C
  • 31.08.2012
  • von Richard Rabensaat

Filme zerschnipseln und die Heimat aufessen

von Richard Rabensaat

Durchblick. Im Syntopischen Salon sind ab heute HFF-Arbeiten zu sehen. Foto: A. Klaer

HFF-Studenten experimentieren am Neuen Markt

Der Mann wird immer kleiner. Nie ist er greifbar. Nähert sich ein Besucher dem gläsernen Kubus des „Syntopischen Salons“ auf dem Potsdamer Neuen Markt, so verschwindet die Silhouette. Stephan Bögel projiziert ein Schattenbild auf die durchsichtigen Wände des Schauraums. Wendet sich der Betrachter wieder ab, wird der Mann größer. Die raffinierte Installation thematisiert die „unüberwindbare Distanz in der Beziehung zwischen Menschen“. Geht der eine auf den anderen zu, so entzieht sich dieser unweigerlich.

Insgesamt 14 verschiedene Studienarbeiten, Filme, Installationen und Performances zeigt die Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in dem gegenwärtig auf dem Neuen Markt aufgestellten Schauraum. Dabei lang erprobte Klassiker wie das Malträtieren des Filmmaterials mit allerlei Chemie und Mechanik – um anschließend verblüfft festzustellen, dass sich die Aufnahmequalitäten von Zelluloid unter Einfluss von Rotwein, Kaffee und Pizzateig drastisch verschlechtern. Auf der anderen Seite zeigen Studenten, wie sich Zeitgeschehen unmittelbar in ihrem Biografien niederschlägt.

„Hanoi-Transition“ hat die Vietnamesin Trang Ngyuen ihren Film genannt. „In Berlin trage ich Hanoi in mir. Mir fehlt Hanoi. Hanoi hat mich spüren lassen, dass ich es betrogen habe“, stellt sie fest. Erst vor wenigen Jahren kam die heutige Meisterschülerin nach Deutschland. Mit einer Fahrt durch die vietnamesische Stadt am Tag des Neujahrsfestes vermittelt sie einen Eindruck vom völlig anderen Lebensgefühl in Asien. „Dort spielt sich alles Leben auf der Straße ab, auch nachts geht der Handel weiter“, erklärt Marlies Roth. Sie hat als Professorin für digitale Montage die Arbeiten ihrer Studenten beim Salon betreut. Auch für Sandra Bar ist die Heimat ihrer Kindheit das Thema ihrer Arbeit. „Ich esse meine Heimat auf“, verkündet sie mit einem sieben Minuten langen Film. Auf drei verschiedenen Seiten des Ausstellungskastens zeigen Filme eine Essensszene der Künstlerin, die Zubereitung des Essens und Bilder des Tagebaus Welzow in der Niederlausitz, einer zerstörten Landschaft. „Der Tagebau war immer da, doch erst bei der Umsiedlung des Dorfes meiner Großeltern begriff ich, was Verlust ist und dass dieses Loch, was da bleibt, nie wieder gefüllt werden kann“, erzählt Sandra Bar.

„Wir nutzen die spezielle Ausgangssituation, um eine Art Labor für den Film zu schaffen und auszuprobieren, was möglich ist. Natürlich ist nicht alles reif für die documenta“, erklärt Marlies Roth. Mit seinen vier Wänden biete der kastenförmige Schauraum die Möglichkeit, die Filmhandlung zu vervielfachen und durch das Zusammenwirken verschiedener Szenerien ein neues Ganzes entstehen zu lassen. Zwar laufen die Filme am Abend. Aber auch tagsüber biete der Ort Möglichkeiten, etwa für eine Zerlegung, wie sie Kristina Maria Trömer mit Hundeknochen, Schale, Schere und Hammer plant. Weniger destruktiv geht es beim Kussautomaten von Irem Schwarz zu. Wird ein Vorhang vor dem Bildschirm fortgezogen, kann der Zuschauer mittels einer Mechanik zwei Protagonisten zu einem Kusserlebnis verhelfen. „Wie beim einarmigen Banditen“, so Roth. Joachim Gauck und Julija Tymoschenko nähern sich vorsichtig zum möglichen Kontakt. Währenddessen flackert das Weltgeschehen am oberen Bildrand in Form einer Textzeile vorbei. So illustriert Irem Schwarz die Parallelität von Persönlichem um Privatem, das aber ja auch immer irgendwie politisch ist. Wie undurchschaubare Politik Anlass von persönlichem Unbehagen sein kann, zeigt Christine Niehoff. Im Jahre 1992 war sie in St. Petersburg, als sich im etwa 60 Kilometer entfernten Sosnovy Bor ein schwerer Reaktorunfall ereignete. Mit einer Collage aus Fotos, Filmfragmenten und recherchierten Zitaten nähert sie sich ihren Erinnerungen an die damalige Zeit.

Zusammen ergeben die Aktionen und Filme einen vielfältigen Eindruck davon, dass Filmexperimente in Babelsberg weit über das Ausprobieren von 3-D-Technik für den nächsten Blockbuster hinaus gehen. Wenn auch nicht alle Gedanken brandneu sind, vermitteln sie doch einen vielschichtigen und aktuellen Eindruck von der Filmkunst. Richard Rabensaat

Filmkörper Syntopischer Salon vom 31. August bis 12. September, Neuer Markt Potsdam

Social Media

Umfrage

Lösung für die defizitäre Tropenhalle gesucht: Soll das Naturkundemuseum in die Biosphäre ziehen? Stimmen Sie ab!