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  • 17.08.2012
  • von Jan Kixmüller

Juristenausbildung: Gesunder Patient

von Jan Kixmüller

Recht schaffen. 293 Petitionspostkarten gegen die Schließung der Potsdamer Jura-Fakultäten haben Studierende am Donnerstag dem Wissenschaftsministerium übergeben. Foto: Susan Bischoff

Die Potsdamer Juristen verstehen nicht, wieso ihre erfolgreiche Fakultät für die Universität Frankfurt (Oder) geopfert werden soll

Potsdam - Auf eine rasche Entscheidung in der Diskussion um die von der Hochschulstrukturkommission vorgeschlagene Verlagerung der klassischen Juristenausbildung von der Universität Potsdam an die Europa-Universität Frankfurt (Oder) hat der Studiendekan der Juristischen Fakultät der Potsdamer Uni, Götz Schulze, gedrängt. Eine lange Debatte würde einen schleichenden Abbau bedeuten. Es sei zu befürchten, dass Studenten und Dozenten dem Standort wegen mangelnder Perspektive den Rücken kehren. „Dass die Politik nun spielerisch mit der Idee umgeht, den Standort eventuell zu schließen, bedeutet für uns eine massive Schädigung der Reputation“, sagte der Jura-Professor Schulze den PNN. „Damit kommt auch eine Geringschätzung für uns zum Ausdruck.“

Die Hochschulstrukturkommission hat unter Vorsitz von Friedrich Buttler ihre Empfehlungen im Juni der Landesregierung übergeben, derzeit werden die Vorschläge diskutiert, voraussichtlich im Dezember soll dem Kabinett ein Hochschulstrukturplan vorgelegt werden.

Die Potsdamer Uni-Leitung hatte bereits wiederholt ihr Unverständnis über die empfohlene Schließung der Juristenausbildung in Potsdam ausgedrückt. Als Gegenvorschlag haben die Potsdamer Juristen ein Konzept zur Profilierung vorgelegt: Die Juristische Fakultät könne demnach Bachelor- und Masterabschlüssen in die Juristenausbildung einfügen.

Voraussetzung dafür ist für die Potsdamer Juristen allerdings, dass die Ausbildung zur ersten juristischen Prüfung in Potsdam bleibt. Die einzelnen Ausbildungsstränge dürften nicht auseinandergerissen werden. „Der Vorschlag der Buttler-Kommission, künftig die erste Juristische Prüfung nur noch in Frankfurt(Oder) anzubieten und in Potsdam nur Bachelor- und Master ist nicht tragfähig“, sagte Schulze. Das Bachelor- und Master-System sei im juristischen Bereich Neuland, es gebe auch noch keine bekannten Berufsbilder. „Daher sollten die Ausbildungen vorerst nur gemeinsam angeboten werden.“

Die Besonderheit des vorgeschlagenen Potsdamer Modells sei die Verknüpfung des Bachelor-Abschlusses (Bachelor of Laws/LL.B.) mit dem Studiengang erste juristische Prüfung: Die Studierenden könnten somit einen grundständigen Bachelor erwerben und hätten gleichzeitig einen Teil für die erste juristische Prüfung hinter sich gebracht. „Dann kann man entscheiden, ob man weitermachen will bis zum Staatsexamen, oder es beim Bachelor belässt, oder einen Masterabschluss anschließt“, erklärt Schulze. „Die Verbindung der verschiedenen Studienformen am Anfang erscheint uns unabdingbar.“

Schulze erwartet, dass sich die Studierendenzahlen durch das Angebot weiter erhöhen, da die Uni Potsdam so die Attraktivität ihres Jurastudiums steigern werde. Bislang sei das Jurastudium durch lange Studienzeit mit großer Unsicherheit geprägt. Durch den Bachelor würden die Studierenden bereits einen ersten Abschluss erhalten, der das Studium strukturiert und einen Anreiz gibt, danach entweder klassisch weiterzustudieren oder – für Ehrgeizige – sogar Staatsexamen und Master zusammen zu machen: „Die Masterangebote sind stark spezialisiert, sie würden den Abschluss aufwerten.“

Ein von der Kommission angestoßenes weiteres Reformprojekt geht dahin, einen spezialisierten Bachelorstudiengang fächerübergreifend mit der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Potsdam zu entwickeln („Recht in öffentlichen und privaten Unternehmen“). „Ob sich ein spezialisierter und zugleich fächerübergreifender Fachbachelor allerdings auf dem Arbeitsmarkt nachhaltig etablieren lässt, halte ich zumindest für spekulativ. Nichts, worauf man eine Fakultät fachlich beschränken darf“, sagte Schulze zu dem Vorschlag.

Der Buttler-Bericht nennt als ein Manko der Brandenburger Juristenausbildung den besonders schlechten Gesamtdurchschnitt des Landes von 5,3 Absolventen pro Professur (bundesweit: 9,4 Absolventen). Allerdings wird hier nicht aufgeführt, dass in Potsdam die Absolventenquote der Juristischen Fakultät bei 8,4 Absolventen liegt, in Frankfurt/Oder hingegen nur bei 3,1 Absolventen. Es wird also offensichtlich empfohlen, die besser funktionierende Fakultät zugunsten der weniger erfolgreichen zu verlagern. „Darüber ist die Empörung in Potsdam groß, die Probleme liegen mehr in Frankfurt, während hier alles gut funktioniert“, sagt Schulze dazu. An der Potsdamer Uni vermutet man, dass dahinter strukturpolitische Ziele stecken, um die peripher gelegene Europa-Uni zu stärken. „Allerdings würde das nicht zwangsläufig eine Attraktivitätssteigerung für Frankfurt auslösen“, meint Schulze.

Potsdam erfreut sich indessen einer ungebrochen starken Nachfrage nach Plätzen im Jurastudium. Mehr noch, die Nachfrage für das kommende Wintersemester ist nach Angaben der Universität sogar stark angestiegen: Zum Wintersemester 2012/2013 haben sich 2822 Bewerber auf 386 Studienplätze mit dem Ziel der Ersten Juristischen Prüfung in Potsdam beworben, im vergangenen Jahr waren es noch 1947 Bewerbungen. Ob dieser Anstieg auf die doppelten Abiturjahrgänge zurückzuführen ist, konnte das Prüfungsbüro der Uni noch nicht sagen, die Auswertung der Zahlen läuft derzeit. Die Juristen sehen den Ansturm in jedem Fall als eindeutiges Signal: „Wir sind auf absehbare Zeit nachgefragt und ausgelastet, der demografische Knick wird sich auf Potsdam nicht merklich auswirken“, sagt Schulze. Vor diesem Hintergrund frage man sich, was eigentlich hinter der Empfehlung der Kommission steckt.

Vor den Folgen der derzeitigen Schließungsdebatte um die Potsdamer Juristen warnt indessen auch Yannick Diehl von der studentischen Initiative „ProJurFak“: „Es erscheint illusorisch, anzunehmen, Professoren würden angesichts der Fakultätsschließung ihre Lehre in Qualität und Quantität wie gewohnt fortsetzen und nur darauf warten, am Ende das Licht ausmachen zu dürfen“, sagte der Potsdamer Jurastudent. „Welcher Studierende wird unter solchen Voraussetzungen sein Studium zu Ende bringen?“, fragt er. Dass man die gesunde Potsdamer Fakultät nun zum Patienten erklären und schließen will, sorge für Kopfschütteln. „Es drängt sich die Frage auf, warum gerade die offensichtlich leistungsfähigere und stärker nachgefragte Ausbildung in Brandenburg beendet werden soll“, fragt auch Yannick Diehl.

Den Zahlen nach sei die Potsdamer Fakultät fähig, den Bundesschnitt der Absolventenquoten zu erreichen und perspektivisch sogar zu übertreffen. „Ein Gewinn für das Land, der in anderen Konstellationen weitaus fragwürdiger erscheint.“ Die Beendigung der klassischen Juristenausbildung in Potsdam wäre somit nichts anderes als die gezielte Zerschlagung einer Fakultät, die nicht nur in der Vergangenheit eine großartige Entwicklung gezeigt habe, sondern auch weiterhin innovativ und aufstrebend in der brandenburgischen Hochschullandschaft wirke, so der angehende Jurist. Knapp 1500 Anhänger hat die Initiative „ProJurFak“ mittlerweile auf ihrer Facebook-Seite, gestern übergab die Initiative 293 Petitionspostkarten gegen die Schließung der Potsdamer Fakultät an das Wissenschaftsministerium.

Das Ministerium will erst nach Abschluss der laufenden Beratungen Stellung nehmen. Kommenden Mittwoch wird Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (parteilos) dem Wissenschaftsausschuss des Landtages Rede und Antwort stehen.

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