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  • 01.08.2012
  • von Richard Rabensaat

Islamophobie und Antisemitismus Mendelssohn-Zentrum startet Publikationsreihe

von Richard Rabensaat

Jüdisches Leben steht im Fokus der neuen Schriftenreihe „Europäisch-jüdische Studien“. Der Verlag de Gruyter, das Centrum Judaicum und das Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam (MMZ) haben nun die zwei ersten Bände vorgestellt. Aktuelle gesellschaftliche, aber auch wissenschaftliche Themen sollen sich in der Edition wiederfinden. „Es ist zwar nicht unmittelbar ein Band über die Beschneidungsdebatte geplant, aber das könnte ein Thema sein“, erklärt Werner Tress, Mitarbeiter am MMZ. „Der Berliner ‚Jüdische Salon’ um 1800“ und „Islamophobie und Antisemitismus – ein umstrittener Vergleich“ lauten die ersten Titel. Noch in diesem Jahr sind weitere sieben Bände geplant, im Jahr 2013 sollen 13 folgen. Anvisiert ist, jeweils 20 Bände pro Jahr zu publizieren. Zwar habe der Verlag schon im bisherigen Programm eine ganze Reihe von Büchern vorzuweise in denen jüdisch akzentuierte Themen eine Rolle spielen, aber diese seien bisher eher zufällig editiert worden, erklärt Anke Beck vom Verlag de Gruyter. Künftig wolle man einen entsprechenden Schwerpunkt setzen, der von einer bereits erscheinenden Zeitschrift ergänzt werde.

„Antisemitismus ist über einen langen Zeitraum hinweg ein integraler Bestandteil europäischer Kultur gewesen“, bemerkt Julius Schoeps, Direktor des Potsdamer MMZ. Deshalb sei es wichtig, mit dem Band zur Islamophobie zu untersuchen, inwieweit sich Parallelen zwischen der gegenwärtig aufkeimenden Abwehr des Islam und dem lange Zeit unterbewerteten Judenhass ergeben würden. Olaf Glöckner, einer der Herausgeber des Bandes, unterstreicht, dass aktueller Protest gegen den Bau von Moscheen innerhalb von europäischen Großstädten zwar bedenklich sei. Derartige Ressentiments hätten sich aber, anders als beim Antisemitismus, bisher nicht zu einem geschlossenen Weltbild verfestigt. Glöckner weist darauf hin, dass Umfragen bei etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung latente islamophobe und antisemitischen Tendenzen zutage förderten. Initiativen wie „pro NRW“ oder auch die junge Berliner Partei „Die Freiheit“ hätten islamfeindliche Tendenzen zu einem festen Bestandteil ihrer politischen Propaganda gemacht.

Schoeps wiederum betont, dass zwar der Bau einer Synagoge gegenwärtig in Europa so gut wie gar keine Probleme aufwerfe. „Die Juden als konstantes Ärgernis“ sind allerdings das Thema seiner Stellungnahme. Denn in Europa hätte sich über Jahrhunderte ein aus christlicher Tradition stammender Judenhass artikuliert, der auch heute nicht verschwunden sei. Schoeps verweist dabei ebenso auf Martin Luthers Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“ aus dem Jahr 1543 wie auch auf die pseudoreligiösen Riten, mit denen die Nazis sich entsprechende Ikonografie einverleibt hätten und als Ausgrenzungsinstrument gegen das Judentum wandten. Jahrhundertelang sei mit der Diffamierung der Juden als Volk der „Gottesmörder“ argumentiert worden. Untersuchungen zufolge könne bei 30 Prozent der deutschen Bevölkerung auch heute noch ein latenter Antisemitismus ausgemacht werden, dem oft jeder reale Bezug fehle: „Ein rechtsradikaler Skinhead, der heute ‚Juden raus’ brüllt und Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen mit antisemitischen Parolen beschmiert, kennt meist keinen einzigen Juden.“ Daher folgert Schoeps, dass der Antisemitismus auch heute noch eine „psychosoziale Funktion“ habe, der Jude diene als Sündenbock.

Den erfreulichen Seiten des jüdischen Lebens wendet sich dagegen Hannah Lotte Lund zu. Bei ihrer Betrachtung des „Jüdischen Salons“ hat sich Lund auf die beiden Jahre 1794 und 1795 konzentriert. Anhand von Briefwechseln und Tagebuchaufzeichnungen hat sie rekonstruiert, worum sich die Diskussion bei den geselligen Treffen drehte und wo deren gesellschaftliche Bedeutung lag. Die Emanzipation von Frauen war ebenso ein Thema wie die gesellschaftliche Position und Anerkennung der Juden. Weniger bedeutsam waren dezidiert politische Themen wie beispielsweise die damals gerade aktuelle französische Revolution. „Das Buch könnte sich zu einem Standardwerk über die Salonkultur entwickeln“, mutmaßt Werner Tress. Richard Rabensaat

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