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  • 27.07.2012
  • von Richard Rabensaat

Religiöser Dialog

von Richard Rabensaat

Wunderwerk der Sprache. Iranische Frauen betrachten Kopien des Koran während einer Ausstellung in der Großen Imam Khomeini Moschee in Teheran. Foto: dapd

Potsdamer Theologen arbeiten mit iranischen Religionswissenschaftlern zusammen

Zwischen Potsdam und der iranischen „Hochschule für Religionen und Denominationen“ in Qom entwickelt sich ein reger Austausch. Im kommenden September plant die philosophische Fakultät der Universität Potsdam in Frankfurt am Main zusammen mit den islamischen Religionswissenschaftlern einen zweitägigen Workshop. Dort soll über die Gemeinsamkeiten in den Glaubensvorstellungen von Christen, Schiiten und Juden gesprochen werden. Im vergangenen Jahr besuchten 20 Wissenschaftler und Studenten der Religionsschule Qom das Corpus Coranicum, das in Potsdam an einer weltweit einmaligen historisch-kritischen Betrachtung des Koran arbeitet. Der Dekan des Religionswissenschaftlichen Instituts der Universität Potsdam, Johann Hafner, und der Dekan der Fakultät für schiitische Studien haben ein Memorandum unterzeichnet, in dem sie eine kontinuierliche Zusammenarbeit der wissenschaftlichen Institute anstreben.

Voraussichtlich noch in diesem Jahr werden sechs Doktoranden aus dem Iran in Potsdam mit ihrer Promotion beginnen. Bereits zwei Promotionsvorschläge hat die Fakultät akzeptiert. Die geplante weitere Zusammenarbeit muss einige Hürden überwinden. Nicht zuletzt die Sprache ist ein Problem, wenn Studenten aus dem Iran lediglich Farsi und kein Englisch sprechen, stellt Hafner fest.

Eines der Forschungsvorhaben der iranischen Universität ist die Übersetzung religiöser und wissenschaftlicher Texte, die bisher lediglich in den europäischen Sprachen vorlagen. So finden sich auf der geplanten Veröffentlichungsliste im Iran Bücher von Hans Küng und Michael Wolffsohn. „Das ist publizistisch eine große Leistung“, erklärt Michael Marx vom Corpus Coranicum.

Mehr als 300 Studenten und Studentinnen lernen an der Religionsschule im Iran Englisch, Hebräisch und Sanskrit und studieren religiöse Texte aus verschiedenen Religionen und Kulturen. „Das ist die einzige Universität im Iran, die sich von einem neutralen Standpunkt aus anderen Religionen nähert“, erklärt der Religionswissenschaftler Johann Hafner. Zunächst seit 1995 unter dem Namen „Center für religiöse Studien“ als Teil einer größeren Universität gegründet, hat sich die Hochschule 2004 selbständig gemacht. Die Studenten absolvieren dort ein Aufbaustudium. Marx und Hafner betonen, wie ungewöhnlich der säkulare Blick auf andere Religionen für eine Universität in einem islamisch geprägten Staat sei. „Die Wissenschaftler interessieren sich dafür, wie ein religiös geprägter Staat, säkulare Elemente in seine Politik integrieren kann,“ bemerkt Hafner. Der Koran sei für einen Moslem etwas anderes als die Bibel für einen Christen: „Das ist für einen gläubigen Moslem oder einen Gelehrten ein Wunderwerk der Sprache, ein unantastbarer Kristall“. Eine Institution wie das Corpus Coranicum würde den Gläubigen dementsprechend einiges Kopfzerbrechen bereiten. „Wenn dort Quellen untersucht und Textstellen mit denen aus anderen Religionen verglichen und Widersprüche festgestellt werden, berührt das sicher die Empfindlichkeiten frommer Moslems“, vermutet Hafner.

Dennoch denkt der Wissenschaftler, dass sich sehr interessante Forschungsperspektiven für eine gemeinsame Betrachtung von Bibel und Koran ergeben. Immerhin fänden sich in den Glaubenstexten wenigstens 24 Figuren, mit denen sich beide Schriften auseinandersetzen und die dann jeweils eine ganz andere Geschichte aufweisen würden. Während beispielsweise Noah im Westen gegenwärtig eine etwas ökologisch angehauchte Note bekäme, würde er im Orient als Vorläufer der Pilgerfahrt nach Mekka gesehen. „Juden, Christen, Moslems, alle wollen Noah vereinnahmen“, stellt Haffner fest. Interessant findet der Potsdamer Theologe auch den breit gefächerten religionswissenschaftlichen Ansatz der iranischen Universität.

Dort gebe es beispielsweise einen Forschungszweig, der sich mit dem Zoroastrismus beschäftigt. Die Anhänger der Religion aus dem ersten Jahrtausend vor Christus sind in der ganzen Welt verteilt, haben ihren Schwerpunkt jedoch im Iran und in Indien. Die monotheistische Religion befindet sich derzeit in einer recht bedrängten Situation, nicht zuletzt weil sie keine Konvertiten akzeptiert, sondern mit der Geburt weitergegeben wird. Der Einfluss des Religionsgründers Zarathustra findet sich jedoch auch deutlich in den religiösen Vorstellungen von Christen und Juden. „Der Engelsglaube und auch der Dualismus von dunkler und heller Seite ist dort schon angelegt“, erklärt Hafner. Einige der Riten der frühen Religion würden sich auch im Islam wieder finden. Der deutsche Theologe findet es spannend, dass gerade in Qom eine derartige Forschung möglich ist. „Die Professoren dort sind loyal gegenüber dem Staat und fromme Schiiten. Für sie ist es eine ständige Balance, sich wissenschaftlich mit Religion zu befassen, denn Qom ist ein Zentrum des Islam.“

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