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  • 27.06.2012
  • von Richard Rabensaat

Stasi am Ball

von Richard Rabensaat

Sportsfreund. Erich Mielke, der langjährige Minister für Staatssicherheit in der DDR, kickt auf einer Traditionsveranstaltung des BFC Dynamo Berlin. Die von Mielke geführte Stasi überwachte nicht nur Sportler, sondern wollte auch die Fanszene kontrollieren. Foto: BStU, MfS SdM/Fo/158

Wie die DDR-Staatssicherheit Fußballspieler und Fanvereine unter Kontrolle bringen wollte

Die DDR-Staatssicherheit sagte: „Der Kopf muss weg.“ Und so geschah es dann auch buchstäblich: Flüchtete ein Sportler aus dem Arbeiter- und Bauernstaat, wurden auf Pressefotos und in den Bildarchiven Köpfe verschoben und wegretuschiert. Vorher kleinwüchsige Sportler mutierten so unversehens zu Riesen, wie Jutta Braun berichten kann. Die Sportwissenschaftlerin von der Universität Potsdam untersucht die Rolle der Stasi für den Fußball, die Fankultur und den Sport in der DDR. Etwa 600 Republikflüchtlinge aus dem Bereich des Sports der DDR seien dokumentiert, die Dunkelziffer immer noch hoch.

In einer Diskussion mit dem ehemaligen DDR-Fußball-Nationalspieler Axel Kruse im Bildungszentrum des Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen (BStU) in Berlin wurden die Konturen der Spitzeltätigkeit des sozialistischen Staates im Sport deutlich. Kruse spielte zunächst in seinem Heimatort Wolgast Fußball, fiel als Talent auf und wechselte im Alter von 14 Jahren zum Verein Hansa Rostock, der ihn weiter förderte. „Ich bin immer noch dankbar für die Ausbildung in der DDR“, konstatiert Kruse noch heute.

Die medizinische Versorgung, die Unterbringung und auch das Training seien „großartig“ gewesen. Eigentlich gab es daher für Kruse als privilegierten Fußballkader gar keinen Grund, aus dem durchaus kuscheligen Fußballnest zu fliehen. Der sozialistische Staat beschränkte sich jedoch nicht darauf, das Nachwuchstalent zu fördern.

Nach einem Spiel baten Herren in langen Mänteln und mit finsterem Blick den Spieler, mit ihnen in einen Wartburg einzusteigen. Dort begann ein zunächst noch höfliches, aber stundenlanges Verhör, wie Kruse berichtet. Der Nachwuchskicker hatte dazu nicht den geringsten Anlass geboten und trug sich auch nicht mit Fluchtplänen. „Als sie mich dennoch immer weiter verhörten, wurde ich bockig“, erzählt der Fußballer, noch heute sichtbar erregt. Nach dem Verhör war es mit der Loyalität des aufstrebenden Jungstars gegenüber dem staatlichen Förderer vorbei. Kruse wollte nur noch weg. Nach seiner Flucht gelang es ihm, seine sportliche Karriere ungebremst fortzusetzen, heute arbeitet er als Sportreporter für verschiedene Fernsehsender.

Aber die unmittelbare Einflussnahme auf einzelne Sportler war nur eines der Betätigungsgebiete der Spitzelbehörde. Das Arrangement der Platzverteilung bei Spielen und die Kontrolle von Jubelrufen bei „Auswärtskontakten“ gehörten ebenfalls dazu, wie Jutta Braun berichtete. Als am 15. September 1982 der BFC Dynamo gegen den HSV um den Europapokal der Landesmeister im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin-Pankow kickte, sorgte die Stasi für eine politisch genehme Verteilung der Sitzplätze: Auf der einen Seite die Ost-Fans, auf der anderen die West-Fans, aber ja keine Durchmischung. Nur 13 000 Zuschauer durften sich das Spiel nach offiziellen Angaben in dem für rund 20 000 Zuschauer ausgelegten Stadion ansehen. Dennoch vermeldeten offizielle Medien, das Spiel sei ausverkauft gewesen.

Ohnehin stand der BFC Dynamo in Verdacht, ein Stasi-Verein zu sein, nicht zuletzt weil Erich Mielke, ehemaliger Minister für Staatssicherheit, als langjähriger Vorsitzender der SV Dynamo den Vereinssportlern gerne öffentlich seine Sympathie bekundete. Die Geschichte des Vereins dokumentiert derzeit das Bildungszentrum der Stasiunterlagenbehörde in einer Ausstellung in Berlin.

Bei Auswärtsspielen auch von westdeutschen Mannschaften, beispielsweise in Warschau, notierten die ostdeutschen Schlapphüte munter, aus welcher Ecke des Stadiums Staatsbürger des sozialistischen Staates für den „Klassenfeind“ jubelten. Selbst der Mauerbau vermochte es jedoch nicht, die Begeisterung der Ostdeutschen für ihre westdeutsche Konkurrenz zu brechen. Fans des Westberliner Vereins Hertha BSC tarnten sich als Rentnervereine oder Kegelklubs, um nicht ins Visier der Spitzel zu geraten.

Ohnehin waren die Fanklubs der Staatssicherheit reichlich suspekt. Denn in ihnen artikulierte sich nicht selten eine anarchische Begeisterung, die nicht recht kontrollierbar war. Bemühungen, Fanklubs mit Spitzeln zu durchsetzen, waren auch nicht immer erfolgreich, so Braun.

Gelegentlich nahm die Spitzeltätigkeit auch kuriose Formen an. Jutta Braun schildert den Fall einer gründlich vorbereiteten Wohnungsdurchsuchung in Abwesenheit der Familie. Der Wohnungsschlüssel war zuvor aus dem Schulranzen des Kindes entwendet worden. Als die Behörde dann in die vermeintlich leere Wohnung eindrang, saß jedoch der Opa im Ohrensessel und wunderte sich über die ungebetenen Besucher. Die Spitzelaktivitäten führten zu über Jahrzehnte nachhallenden Verstimmungen unter Sportskollegen. Noch heute erregt sich Kruse darüber, dass ein ehemaliger DDR-Nationaltrainer sich nie für seine Spitzeltätigkeit gegenüber Kruses bereits verstorbenen Freund Jörg Berger entschuldigt hat.

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