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  • 13.06.2012
  • von Jan Kixmüller

Kohle ist wieder in Mode

von Jan Kixmüller

Signalfunktion. Sollte die Energiewende in Deutschland gelingen, wäre das ein starkes Zeichen für andere Länder. Foto: dapd

Potsdamer Klimaforscher fordern vor dem Rio-Gipfel globale Übereinkunft mit Entwicklungsländern

Kurz vor dem „Rio+20“-Gipfel hat der Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Ottmar Edenhofer, vor einer Ausweitung der Nutzung fossiler Brennstoffe gewarnt. „Wir befinden uns kurz vor der größten Kohlerenaissance der Menschheit“, sagte Edenhofer. Statt eine weltweite, klimaverträgliche Energiewende einzuläuten, würden die USA, China und Indien verstärkt auf Kohle und Erdgas setzen. Somit würden weiterhin steigende Mengen Kohlendioxid freigesetzt, die den Klimawandel vorantreiben. „Wir sind weit entfernt von der Transformation der Energieversorgung“, sagte Edenhofer am Rande der Präsentation des Buches „Climate Change, Justice and Sustainability - Linking Climate and Development Policy“, das er zusammen mit Kollegen herausgegeben hat.

Hintergrund der erwarteten „Kohlerenaissance“ sei die weiterhin große Verfügbarkeit von fossilen Energieträgern. Der hohe Ölpreis habe zu Investitionen in neue Fördermethoden geführt. Aus aktuellen Erhebungen würde hervorgehen, dass dadurch „enorme Mengen“ an fossilen Energieträgern, vor allem Kohle, erschlossen würden. Ihre Nutzung setzt Kohlendioxid frei, das bislang im Boden gebunden war, das Gas kurbelt in Folge den Treibhauseffekt weiter an. Klimaforscher Edenhofer erwartet, dass bei weiterer ungebremster Nutzung von Kohle und Gas die globale Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts Werte von vier bis fünf Grad im Vergleich mit dem vorindustriellen Zeitalter erreicht. Von den Staaten der Welt war ein Wert von zwei Grad Erwärmung als maximal beherrschbares Ziel vereinbart worden. „Ich sehe bei den G20-Ländern keinen Abschied von der fossilen Energie“, so Edenhofers Einschätzung.

Die wichtigste Frage ist für Edenhofer nun, ob es der Menschheit gelingt, die Nutzung von fossilem Kohlenstoff vom Wirtschaftswachstum abzutrennen. Vor dieser Herausforderung stünde derzeit die Politik wie auch die Forschung. Dabei komme der in Deutschland geplanten Energiewende eine herausragende Rolle zu. Sollte das Vorhaben technisch und zu akzeptablen Kosten gelingen, hätte dies weltweit Signalwirkung. „Das wäre ein großes Beispiel, Deutschland ist immerhin die Werkbank Europas.“

Vom UN-Gipfel für nachhaltige Entwicklung, der vom 20. bis 22. Juni in Rio de Janeiro stattfindet, verspricht sich der stellvertretende Leiter des PIK nicht allzu viel. Edenhofer erklärte, dass ohne die Einbindung der Entwicklungsländer keine erfolgreiche Klimapolitik möglich sei. „Ich bin skeptisch, dass der Gipfel von Rio dieser Herausforderung gerecht wird“, sagte der Klimaökonom. Nachdrücklich warnte er davor, dass das auf ökologische Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Profitabilität ausgelegte Konzept der „Green Economy“, als Ersatz für nachhaltige Klimapolitik missbraucht werden könnte. Das Konzept des grünen Wachstums müsse dafür durch ein politisches Rahmenwerk verbindlicher Emissionsreduzierungen ergänzt werden. Ohne Ausstieg aus den fossilen Energieträgern sei das Konzept hinfällig. „Es bleibt dabei, der Deponieraum für Kohlendioxid in unserer Atmosphäre ist begrenzt“, sagte Edenhofer. Die Atmosphäre sei Gemeingut, deren Nutzungsrechte verteilt werden müssten. „Dabei ist die Gerechtigkeitsfrage entscheidend“, sagte der Wissenschaftler. Denn mittlerweile würden auch die Entwicklungsländer ihren Anspruch auf die Atmosphäre geltend machen.

Daher müsse nun eine globale Übereinkunft für Klimaschutz und Armutsbekämpfung getroffen werden. Neben einem weltweiten Handel mit Emissionsrechten müssten auch Subventionen für den Technologietransfer in Entwicklungsländer und finanzielle Hilfen für Anpassungsmaßnahmen in den am wenigsten entwickelten Ländern vorangetrieben werden. In dem nun veröffentlichten Buch zeigen PIK-Wissenschaftler zusammen mit Autoren des Instituts für Gesellschaftspolitik (IGP), Misereor und der Munich Re Stiftung, wie Klima- und Entwicklungspolitik zusammengebracht werden könnten. Es stellt wissenschaftliche Erkenntnisse für die Vorbereitung von Rio+20 zur Verfügung und bietet Lösungspfade für die Herausforderungen von Klimawandel und Gerechtigkeit.

„Wenn die Welt gefährlichen Klimawandel vermeiden will, muss die Diskussion in Rio über das sehr breite Thema Nachhaltigkeit und die sehr enge Idee des grünen Wachstums hinausgehen“, sagte Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), der selbst zum Gipfel reisen wird. Da die Klimapolitik derzeit auf der Stelle trete, müsse die Wissenschaft neuen Schwung in die Debatte bringen, sagte Schellnhuber. Möglichkeiten zur Bewältigung der Erderwärmung aufzuzeigen sei entscheidend, „um Pfade zu nachhaltiger Entwicklung zu finden und die Millenniumsziele grüner zu machen.“

Trotz aller Mahnungen sieht PIK-Ökonom Edenhofer auch Wege aus dem Dilemma. „Es gibt noch Spielräume“, sagte er den PNN. Er erwarte zwar kein globales Klimaabkommen in fünf Jahren. Dennoch registriere er „interessante Bewegungen“ auf nationalstaatlicher Ebene. So hätten Australien, Neuseeland und Europa eigene Vorstöße für einen Emissionshandel entwickelt, auch China experimentiere mit einem Preis für Klimaemissionen. Die Chance liege in der Verknüpfung solcher Vorhaben. Zudem sollte man die Geduld mit dem langsamen Verhandlungsprozess der UN nicht verlieren. Die UN könne Bezugspunkte für einen weltweiten Emissionshandel setzen.

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