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  • 09.05.2012
  • von Jan Kixmüller

Kein Grund zur Sprachlosigkeit

von Jan Kixmüller

Sozialwissenschaftler untersuchen die Dritte Generation Ost, die sogenannten Wendekinder

Wer die Dritte Generation Ostdeutschlands sein soll? „Wir“, sagt Adriana Lettrari. Auf Nachfrage erklärt die Geschäftsführerin der gemeinnützigen Unternehmergemeinschaft „Wendekind“ und Initiatorin von „3te Generation Ostdeutschland“, dass diese Generation die ungefähr zwischen 1975 und ’85 Geborenen umfasst, also die letzte Generation der DDR, die aber den größten Teil ihres Lebens im vereinigten Deutschland gelebt hat. Am Montagabend war Lettrari ins Potsdamer Einstein Forum gekommen, um zu erklären, was es mit dieser Generation auf sich hat, der sie selbst entstammt.

Es handele sich um die Kinder der Wende, die 1989 zwischen Kleinkind und Jugendalter standen, also die die Umbrüche und Aufbrüche in Schule, Familie und ihren Wohnorten in einer fürs Leben prägenden Zeit erlebt haben. „Die Dritte Generation Ost hat mit ihren Besonderheiten in den Debatten bisher wenig Raum gefunden“, so Lettrari. Zu oft seien soziale Schwierigkeiten wie Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Perspektivlosigkeit in Ostdeutschland in den Fokus gerückt worden. „Die Realität ist aber eine andere: Die persönlichen Geschichten sind von enormen Lern-, Umstellungs- und Entwicklungserfolgen geprägt.“ Mittlerweile hat die Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin ihre Generation auch zum Objekt eines Forschungsprojekts gemacht.

Aufgefallen ist Lettrari bei ihren Recherchen die Sprachlosigkeit ihrer Elterngeneration. Diese Lücke will sie nun füllen. Denn sie sieht keinen Anlass dafür, sprachlos zu bleiben. Die Wendegeneration sei in zwei Systemen aufgewachsen: „Das sind Migrationserfahrungen der besonderen Art.“ Daraus seien nicht nur Verunsicherungen, sondern auch Kompetenzen erwachsen. Lettrari spricht von doppelter Sozialisation, der Erfahrung, sich sehr schnell assimilieren zu müssen. Daher habe ihre Generation ein großes Potenzial, integrativ zu sein. Zum anderen geht Lettrari davon aus, dass ihre Generation ein großes Selbstbewusstsein entwickeln kann – vor dem Hintergrund der Ereignisse von 1989. Auch komme der Dritten Generation Ost aufgrund ihrer Erfahrungen eine besondere Vermittlungsfunktion zwischen Ost und West wie auch zwischen den Generationen zu.

Dass es vielen Angehörigen ihrer Generation bislang dennoch an Selbstbewusstsein mangelt, führt Lettrari auf die Erfahrungen der Eltern zurück. „Das ist ein kulturelles Erbe, das wir mittragen“, sagt sie. Als eine Ursache dafür sieht sie, dass die Aufarbeitung in der zweiten Generation noch nicht weit fortgeschritten sei. Tabuisierte Gefühle der Ernüchterung, Enttäuschung, Unfähigkeit und Scham der zweiten Generation müssten nun erst einmal aufgearbeitet werden. Jan Kixmüller

Die „3te Generation Ostdeutschland“ geht vom 30. Mai bis 10. Juni 2012 auf Tour durch die ostdeutschen Bundesländer. Am 9. Juni 2012 findet die Abschlussveranstaltung in Potsdam statt, zu der alle Interessierten herzlich eingeladen sind. Konkrete Informationen finden Sie unter der Website www.dritte-generation-ost.de.

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