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  • 18.04.2012
  • von Jan Kixmüller

Zwei Seiten einer Medaille

von Jan Kixmüller

Auf dem Prüfstand. Energie aus Biomasse kann auch Nachteile haben. Foto: dpa

Klimaforscher warnen vor Risiken der Bioenergie

Die großen Hoffnungen, die angesichts von Klimawandel und Energiewende in die Ressource Biomasse gesetzt werden, könnten enttäuscht werden. Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) haben in einer Analyse nun auf die Janusköpfigkeit der Energiegewinnung aus nachwachsenden Rohstoffen hingewiesen. Die Risiken des Einsatzes von Energie aus Biomasse würden unterschätzt, lautet ihr Ergebnis, das unlängst in dem Journal „Nature Climate Change“ veröffentlicht wurde. Die Forscher fordern neuartige Ansätze des Risikomanagements für den Wandel der Landnutzung. Die Analyse wurde von der Michael Otto Stiftung und dem Bundesforschungsministerium gefördert, der Artikel wurde von Wissenschaftlern der TU Berlin, des Potsdamer PIK und der Universität Berkeley in den USA verfasst.

„Bevor die Bioenergie weiter ausgeweitet wird, muss die Wissenschaft eine umfassendere Abschätzung der Risiken liefern – bislang sind in Projektionen des Einsatzes von Bioenergie teils fundamentale Unsicherheiten enthalten“, sagte Ottmar Edenhofer, Chef-Ökonom des Potsdamer PIK. Nötig seien neuartige Ansätze des Risikomanagements für den Wandel der Landnutzung. „Wir brauchen hier das Vorbeugeprinzip“, so Edenhofer. Eine Möglichkeit wäre, die Beweislast für das Erreichen von Nachhaltigkeitsstandards auf die Produzenten von Bioenergie zu verlagern.

Der Widerspruch liegt auf der Hand: Einerseits heißt es in ökonomischen Szenarien, dass sich zur Reduktion des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) fossile Brennstoffe kaum ohne den massiven Einsatz von Bioenergie ersetzen lassen. Andererseits könnte der großflächige Anbau von Energiepflanzen unterm Strich sogar zu einem höheren Ausstoß von Treibhausgasen führen: Ihr Einsatz wäre dann kontraproduktiv. Auch würden die Auswirkungen einer Ausweitung der Bioenergieproduktion auf die Landwirtschaftsproduktion oder auf den Benzinmarkt oftmals außer Acht gelassen. „So könnte beispielsweise eine verstärkte Erzeugung von Rohstoffen für Biosprit weltweit die Preise für Agrarland in die Höhe treiben“, heißt es in der Analyse. Dies würde wiederum Anreize dafür schaffen, Anbauflächen auszuweiten – auf Kosten von Gebieten, die auf natürliche Weise CO2 absorbieren. Auch hier würde unkontrollierter Klimaschutz zu ungewollten Ergebnissen führen. So verwundert es den Hauptautor der Studie, Felix Creutzig auch nicht, dass Energie aus Biomasse mittlerweile Gegenstand einer hitzigen Diskussion geworden ist.

Viele Klimaschutz-Szenarien würden Bioenergie als „CO2-neutral“ einstufen, indem sie davon ausgehen, dass nötige Maßnahmen wie der Waldschutz ergriffen würden, und technischer Fortschritt eine höhere Ausbeute von Bioenergie pro Hektar erlaube. „Ob diese Annahmen eintreffen, ist aber schwer vorherzusagen“, so die Forscher. Ihre Schlussfolgerung: „Eine umfassende Beurteilung der Chancen und Risiken des Einsatzes von Bioenergie sollte das ganze Spektrum möglicher Entwicklungen darzustellen versuchen und systematisch Auswirkungen auf Märkte erfassen.“ Klimaschutz-Szenarien müssten systematischer auch die Effekte der Nutzung von Bioenergie in einer nicht perfekten Welt abschätzen, in der es beispielsweise nur einen begrenzten Fortschritt von politischen Regelungen und Technologie gibt.

Die Experten fordern, eine im Vergleich zur gegenwärtigen Situation viel engere fächerübergreifende Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen mit Bioenergie befassten Forschungsrichtungen. „Das ist eine zentrale Herausforderung für kommende wissenschaftliche Sachstandsberichte“, erklärte Edenhofer. „Wenn es der Wissenschaft gelänge, alle zugrundeliegenden Annahmen und Unsicherheiten den politischen Entscheidungsträgern verständlich zu machen, dann kann das ein Start sein für die wichtige Diskussion, wo wir als Gesellschaft hinwollen, und welche Risiken wir hierbei in Kauf nehmen“, sagte der Potsdamer Klimaforscher Jan Kixmüller

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