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  • 28.03.2012
  • von Richard Rabensaat

Sozialdarwinistisch aufgeladenes Konkurrenzprinzip

von Richard Rabensaat

Außerordentlicher Betätigungsdrang. Eine DAF-Ausstellung 1938. Foto: Bundesarchiv

Der Potsdamer Historiker Rüdiger Hachtmann hat die „Deutsche Arbeitsfront“ untersucht

„Der Konzern war das Resultat von Gewalt, Willkür und Raffgier“, stellt der Historiker Rüdiger Hachtmann fest. Was die „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) wirklich war und welche Funktion die Unternehmenstätigkeit der DAF innerhalb des nationalsozialistischen Herrschaftsgefüges einnahm, untersucht der Wissenschaftler des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam (ZZF) in einer neuen, umfangreichen Studie. Obwohl die Organisation mit 25 Millionen Mitgliedern im Jahre 1942 die Personen- und finanzstärkste Organisation des „Dritten Reiches“ war, wusste eigentlich niemand so recht, um was es sich handelte. Denn die DAF war kein gewachsenes Unternehmen und hatte auch keinen primär wirtschaftlichen Zweck. Es war eine Zwangsvereinigung, die einerseits die Genossenschaften der Arbeiterbewegung auf- und ablöste, andererseits aber auch selbst als Unternehmen agierte.

Mit rund 200 000 beschäftigten Arbeitnehmern stellte die DAF einen „mächtigen Block mit außerordentlichem Betätigungsdrang dar“, so der damalige Reichsgruppenleiter Eduard Hilgard. Wohin dieser Expansionsdrang allerdings führen sollte, war bisher weitgehend unerforscht. Hachtmann unternimmt nun erstmals den Versuch, eine Gesamtschau der wirtschaftlichen Aktivitäten des Konzerns zu erstellen, der aufgrund seiner Größe durchaus mit den IG Farben oder dem Siemens-Konzern vergleichbar war.

Anders als beispielsweise bei den „Vereinigten Stahlwerken“ hatte die DAF trotz ihrer vielen Angestellten keine klare wirtschaftliche Zielrichtung. Es war ein „Gemischtwarenladen“, wie Hachtmann formuliert. Das Konglomerat von Banken, Versicherungen, Bau- und Wohnungsunternehmen, Verlagen, Werften hatten die Nationalsozialisten teilweise von den vormaligen Arbeiterorganisationen übernommen, teilweise selbst erworben, auch unter scheinlegaler Bemäntelung von jüdischen Unternehmern. Die DAF sollte dahin wirken, eine „erbgesunde, deutsche Volksgenossenschaft im Sinne der Nazis“ zu etablieren und mit ihren umfunktionierten Genossenschaften den „Nukleus für eine rassistische Konsumgenossenschaft“ legen.

Nicht zuletzt wegen der starken Zersplitterung der wirtschaftlichen Aktivitäten des Konzerns verloren auch die Zeit- und Parteigenossen des Unternehmensleiters Robert Ley den Überblick und dachten über eine Teilprivatisierung nach. Obwohl unter nationalsozialistischer Regie stehend, sah sich die DAF und deren Führungspersonal allerdings durchaus als marktwirtschaftlicher handelnder Konzern. „Die Nationalsozialisten strebten eine Art sozialdarwinistisch aufgeladenes Konkurrenzprinzip an,“ meint Hachtmann.

Robert Ley bezeichnete sich selbst als „fanatischen Apostel“ Hitlers, der seinen blinden Glauben „mit missionarischem Eifer in die Welt hinaus tragen wollte“, erläutert der Wissenschaftler. Der zum Unternehmer mutierte Parteigenosse Ley habe sich zwar nicht so recht für die ökonomischen Seiten seines Großkonzerns interessiert. Dennoch hätten er und die anderen Vorstände des Unternehmens in einer manchmal „hemdsärmeligen Weise“ marktwirtschaftlich agiert. Dabei seien sie recht erfolgreich gewesen. Der Konzern prosperierte und warb Arbeiter aus anderen Unternehmen ab, nicht zuletzt um Stellen neu zu besetzen, die durch die Eliminierung der jüdischen Belegschaft frei geworden waren. Um die Belegschaft zu binden und für die „Volksgenossenschaft“ ein tragendes Dach zu schaffen, wurden die Sozialleistungen in den DAF Betrieben beispielsweise durch Zwangsmitgliedschaften in „Gefolgschaftsversicherungen“ ausgebaut. Das Subunternehmen „Kraft durch Freude“ sollte für gute Stimmung im NS-Staat sorgen. Entsprechend der nationalsozialistischen Erwartung des nahen Endsieges traf der Konzern keine wirkliche Vorsorge für die Zeit nach dem Krieg. Die Unternehmen fielen deshalb, zum Teil mit dem gleichen Führungspersonal, wieder an die Gewerkschaften zurück und konnten, wie beispielsweise die „Neue Heimat“ oder „Coop“, massiv expandieren.

Hachtmann widerspricht der These, dass innerhalb der DAF ein Kompetenzwirrwarr zu überwiegend ineffizienten Strukturen geführt habe. Zwar hatte ein Gutachten des Wirtschaftprüfer und Rationalisierungsexperten Karl Eike aus dem Jahre 1936 genau dies bemängelt. Dennoch sei der Konzern ein überwiegend erfolgreiches Unternehmen gewesen. Richard Rabensaat

Rüdiger Hachtmann, Das Wirtschaftsimperium der Deutschen Arbeitsfront, Verlag Wallenstein 49,90 Euro

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