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  • 13.01.2012
  • von Erik Wenk

Zuhörer in dunklen Stunden

von Erik Wenk

Erste Hilfe. Studierende, die nicht weiter wissen, können sich melden. Foto: dapd

Das studentische Beratungstelefon „Nightline Potsdam“ hat ein offenes Ohr für Studierende

Aufstehen, frühstücken, in den vollen Zug zur Uni; den halben Tag in überlaufenen Hörsälen sitzen, mitschreiben, keiner kennt einen. Danach hastig das Mittagessen gelöffelt, zur nächsten Vorlesung, nach Hause, lesen, lernen – nächste Woche ist Klausur.

So oder so ähnlich sieht für viele Studenten der Alltag aus, vor allem in den ersten Semestern. Wenn sich ein solcher Tag dem Ende neigt, man langsam zur Ruhe kommt und im Bett liegt, kommen plötzlich all die Fragen, Sorgen und Ängste hoch, für die man den ganzen Tag vor lauter Stress keine Zeit hatte: Ist das überhaupt das richtige Studienfach für mich? Warum hat mich der Dozent nach dem Referat so runtergemacht? Wann werden meine Eltern wieder meckern, dass das Studium nichts bringt? Warum mussten sich in der WG heute alle so zoffen? Wann soll ich bei dem vollen Stundenplan nebenbei arbeiten?

All das kann die Stimmung erheblich drücken; aber deswegen gleich zum Therapeuten rennen? „Manche denken sich vielleicht: Das sind doch viel zu banale oder alltägliche Probleme, wem soll ich die schon erzählen?“, sagt Claudia*. Sie findet solche Sachen keineswegs banal.

Die neunundzwanzigjährige Psychologiestudentin aus Potsdam arbeitet ehrenamtlich als Telefonberaterin für die „Nightline Potsdam“, die seit Mitte Januar erreichbar ist. Das Besondere dabei: Am Telefonhörer sitzen keine Berufstherapeuten, sondern ganz normale Studenten, die viele der oben genannten Probleme selbst gut kennen. Egal ob man Termindruck hat, an Liebeskummer leidet, einsam ist oder sich überfordert fühlt: Bei Nightline kann sich jeder Student anonym Frust, Kummer oder Ärger von der Seele reden, und zwar nachts, wenn man viel Zeit zum Grübeln hat, aber niemand da ist, bei dem man sich mal richtig ausquatschen kann.

„Die offiziellen Beratungsangebote an der Uni sind überlaufen, aber wir sehen uns nur als Ergänzung, vor allem weil wir abends erreichbar sind, wenn alle anderen Beratungsstellen zuhaben“, sagt Claudia. „Wenn man um Mitternacht immer noch an der Hausarbeit sitzt und nicht weiß, wie man sie am nächsten Tag abgeben soll, kann man immer noch bei uns anrufen.“

Das Nightline-Konzept ist ein Erfolgsmodell, das Beratungstelefon gibt es schon in vielen anderen Universitätsstädten. Für viele Anrufer ist es angenehmer, mit anderen Studenten über ihre Probleme zu reden, als mit einem Seelsorger. Das Wort „Beratung“ ist dabei vielleicht irreführend, denn Nightline ist in erster Linie ein Zuhörtelefon. Dem Bedürfnis, einem Anrufer Handlungsanweisungen zu geben, müssen die Nightline-Mitarbeiter daher widerstehen. Das ist nicht immer leicht, beispielsweise wenn jemand am anderen Ende der Leitung überlegt, ob er sein Studium hinschmeißen oder mit der Freundin schlussmachen soll. „Viele wollen am Anfang tatsächlich einen Ratschlag haben und fragen‚ was sie machen sollen, aber das können wir natürlich nicht leisten“, erklärt Claudia.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter bei Nightline sind keine professionellen Seelsorger, es geht in erster Linie darum, dem anderen zuzuhören, damit er oder sie etwas loswerden kann. Bereits das empfinden viele Anrufer als hilfreich: „Jemand sagte mir mal am Ende des Gesprächs, dass er echt erleichtert sei, mal darüber gesprochen zu haben, obwohl er gar nicht gedacht hätte, dass das helfen würde“, sagt Linda* (29), die Geografie in Potsdam studiert und ebenfalls bei Nightline am Hörer sitzt. Wichtig sei, den Anrufern einen objektiveren Blick zu ermöglichen, sodass man wieder Lösungsmöglichkeiten wahrnimmt, wo man zuvor nur eine Sackgasse gesehen hat.

Dennoch sitzen natürlich keine kompletten Laien am Telefon: Jeder Mitarbeiter muss zuerst eine zweitägige Schulung absolvieren, die vor allem das Thema Gesprächsführung beinhaltet und von einem professionellen Psychologen begleitet wird. Die Nightline Potsdam will das Team noch verstärken. Am Telefon zu sitzen ist dazu nicht unbedingt nötig; es gibt noch viele andere Aufgaben zu erledigen, etwa in den Bereichen Technik, Öffentlichkeitsarbeit oder Recherchen. Abgesehen davon, dass man selbst Student sein sollte, braucht man keine besonderen Voraussetzungen, sagt Claudia: „Man muss einfach ein Interesse daran haben, Menschen zuzuhören und sich mit ihren Problemen zu beschäftigen.“

* Name von der Redaktion geändert. Die Nightline Potsdam ist am Montag, Donnerstag und Sonntag von 21 bis 1 Uhr unter 0331-977 1834 erreichbar. Weitere Infos: www.nightline-potsdam.de

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