22.10.2017, 13°C
  • 21.12.2011
  • von Jan Kixmüller

Unverhoffte und vertane Chancen

von Jan Kixmüller

Ein breites Spektrum. Das Abraham Geiger Kolleg bildet an der Uni Potsdam Rabbiner aus, vom dem Zentrum ging die Initiative für eine Fakultät für jüdische Theologie an der Uni aus. Ein Vorschlag, den auch der neue Uni-Präsident Oliver Günther (oben r.) begrüßt, zumindest wenn die Mittel dafür nicht von der Uni aufgebracht werden müssen. Mit einem ganz anderen Phänomen beschäftigt sich der HFF-Absolvent David Wnendt in seinem Film „Kriegerin“ (unten rechts), er zeichnet Lebenswege rechtsradikaler Frauen nach. Fotos: A. Klaer, dpa, Ascot/HFF

Die Wissenschaft Potsdam bewegte sich 2011 zwischen Hochschulabbau und aufstrebender Erdforschung

Das Jahr begann für die Potsdamer Wissenschaftslandschaft mit einem unerwarteten Paukenschlag. Keine Woche nachdem sich Uni-Präsidentin Sabine Kunst zum Neujahrsempfang der Uni gegen drohenden Einsparungen bei den Hochschulen verwahrt hatte, wurde sie von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck aus dem Flugzeug geholt und zur Wissenschaftsministerin gekürt. Kunst wechselte von einem Tag auf den anderen die Seiten, nun wurde sie zur Kassenwartin der Hochschulbudgets, den gerade erst errungene Posten an der Spitze des DAAD musste sie wieder aufgeben. Nun lasteten höchste Erwartungen der Hochschulen auf den Schultern der zierlichen Frau, schließlich kam sie aus dem eigenen Stall, wusste, wo der Schuh drückt. Dennoch: Durchsetzen gegen das Machtwort des Finanzministers und wohl auch des Landesvaters konnte sie sich nicht. Die Kürzungen wurden vergangene Woche vom Landtag beschlossen.

Nun wird es wohl auf einen Abbau von Studienplätzen im Land hinauslaufen. Ein Szenario, das Platzeck selbst vor zwei Jahren erst ausgeschlossen hatte: „Deutschland braucht mehr Menschen mit guter Qualifikation und deshalb auch mehr Studierende“, schrieb er in seinem Buch „Zukunft braucht Herkunft“. Vor Studienplatzabbau hatte auch der designierte Uni-Präsident Oliver Günther wiederholt gewarnt, der im September vom Senat der Potsdamer Uni mit gutem Ergebnis ins Amt gewählt worden war. Bereits vor seiner Wahl hatte er Kritik an der Sparpolitik geäußert und darauf hingewiesen, dass durch Einsparungen heute Steuermittel der Zukunft verloren gehen würden.

Günther erhielt bei seiner Wahl an die Uni-Spitze breite Zustimmung an der Hochschule. Von ihm wird nun starke Durchsetzungskraft erwartet. Sein Ziel: Die Potsdamer Uni langfristig in den Exzellenzbereich der deutschen Hochschulen zu bringen. Ein ehrgeiziges Ziel, aber an Ehrgeiz fehlt es dem Wirtschaftsinformatiker aus Berlin nicht. Bereits in den Monaten vor Amstantritt war er an der Uni stets präsent.

Der Umbruch an der Spitze der Potsdamer Alma Mater fiel ausgerechnet in das Jahr ihres 20. Jubiläums. Was der Sache aber keinen Abbruch tat, das Jubiläum wurde im Frühsommer unter Interimspräsident Thomas Grünwald begangen. Auch sonst war es ein recht aufregendes Jahr für Brandenburgs größte Hochschule. Bereits im Frühjahr gab es zwei Plagiatsfälle, die die Uni unmittelbar betrafen, ein Mathe-Professor der Uni hatte ein englisches Fachbuch abgeschrieben, dann kam der verdacht auf, Teile der Promotion der Honorarprofessorin Margarita Mathiopoulos seien ein Plagiat (siehe nebenstehender Beitrag). Dem folgte auf dem Fuße der Vorwurf, der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann habe in seiner Doktorarbeit, die an der Potsdamer Uni entstanden war, fremde Gedanken nicht als solche gekennzeichnet. Daraufhin prüfte eine Kommission und kam im November zu dem Schluss, dass Altusmann zwar geschludert, aber nicht vorsätzlich abgeschrieben habe. Er durfte seinen Doktortitel behalten.

Die Debatte zum Umgang mit der DDR-Vergangenheit, für die in diesem Jahr im Brandenburger Landtag eigens eine Enquete-Kommission einberufen wurde, griff auch auf die Potsdamer Uni über. Kritiker aus den Anfangstagen der Uni tauchten wieder auf und erhärteten ihre Vorwürfe von damals, die Potsdamer Uni sei ein Auffangbecken für politisch belastete DDR-Kader gewesen. Was der Uni-Historiker Manfred Görtemaker, der seinerzeit einen Bericht über den Transformationsprozess verfasst hatte, weitgehend bestätigte. Nur sei das größere Problem gewesen, dass viele von der Pädagogischen Hochschule übernommene Mitarbeiter wissenschaftlich nicht qualifiziert gewesen seien. Das Ergebis eines Enqueteberichts, wonach es an Brandenburgs Hochschulen ausreichend Lehrveranstaltungen zur DDR-Zeit gebe, konterte Görtemaker mit dem Hinweis, dass die Menge noch nichts über den politischen Gehalt der Seminare aussage.

Im Zuge der Stasi-Debatte im Land gab es auch Vorwürfe gegen Uni-Sprecherin Birgit Mangelsdorf, Kontakte zur Stasi unterhalten zu haben. Tatsächlich hatte sie in den 80er Jahren ihre Wohnung der Staatssicherheit für konspirative Zwecke zur Verfügung gestellt. Eine eigens einberufene Kommission der Uni sprach der Sprecherin allerdings ihr Vertrauen aus. Die Universität wolle sich auch weiterhin intensiv der Aufarbeitung der DDR-Geschichte widmen, hieß es.

Jubiläum feierte in diesem Jahr nicht nur die Uni, auch die Fachhochschule Potsdam beging ihren 20. Jahrestag. Gründungsrektor Helmut Knüppel nahm die Gelegenheit zum Anlass, seine Verwunderung über die neuerlichen Einschnitte bei den Hochschulen des Landes zum Ausdruck zu bringen. Er habe bereits Mitte der 90er Jahre feststellen müssen, dass Einsparungen bei der Bildung auf Kosten der Zukunft des Landes gehen. Auch an Potsdams Filmhochschule HFF warnte man vor dramatischen Einschnitten durch die Kürzungen, die vor allem die Filmproduktionen – das Aushängeschild der HFF – treffen würden. Immerhin konnte die HFF in diesem Jahr einen bedeutenden Zuwachs verzeichnen: Das Potsdamer Filmmuseum wurde unter dem Dach der Filmhochschule als eigenes Institut aufgenommen. Furore machte dann der Film „Kriegerin“ von HFF-Absolvent David Wnendt. Er zeichnet in dem Drama den Lebensweg von jungen rechtsradikalen Frauen nach. Womit er unverhofft in die Debatte um die Zwickauer Terrorzelle stieß – ab 19. Januar in den Kinos.

Zuwachs besonderer Art erwartet in absehbarer Zeit auch die Universität Potsdam. Auf Initiative des Abraham Geiger Kollegs, das an der Uni Rabbiner ausbildet, hat sich im Land eine breite Zustimmung für eine eigene Fakultät für Jüdische Theologie in Potsdam gebildet. Ein historisches Novum, das es in dieser Art noch nie in Deutschland gab. Das Land Brandenburg hätte dadurch die Chance, dass die Gleichberechtigung der jüdischen Theologie in Deutschland von hier ausgehen würde. Die Universität ist dafür, wenn die Finanzierung aus externen Quellen erfolge. Es bleibt also spannend.

Ebenso spannend zeigte sich auch in diesem Jahr die außeruniversitäre Forschung in Potsdam. Allen voran wieder einmal die Klimaforschung, die über das Jahr verteilt durch mehrere Studien untermauern konnte, dass der Klimawandel schneller vonstatten geht als angenommen. Was sich dann allerdings in den UN-Klimaverhandlungen von Durban erst einmal kaum widerspiegelte. Die Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) hatten nicht viel von Durban erwartet. Dass am Ende dann doch ein Ziel für 2020 herauskam, wurde sogleich wieder durch den Ausstieg Kanadas konterkariert. Etwas schwankend erschien die Haltung des PIK gegenüber der umstrittenen unterirdischen Lagerung des Treibhausgases CCS. Der Ökonom Ottmar Edenhofer stellte zu Jahresende aber fest, dass das Verfahren für einen nachträglichen Klimaschutz unabdingbar sei.

Die Erforschung des Lebensraumes Erde bildet in Potsdam zunehmend einen Schwerpunkt mit kritischer Forschungsmasse. So nahm das neue Potsdamer Institut für nachhaltige Klimaforschung (Institute for Advanced Sustainability Studies / IASS) nun flankiert vom PIK und den GFZ-Geoforschern mögliche Optionen für die Energiewende in den Angriff. Auch die Polarforscher des Alfred-Wegener-Instituts auf dem Telegrafenberg behalten das Erdsystem aufmerksam im Blick. So konnte ihnen nicht entgehen, dass es in diesem Frühjahr erstmals ein Ozonloch über der Arktis gab – mit entsprechenden Gefahren für Nordeuropa. Zusammen mit der Klimaforschung, der Desasterforschung, aber auch mit dem Blick auf nachhaltige Bodennutzung des GeoForschungsZentrums hat Potdsdam seinen Stand in der internationalen Erdsystemforschung auch 2011 weiter ausgebaut.

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!