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  • 07.03.2007

Wenige Bücher, viele Bajonette

Eine Tagung zu Aufklärung und Klassik / „Potsdamer Ausgabe“ der Schriften Friedrich II.

Voltaire war nicht begeistert. Als er Potsdam verließ, wusste der Franzose das Geistesleben der Stadt nicht zu würdigen. Vielmehr resümierte der Philosoph, er habe in Potsdam viele Bajonette gesehen, aber nur wenige Bücher. Diese Anekdote erzählte die Germanistin Katharina Mommsen, die kürzlich aus den USA zu einer dreitägigen Konferenz nach Potsdam gekommen war. Das Forschungszentrum Europäische Aufklärung (FEA) und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (bbaw) hatten an den Neuen Markt geladen. Neben Mommsen war mit Prof. Theodore Ziolkowski aus Princeton eine weitere Größe der US-Germanistik angereist. Die Tagung befasste sich mit der künstlerischen Epoche des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die man als Weimarer Klassik bezeichnet.

So eröffnete Katharina Mommsen, die als Goethe-Spezialistin in Stanford gelehrt hat, die Tagung mit einem Vortrag zu Friedrich dem Großen. Der preußische Herrscher hatte eine unbändige Liebe zur französischen Sprache und Literatur entwickelt. Daran änderten auch die abfälligen Worte des Philosophen Voltaire nichts. So versuchte Friedrich im Jahr 1780 mit seinem Buch „De la littérature allemande“ den Deutschen das große französische Vorbild in Sachen Kultur näher zu bringen. Auf Französisch, natürlich. Die deutschen Theateraufführungen seien im Gegensatz zu den französischen „abscheulich“, meinte er. Und sein Urteil zur deutschen Literatur war eindeutig: „Es gibt keine deutsche Literatur“. Friedrich machte Verbesserungsvorschläge. Diese orientierten sich jedoch an längst verstorbenen französischen Vorbildern. Goethe, zu diesem Zeitpunkt ein aufstrebender Bestsellerautor in Weimar, enthielt sich vornehm jeglichen Kommentars.

„Das Problem ist nicht Friedrichs Liebe zu Frankreich, sondern seine Abneigung gegen alles Deutsche“, urteilte Katharina Mommsen in ihrem Vortrag. Der Preuße Friedrich habe absichtlich das lebendige Geistesleben ignoriert, das in Weimar entstanden war. Der junge Goethe wiederum machte sich über Preußen lustig. In seinem satirischen Stück „Die Vögel“ persiflierte er den preußischen Adler: „Wie vor einem Heiligen neigen sich die Völker“. Friedrich, so Mommsens These, war so erbost, dass er das Weimarer Geistesleben ganz und gar unter den Tisch fallen ließ. „Peinlich und dilettantisch“ fand das die Goethe-Spezialistin im Nachhinein. Kulturpolitisch sei Friedrich ein rückständiger Herrscher gewesen. Davon zeuge sein Buch „De la littérature allemande“.

Doch gegen diese These regte sich Widerstand im Publikum. Ein kulturelles und wissenschaftliches Ereignis lag über der Tagung: Die neue Edition der Schriften Friedrichs II., die von dem Forschungszentrum Europäische Aufklärung durchgeführt wird. Noch in diesem Jahr soll die erste Veröffentlichung der zwölfbändigen „Potsdamer Ausgabe“ feierlich vorgestellt werden. Prof. Joachim Gessinger, Sprachhistoriker an der Uni Potsdam, wollte Friedrich II. nicht als rückständigen kulturellen Dilettanten verstehen. Gessinger ist innerhalb des aufwändigen Editionsprojekts für die kulturkritischen Schriften zuständig.

Man müsse analysieren, was genau das kulturpolitische Programm in „De la littérature allemande“ sei, meinte Gessinger. Die umstrittenen Thesen des Königs sollten aus unterschiedlichen akademischen Perspektiven gesehen werden, sagte er mit Blick auf die selbsterklärte Goethe-Liebhaberin Mommsen. Die Neuausgabe werde daher zweisprachig und mit zeitgemäßen wissenschaftlichen Kommentaren versehen sein.

Somit hatte die Konferenz ihre eigene Kanon-Diskussion. Kanonbildung in Vergangenheit und Gegenwart war ihr eigentliches Thema. Hierfür war die Meinungsverschiedenheit um Friedrich den Großen ein lebendiges Beispiel. Der Begriff „Kanon“, so stellten Prof. Ziolkowski und Organisator Dr. Robert Charlier (bbaw) fest, meint zunächst einen kritischen Maßstab. Dieser Maßstab dient dann der Bewertung vermeintlicher Standardwerke. Streit sei also schon in dem Begriff des „Kanon“ angelegt, sagte Ziolkowski. Was manche Menschen für genial halten, ist anderen nur ein Ärgernis. Die Entscheidung für oder gegen Gesamtausgaben und große Editionen, wie im Falle der „Potsdamer Ausgabe“, wirft also immer Fragen um den Kanon auf. Doch dies gilt nicht nur für Buchprojekte. Im Zeitalter von Internet und digitalen Wissensspeichern verstärke sich die Dringlichkeit dieser Fragen, so Robert Charlier. Er zeigte eindrucksvoll, dass die neuen Medien oft auf bekannte und keineswegs neue Standardwerke zurückgreifen. Die Daten seien dann nicht besser als die verwendeten Referenzwerke. Vor diesem Hintergrund, darüber herrschte auf der Konferenz Einigkeit, ist die Neuedition der Schriften Friedrichs II von höchster Bedeutung.

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