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  • 18.07.2007
  • von Carsten Dippel

Melonen für den König

von Carsten Dippel

Francesco Algarotti am Hofe Friedrich II.

Inmitten des Siebenjährigen Krieges erreichte den preußischen Kriegsherrn Friedrich II. eine geheimnisvolle Sendung mit kostbarem Wein und allerlei südländischen Spezialitäten. Ein besonderes Geschenk und sicher eine willkommene Ablenkung vom Grauen des Krieges. Doch wer versorgte den König im staubigen Feldlager so gönnerhaft? Die Spur führt ins sonnige Italien, zu Francesco Algarotti. Bis heute ist sein Name weithin unbekannt, doch zählte er einst zu den profiliertesten Köpfen der europäischen Aufklärung und war zugleich eine schillernde Figur am Preußischen Hofe.

Das Potsdamer Forschungszentrum Europäische Aufklärung (FEA) bemüht sich seit langem, diesen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Philosophen und Hofmann wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. So widmete man Algarottis Leben und Werk unlängst eine internationale Tagung, zu der im kommenden Herbst auch ein Buch erscheinen wird. Einen Eindruck von Algarottis Wirken in Potsdam bietet vor allem der über 20 Jahre geführte Briefwechsel mit dem Preußenkönig, zu dem Prof. Brunhilde Wehinger vom FEA forscht.

Bereits als 25-Jähriger veröffentlicht der aus einer venezianischen Kaufmannsfamilie stammende Algarotti eine aufsehenerregende philosophische Abhandlung über Newton. Über Nacht ist sein Name in aller Munde, es folgt eine atemberaubende Karriere. Von Italien reist er über Paris, London und St. Petersburg 1739 nach Rheinsberg zum geliebten Domizil des preußischen Kronprinzen. In den Händen ein Empfehlungsschreiben von Voltaire. Gelungener konnte man sich dem künftigen roi philosophe kaum präsentieren.

„Friedrich war wohl augenblicklich hingerissen vom Charme des weltgewandten Italieners“, so Wehinger. Gut zehn Jahre lang bleibt Algarotti an der Seite Friedrichs, der ihn nach seiner Thronbesteigung 1740 sogleich zum Grafen ernennt. Er wird königlicher Kammerherr und Mitglied der legendären Tafelrunde, wo er im Glanz von Voltaire brillieren kann. Algarotti steht Friedrich in vielen Dingen zu Diensten, berät ihn bei Oper- und Theaterinszenierungen, beschafft den königlichen Gärtnereien Setzlinge nie gesehener Pflanzen. Er bringt Broccoli und Melonen nach Preußen und bereichert die Küche um italienische Raffinessen.

Vor allem aber dient er dem preußischen König als Kunstagent und Berater in Baufragen, vermittelt ihm den Stil eines Palladio oder Piranesi. Zahlreiche Entwürfe der bedeutendsten italienischen Architekten gelangen so in die königlichen Bestände. Algarotti besorgt italienische Veduten für die Erneuerung der friderizianischen Residenz, für die er sich eine Art öffentliche „Schule der Baukunst“ wünscht. Sein Einfluss wirkt sich vor allem auf die Gestaltung des Alten Marktes aus, wunderbar zu sehen am Alten Rathaus, das sich an einen Entwurf Palladios für einen Palazzo in Vicenza anlehnt.

Zu diesem „praktizierten Kulturtransfer“ zähle allerdings auch eine recht delikate Episode: Im Mantel des (Doppel-)Kunstagenten habe Algarotti zugleich diskret für den ungeliebten Konkurrenten am Sächsischen Königshof gedient. Mit einem entscheidenden Unterschied: Genügten Friedrich II. für seine Gemäldegalerie oftmals Kopien bedeutender Maler, durften es für die Dresdner Sammlung nur Originale sein. Canalettos berühmte Ansichten oder das „Schokoladenmädchen“ von Liotard verdankten sich so der Beschaffungsgabe Algarottis.

Wehinger sieht in Algarotti nicht zuletzt einen der wichtigsten Kommunikationspartner für den preußischen König. In dem auf feinstem Französisch geführten Briefwechsel wurden Gedanken zur Aufklärung und zu den „modernen Wissenschaften“ ausgetauscht. Für beide ein geistreiches Vergnügen und zugleich Ausdruck aufrichtiger Freundschaft. Algarotti habe damit im Zentrum eines europaweiten Netzwerkes gestanden, in dem die Protagonisten der Aufklärung um den roi philosophe und Voltaire, geschützt durch das Briefgeheimnis, miteinander korrespondierten. Ein exklusiver Kreis, der Prestige versprach, zu dem jedoch nur Zugang besaß, wer höchsten intellektuellen Ansprüchen genügte. Es wundere nicht, dass trotz aller Diskretion so mancher Brief weit zirkulierte. So drangen Friedrichs Gedanken zu Krieg und Frieden, wohl nicht ganz ungewollt, bis in die führenden Kreise des katholischen Europas.

Die Beziehung mit dem Preußenkönig kannte jedoch ihre Grenzen. Äußerst gereizt habe dieser reagiert, wenn es um Geld oder Politik ging. Vor allem aber sei trotz des im Geist der Aufklärung geführten Briefwechsels eines immer bestehen geblieben: Die tiefe Kluft zwischen Herrscher und Untertan. Carsten Dippel

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