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  • 30.03.2011
  • von Heike Kampe

Was denkt mein Baby?

von Heike Kampe

Im BabyLab der Uni Potsdam werden Spracherwerb und Entwicklung des Denkens bei Kindern erforscht

Lotte ist neun Monate alt. Und sie darf heute Fernsehen schauen – im Dienste der Wissenschaft. Lotte ist zu Besuch im BabyLab an der Universität Potsdam. Ein Ball, ein Fisch und ein Haus, das sind die Hauptfiguren des Films, die in den nächsten Minuten Lottes ganze Aufmerksamkeit erfordern werden. Wie erleben und entdecken Kinder in den ersten Lebensjahren ihre Umwelt? Wie entwickelt sich ihre Sprache? Ab wann unterscheiden sie verschiedene Handlungen voneinander? Das sind einige der Fragen, denen die Kognitionsforscher im BabyLab auf den Grund gehen.

Auf dem Schoß ihrer Mutter sitzend verfolgt Lotte gespannt das Geschehen auf dem Bildschirm. Hier laufen immer wieder die gleichen Filmsequenzen ab: Im Vordergrund des Bildes ist ein Ball, der stets in die hintere linke Ecke rollt. Dorthin, wo der gelbe Fisch ist. Zum bunten Haus, das auf der anderen Seite steht, rollt der Ball nie. Lotte wird beim Zuschauen von einer Videokamera aufgezeichnet. Anschließend werden ihre Reaktionen analysiert. Die Wissenschaftler interessieren sich besonders für die Blickzeiten des Kindes. Wie lange Lotte aufmerksam den Film verfolgt, verrät den Forschern nicht nur, was sie besonders interessant findet, sondern auch, welche Unterschiede sie wahrnimmt. „Das Ziel der Untersuchungen ist es, zu verstehen, wie Kinder die Handlungen anderer Personen wahrnehmen“, erläutert die Entwicklungspsychologin Birgit Elsner. Die Babyforscherin leitet gemeinsam mit der Sprachwissenschaftlerin Barbara Höhle das BabyLab auf dem Campus in Golm.

Auf dem Bildschirm tut sich etwas: Haus und Fisch vertauschen die Seiten. Nun wird es auch für die Forscher spannend. Was erwartet das Kind vom Ball? Wohin wird er rollen? Rollt der Ball zum Fisch, behält er das Ziel bei, ändert aber die Richtung? Rollt er zum Haus, ändert er das Ziel und behält die Richtung? „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Kinder erwarten, dass das Ziel beibehalten wird“, erklärt Birgit Elsner. Denn rollt der Ball wider Erwarten zum Haus anstatt wie bisher zum Fisch, schauen die Kinder länger auf den Bildschirm. Dass unser Handeln Ziele verfolgt und einen Sinn hat, wissen wir bereits sehr früh im Leben. „ Das verstehen die Kinder schon im ersten Lebensjahr“, so Elsner.

Doch damit nicht genug. Der Ball in Lottes Testfilm hat Merkmale, die ihn als „lebendig“ erscheinen lassen. So „blickt“ er etwa einige Male hin und her, bevor er losrollt, so als würde er sich bewusst für ein Ziel entscheiden. In anderen Testfilmen rollt eine Billardkugel ohne diese „Lebenszeichen“ auf ein Ziel zu. Das Erstaunliche: Die Kinder reagieren jeweils unterschiedlich. Sie erwarten, dass der „lebendige“ Ball das Ziel beibehält, die Billardkugel dagegen die Richtung. „Menschen besitzen sehr früh in ihrem Leben Wissen darüber, dass es lebendige und nicht lebende Dinge gibt“, erläutert Birgit Elsner. Und auch, dass nur belebte Dinge in der Lage seien, eigenständig zu handeln. Dies sei die Grundlage für unsere Kommunikation und das Verstehen der Gefühle und Handlungen anderer Menschen.

Während Lotte sich bewegte Bilder anschaut, geht es einige Zimmer weiter für Anna um Geräusche. Die Sprachwissenschaftlerin Barbara Höhle interessiert sich besonders dafür, wie der Spracherwerb im ersten Lebensjahr funktioniert. Die acht Monate alte Anna sitzt im Sprachlabor auf dem Schoß ihrer Mutter, die von den Geräuschen ringsum nichts bemerkt, denn sie hat Kopfhörer auf. „Damit die Mutter das Kind nicht unbewusst beeinflusst“, erklärt Barbara Höhle.

Annas Aufmerksamkeit wird durch eine grün blinkende Lampe geweckt. Jetzt kann das Experiment starten. Von rechts erklingt zunächst ein Rauschen. Dann wird eine Abfolge aneinandergereihter Silben hörbar. Anna blickt gespannt in die Richtung, aus der die Töne kommen. Ihre Reaktionen werden von einer Kamera aufgezeichnet. Wie bei Lotte geht es auch hier um die Blickzeiten des Kindes. Ihre Dauer ist für die Sprachwissenschaftler ein Indikator dafür, wie interessant die verschiedenen sprachlichen Reize für die Kinder sind. Die Geräusche von rechts ebben nun ab. Jetzt ertönen von der linken Seite ähnliche Silbenketten, die sich aber in Lautstärke und Betonung leicht unterscheiden. „Diese Tests geben Aufschluss darüber, wie früh das Kind sich auf Sprachmelodie und Betonungsmuster der Muttersprache einstellt“, erläutert Barbara Höhle.

Nicht alle Kinder halten den zehnminütigen Test so gut durch wie Lotte und Anna, nicht alle Daten können verwendet werden. Die Forscher freuen sich immer über neue Probanden, denn etwa 24 gleichaltrige Kinder sind pro Test und Altersgruppe nötig. Bereits ab einem Alter von vier Monaten können Kinder an den spielerischen Experimenten teilnehmen. Lotte und Anna waren jedenfalls mit Begeisterung dabei. Heike Kampe

Im Internet:

www.uni-potsdam.de/babylab

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