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  • 26.05.2010
  • von Richard Rabensaat

„Ey Alder, isch mach dich Messer“

von Richard Rabensaat

Spezifisches Sprachgemisch. Kiezdeutsch ist eine ganz eigene Sprache.Foto: ddp

„Kiezdeutsch“ ist kein minderwertiges Deutsch, meint Heike Wiese. In ihrem Forschungsprojekt entsteht ein „Kiezdeutsch-Archiv“

Auf ihr Forschungsobjekt stieß sie beim Bus fahren und bei Einkäufen in ihrem Wohnort, dem Berliner Stadtteil Kreuzberg: Ein ganz spezifisches Sprachgemisch vernahm die Potsdamer Sprachsoziologin Heike Wiese dort – und ihr professionell geschultes Ohr wurde hellhörig. Einflüsse der verschiedenen Herkunftsländer im Kiez haben für eine Schicht von etwa 12- bis 19-jährigen Jugendlichen eine besondere sprachliche Ausdrucksform hervorgebracht, nahm die Sprachwissenschaftlerin an. Diesem „Kiezdeutsch“, seinen speziellen grammatischen und sprachlichen Regeln, widmet sich Heike Wiese heute als Leiterin eines Forschungsprojektes am Zentrum für Sprache, Variation und Migration der Universität Potsdam, das noch bis 2011 gefördert wird.

Phrasen wie „Ey Alder, isch mach dich Messer“, sind mittlerweile als Klischee in TV-Comedy-Sendungen angekommen. Erkan und Stefan oder Kaya Yanar machen als Komödianten deutlich, was die Soziolinguistin Heike Wiese ausspricht, wenn sie feststellt, Kiezdeutsch sei eine weitere sprachliche Dimension – und nicht etwa minderwertiges Deutsch. „Das Deutsche gibt es nicht“, behauptet Wiese. Sprache sei stets im Wandel. Erste Ergebnisse des Forschungsprojektes stellten drei Doktorandinnen jetzt bei einer Veranstaltung der Gesellschaft für deutsche Sprache vor.

„Wir sind dabei, ein Archiv zum Kiezdeutsch zu erstellen, einen Kompass“, erklärt Projektmitarbeiterin Katharina Mayr. Zusammen mit Kerstin Paul und Kathleen Schumann erläuterte die Sprachwissenschaftlerin, dass es sich bei „Kiezdeutsch“ um ein anderes, aber nicht minderwertiges Deutsch handele. Deutschland ist mittlerweile ein Einwanderungsland und sogar eines, das zu erstaunlich erfolgreicher Integration fähig ist, wie der Sachverständigenrat für Integration und Migration soeben in einem Gutachten festgestellt hat. Damit wandelt sich auch die Sprache, jedenfalls in den Städten und Stadtvierteln, in denen verschiedene Ethnien aufeinander treffen. Wie der Wandel der Sprache genau einzuschätzen ist, will das Team um Heike Wiese nun herausfinden.

„Wir haben nachgeprüft, ob sich beim Kiezdeutsch sprachliches Unvermögen widerspiegelt“, beschreibt Mayr den Forschungsansatz. Beim Vergleich von zwei Schülergruppen in Hellersdorf und Kreuzberg hätten sich dann zwar massive Vorurteile gegen die multiethnisch geprägte Sprechweise gezeigt. Es sei aber auch klar geworden, dass es sich um einen Slang handele, von dem aus die meisten beliebig in die Normsprache wechseln könnten. Die Jugendlichen passten ihren jeweiligen Sprachslang der Umgebung an, in der sie sich artikulieren. So entstehe eine spezielle Jugendsprache, die von Deutschen und von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gleichermaßen gesprochen werde. Im Bewerbungsgespräch, oder wenn es sonst nötig sei, seien die Jugendlichen meist durchaus in der Lage, sich „korrekt“ auszudrücken. Problematisch werde es lediglich dann, wenn sowohl die Sprache des Herkunftslandes wie auch das Deutsche nur mangelhaft beherrscht werde.

Die Sprachwissenschaftler vergleichen die „Kiezsprache“ daher mit einem Dialekt. Wie dieser lasse der Slang nicht auf sprachliches Unvermögen schließen, sondern sei lediglich eine Besonderheit. Diskutiert werden die Eigenheiten der neuen Mundart spätestens, seit der Schriftsteller Feridun Zaimoglu 1995 sein Buch „Kanak Sprak“ veröffentlichte. „Zaimoglu formuliert ein sehr stilisiertes Kiezdeutsch“, stellt Kerstin Paul fest. Das zeige sich nicht zuletzt an Wortfindungen wie „Klimperklumperochsenauge“.

Die bisherigen Forschungsergebnisse lassen vermuten, dass es sich bei „Kiezdeutsch“ um ein Phänomen handelt, mit dem Jugendliche ihr Selbstverständnis artikulieren und sich als zusammengehörige Gruppe definieren. Das kennt man auch aus anderen Zusammenhängen. Wenn Manager hochtrabend von „buyout“, „outsourcing“ und „benchmarks“ schwadronieren und ihre Präsentationen mit sinnfreien Anglizismen spicken, definieren auch sie ihre Bezugsgruppe.

Wenn laut Unesco von insgesamt 6500 Sprachen der Welt bald etwa die Hälfte ausgestorben sein wird, kann es durchaus wünschenswert sein, dass sich ein neuer Slang herausbildet. Schließlich brachte auch die Hippiekultur der 60er Jahre ein ganz besonderes Sprachgemisch hervor. Dadurch werden Reportagen wie die Michael Herrs, die als Grundlage für den Kriegsfilm „Apokalypse Now“ dienten, besonders authentisch. Leider sind sie heute nahezu unverdaulich. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, wusste schon der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Richard Rabensaat

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