Abhängigkeiten lösen. Für James Woolsey ist Energiepolitik auch eine Sicherheitsfrage. Foto: Manfred Thomas
„Deutschland sollte unser Vorbild sein“
Der US-Politstratege R. James Woolsey über Klimaschutz und internationale Sicherheitspolitik (10.03.10)
Herr Woolsey, Sie beschäftigen sich mit dem Klimawandel und internationaler Sicherheitspolitik. Wo liegt für Sie dabei die Verbindung?
Die Kernfrage ist, ob die Energieversorgung im 21. Jahrhundert sauber, sicher und finanzierbar sein kann. Viele Ansätze die Kohlendioxid-Emission zu reduzieren sind Schritte, die man ebenso unternehmen würde, um Sicherheitsfragen zu gewährleisten. Beispielsweise ist das elektrische Stromnetz wesentlich sicherer vor Computerhackern oder terroristischen Attacken, wenn es mit sogenannten Insel-Stationen aufgebaut wird. Dann kann jeder kleine Teil davon noch funktionieren, wenn andere Teile ausfallen. Dazu müssen kleine Einheiten in den einzelnen Gemeinden aufgebaut werden. Deutschland hat hier bereits einen großen Schritt zur Implementierung solcher Energienetze getan. Dezentrale Energienetze, die aus kleinen Einheiten der Solar-, Wind- und Biomasse-Energie gespeist werden, das ist der Weg für die Zukunft. Die Energie wird dadurch sauberer und die Dezentralisierung ist ein großer Garant für die Sicherheit.
Sind für Sie auch erneuerbare Energien ein Teil der Lösung?
Ein sehr, sehr wichtiger Teil. Ein anderer Teil der Lösung könnten die Vorkommen von in Schiefergestein eingelagertem Shale-Gas in Osteuropa und Großbritannien und Kanada sein. Es findet sich in Regionen, in denen es kein herkömmliches Erdgas gibt. Diese Gasform wird die Verfügbarkeit von Gas als Energiequelle um den Faktor drei bis vier erhöhen. Das wird voraussichtlich auch die Gaspreise niedrig halten. Zusammen mit den erneuerbaren Energien wird das ein Schritt zur Transformation in eine mehr und mehr nachhaltige Energieversorgung der Zukunft sein.
Inwiefern betrifft das auch die Sicherheitspolitik, speziell in Europa?
Europa wird durch Shale-Gas weniger verwundbar durch die russische Energiepolitik, weil es unabhängig von den russischen Gas-Vorkommen würde. Sonst könnte Gas für Europa zu einem strategischen Problem werden. Gas hat also sehr viele Vorteile gegenüber Kohle, es verursacht auch nur ein Drittel der CO2-Emission von Kohle. Gas-Anlagen sind zudem sehr viel effizienter als Kohlekraftwerke.
Klimaschutz als strategisches Ziel der US-Politik – mit Verlaub, das klingt erst einmal recht überraschend.
Die USA müssen in dieser Frage etwas tun. Wir können dabei von Deutschland lernen, etwa was die Einspeisungspraxis für das Stromnetz betrifft. Das ist ein Steuerungswerkzeug, das auch kleinen Unternehmen ermöglicht, Strom etwa aus Solarenergie zu verkaufen. Das macht es vielen Einrichtungen, auch Schulen, Privatfirmen oder Landwirten möglich, mit erneuerbaren Energien Geld zu verdienen. Die Menschen produzieren ihre eigene Energie und verdienen auch noch Geld damit. Daher hat Deutschland eine wesentlich höhere Solarenergie-Kapazität als die USA. Auf einem Gebäude in München werden zwei Megawatt Solarenergie produziert, das ist so viel, wie im ganzen Staat Florida oder Texas. Deutschland ist in dieser Frage weltweit darin führend, das sollten wir auch in den USA einführen.
Wie sieht es mit dem Erdöl aus? Sie haben im Irak-Krieg die Abhängigkeit des Westens von den Ölstaaten kritisiert.
Heute dominiert Erdöl 95 Prozent des Verkehrssektors der USA, die Stromgewinnung ist nur sehr wenig davon betroffen. Auch wenn es sehr wichtig ist, aus strategischen Gründen und für den Klima- und Umweltschutz den Ölverbrauch zu drosseln, ist die Elektrizitätsversorgung von der Erdöl-Frage kaum betroffen. Um uns vom Öl unabhängig zu machen, können wir aber beispielsweise Plug-In-Hybrid-Autos mit größeren Akkus entwickeln. Die werden nachts am Stromnetz aufgeladen, wenn dieses nicht voll ausgelastet ist. Das spart dann am nächsten Tag auf den ersten 50 Kilometern Sprit. Hinzu kommen Biokraftstoffe aus biologischen Abfällen. Es gibt viele Wege, uns von der Abhängigkeit vom Erdöl zu lösen.
Welche Rolle spielt in Ihrem Konzept die Atomenergie?
Sie ist relativ CO2-neutral und sehr günstig. Wenn es um Nuklearenergie im Westen geht, müssen wir uns um die Risiken der Atomkraftwerke, also Atommüll und Kraftwerkssicherheit, Gedanken machen. Wenn es aber weltweit um Atomkkraft geht, haben wir ein großes Problem. Wenn etwa Iran die Atomkraft nutzt, wollen das auch andere sunnitische Staaten in der Region. Das wollen sie aber nicht hauptsächlich zur Energiegewinnung, sondern um Uran so anzureichern, damit es für Atomwaffen nutzbar wird.
Ihr Besuch in Potsdam war nicht Ihr erster Aufenthalt in Deutschland.
Nein, ich war bereits 1960 in Berlin und habe dort im Sommer als Freiwilliger beim Roten Kreuz gearbeitet. Ich habe kleinen Kindern im Gebäude des damaligen Flüchtlingswohnheims am Askanischen Platz Englisch beigebracht. 1960 war die Sektorengrenze noch direkt vor diesem Gebäude, bevor sie zum Checkpoint Charlie verlegt wurde. Damals konnten wir aus dem Gebäude die Volkspolizisten beobachten, wie sie Menschen festnahmen, die die Straße überqueren wollten. Das war meine erste Begegnung mit dem Kalten Krieg. Als ich nun zu dem Gebäude kam, fand ich dort die Redaktion des „Tagesspiegels“ vor. So können sich die Zeiten ändern.
Das Gespräch führte Jan Kixmüller
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Zur Person:
Robert James Woolsey (68) ist einer der Vordenker konservativer Sicherheitspolitik in den USA. 1993 bis 1995 war er Chef des CIA, er hat vier US-Regierungen als hoher Regierungsbeamter gedient. Woolsey gilt als einer der prominentesten „Falken“, wie die Hardliner in der US-Politik heißen. Er ist Mitglied in zahlreichen Gremien, darunter der US-Verteidigungsausschuss und die US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies. 2005 rief er das Commitee of the Present Danger wieder ins Leben, das im Kalten Krieg antisowjetische Ziele hatte und heute den „Kampf gegen den Terror“ propagiert. Am Montag sprach er vor der Potsdamer Gesellschaft über Klimaschutz, Globalisierung und Sicherheit. Kix
Kommentare
Dem geneigten Beobachter wird doch schnell klar, warum der Ex-CIA-Chef so geleutert daher kommt: es geht doch nicht um Umweltschutz, sondern nur darum, den Erdöl-Ländern den Einfluss zu nehmen. Und den Kampf gegen den Terror eine "grüne" Berechtigung zu geben...
C. Werner (10.03.2010)